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Gefährliches Nichtstun

31. Januar 2011

Erst verweigert sie sich jeder vernünftigen Geldanlage und huldigt ihrem Tagesgeldfetisch – um sich dann wie irre ins Risiko zu stürzen: eine Bestandsaufnahme der Generation ING-Diba

erschienen in der FTD am 31.1. 2011

Im Grunde genommen müsste ich meinen guten Freunden und besseren  Bekannten dankbar  sein. Denn allenfalls ein halbes Dutzend Mal habe  ich in den letzten Jahren jene Frage gehört, der  jedem Finanzjournalisten den Schreck in die Glieder  fahren lässt: „Du bist ja so nah dran an den  Sachen, da hast du doch sicher mal einen guten Tipp für mich, in  welchen Fonds oder welche Aktie ich mal ein bisschen  Geld anlegen soll.“

Dass meine Beratungskompetenz bislang kaum auf die Probe gestellt wurde, liegt allerdings nicht an der Höflichkeit meiner Freunde und ihrem Wissen, dass mein Beruf gewissen Standesregeln unterliegt. Es liegt schlicht daran, dass ich umringt bin von Menschen, die ich die Generation ING-Diba getauft habe – in Anlehnung an den Verkaufsschlager des Tagesgeldkontos: Sie sind zwischen Mitte 20 und Mitte 40, meist Akademiker, städtisch, haben zwar ein gut gestempeltes Bonusheft beim Zahnarzt, aber auch eine veritable Versorgungslücke im Alter  – und türmen ihre Ersparnisse fleißig auf Tagesgeldkonten, deren Verzinsung seit Jahren weitgehend von der Inflation aufgefressen wird.

Sie sind Totalverweigerer in Sachen Geldanlage, Fonds, Aktien, Vorsorge und Vermögensberatung. Sie ziehen einen Besuch beim Zahnarzt klar dem Besuch bei einem Anlageberater vor. Sie  wissen, dass das, was sie in Sachen Geldanlage  machen – nämlich weitgehend nichts – vollkommen irrationaler Quatsch ist. Sie zappen  schnell weiter, wenn im Fernsehen die Riester-Rente  erklärt wird, verschlingen aber – um  kognitive Dissonanzen auszumerzen – jede  Zeile über Falschberatung und Vertriebsdruck bei  Banken, über Lehman-Zertifikate und natürlich die  Risiken am Aktienmarkt – um sich zu  beruhigen, dass Nichtstun auch eine gute Lösung sein kann.

Manche der älteren Vertreter der Generation ING-Diba haben früher mal ein bisschen mitgezockt am Neuen Markt, und dann haben sie einfach irgendwann nicht mehr ins Depot geschaut, als es bitter wurde. Dafür schauen sie heute um so öfter zufrieden auf ihr online geführtes Tagesgeldkonto, obwohl die Quartalsgutschriften an Zinsen nicht einmal für zwei Kaffee bei Starbucks reichen.

Weil die Generation ING-Diba demografisch (noch) Zulauf hat und auch in benachbarten Alterskohorten immer mehr Anhänger findet, ist die Zahl der Aktionäre im letzten halben Jahr laut dem Deutsche Aktieninstitut in Deutschland alleine im zweiten Halbjahr 2010 um eine halbe Million auf 8,2 Millionen gesunken. Und das trotz einer kräftigen Rally im Deutschen Aktienindex (DAX), dem stärksten Wirtschaftsaufschwung seit fünf Jahrzehnten und einer Rekordbeschäftigung am Arbeitsmarkt.

Die zwei Aktienmarktcrashs binnen nur zehn Jahren sind sicher ein Grund für diese Entwicklung, aber keineswegs der entscheidende. Schließlich folgte beiden Einbrüchen 2003 und 2009 auch eine fulminante Aufholjagd, und wer nicht gerade zu den zeitweiligen Höchstkursen eingestiegen ist, hat selbst mit deutschen Standardwerten bis heute ein meist nettes Plus eingefahren.

Das Problem ist vielmehr die Tatsache, dass Menschen weder in der Schule noch an der Universität wirklich dazu befähigt werden, Finanzprodukte zu verstehen und vernünftige Kriterien für ihre Geldanlage zu entwickeln. Ohne das Rüstzeug finden sie sich plötzlich, mit einem guten Einkommen oder gar einem Erbe ausgestattet, wieder in einer immer komplexeren Welt der Anlageprodukte, oft provisionsorientierter Berater und teils bis an die Schmerzgrenze besserwisserischer Verbraucherschützer, Politiker und mancher Finanzjournalisten, die garantiert an jeder Form der Geldanlage und jedem Produkt etwas auszusetzen haben.

Die Perfidie der Lage: Viele Vorsorgeprodukte mögen teuer sein, viele Berater trotz anderslautender Werbung nicht unabhängig, viele Banken frech – aber selbst ein teurer Fonds, eine frech provisionierte Riester-Police und sogar manche zu Recht verteufelte Kapitallebensversicherung hat gute Chancen, auf lange Sicht den negativen Realzins zu schlagen, den die Totalverweigerer der Generation ING-Diba derzeit erwirtschaften. Nur passt dies nur selten in die Köpfe jener Berufskritiker, denen jede Empathie fehlt für die Mischung aus Ignoranz und Verzweiflung, die für die Generation ING-Diba oft typisch ist.

Solange die Politik aber weiter glaubt, nicht die dringend nötige frühe Bildung der Anleger, sondern eine schärfere Regulierung von Finanzdienstleistern und Beratern sowie strengere Transparenzpflichten für Produkte brächten die Menschen wirklich weiter, wird die Verweigerergeneration weiter wachsen.

Natürlich folgt das  gepflegte Nichtstun vieler Menschen auch der so  einfachen wie kruden Logik: Wer nichts macht, macht  eben auch nichts falsch. Für die Generation ING-Diba  trifft das indes nicht zwingend zu. Denn wenn das,  was in meinem Umfeld seit einer Weile passiert – und mir ist klar, dass ich mich mit dieser  Analyse auf dem Gebiet der  anekdotischen Evidenz bewege – halbwegs repräsentativ ist, machen viele  Mitglieder der Generation ING-Diba nach Jahren des  Nichtstuns einen Sprung, dass es  einen nur kalt schütteln kann:  Irgendwann geht es vom Tagesgeld geradewegs hinein  in den Immobilienmarkt, von der mobilsten aller  Anlageformen in die immobilste; wo vorher null  Risiko war, gibt es plötzlich ein  aberwitziges Klumpenrisiko.

Vernünftige und stark geförderte private oder betriebliche Altervorsorgemodelle hat es nie gegeben, und wenn doch, werden sie  kurzerhand gekündigt oder  stillgelegt. Menschen, die sich zuvor noch jahrelang  ins Hemd machten, von ihrer Bank falsch beraten zu  werden, hören plötzlich auf beruflich quer  eingestiegene Immobilienmakler, zahlen ihnen  fünfstellige Provisionen, ketten sich an  jahrzehntelange Tilgungspläne, referieren über  historische Chancen der niedrigen Zinsen und  natürlich die drohende Inflation, man liest es ja  überall.

Würde man die Wohnlagen und Kieze, über die manche so parlieren und die angeblich „schwer im Kommen“ sind in Berlin, München, Hamburg oder Frankfurt, durch irgendwelche Internet- oder Biotechklitschen ersetzen – es wäre exakt der Sprech, den die Generation X am Neuen Markt vor gut zehn Jahren draufhatte. Mit bekanntem Ende.

erschienen in der FTD am 31.1. 2011

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From → FTD Kolumnen

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