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Keine Chance dem Fonds-Mittelmaß

9. Mai 2011

Kaum eine Branche scheitert so oft an eigenen Renditeversprechungen wie die Fondsanbieter – und lässt sich das auch noch teuer bezahlen. Dagegen sollten sich die Kunden endlich wehren

erschienen in der FTD am 9.5.2011

Stellen Sie sich einmal vor, dass Sie in einer Stadt leben, die bekannt ist für eine schier unglaublich katastrophale Gastronomie. Für die unzählige Studien ergeben haben, dass die Köche in vier von fünf Fällen das Essen ruinieren. In der munter damit geworben wird, dass der Koch zwar seit 2008 nur noch Mist macht, aber davor spitze war und bestimmt bald wieder seine Zeit komme. In der es eine starke Fluktuation an Restaurants und Köchen gibt. Und in der die Menschen bis heute die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass sie einen Koch erwischen, der mal einen guten Tag hat.

Nun stellen Sie sich einmal weiter vor, dass Sie in einem Restaurant Platz nehmen und in der Speisekarte den Hinweis lesen, dass eine „Performancegebühr“ in Höhe von 20 Prozent auf den Menüpreis fällig wird, sollte dem Koch das Gericht gelingen – im Wissen, dass er es in vier von fünf Fällen ja ruiniert, Sie aber trotzdem dann den vollen Preis zahlen müssen.

Vermutlich würde sich ein Gast in diesem Szenario hin- und herdrehen und die versteckte Kamera suchen. Es beschreibt aber den Zustand, in dem sich die Fondsindustrie befindet; eine Industrie, die in jeder einzelnen Sekunde knapp 30 000 Euro an Kundenvermögen vernichtet – zumindest wenn man einer Studie glaubt, die der Technologiekonzern IBM erstellt hat und die der Financial Times vorliegt.

Darin führen die Forscher aus, dass die Fondsindustrie schlicht überbezahlt sei für das, was sie leiste, und daher Kundengelder vernichte – auf umgerechnet knapp 900 Mrd. Euro Schaden pro Jahr kommen die Analysten in dem Werk, das sich „Financial Markets 2020“ nennt und unter Verschluss ist.

Über die genauen Zahlen kann man streiten. Doch auch eine in der vergangenen Woche vorgestellte Studie des Instituts für Vermögensaufbau (IVA) hat belegt, dass es vier Fünftel aller in Deutschland zugelassenen und aktiv verwalteten Investmentfonds über zehn Jahre nicht geschafft haben, ihren jeweiligen Vergleichsindex zu schlagen.

Zugegeben: Bei derartigen Zahlen und Studien hat sich bereits ein Gewöhnungseffekt eingestellt. Die Erkenntnis, dass 80 Prozent der Fondsprofis samt ihrem administrativen Rattenschwanz aus Analysten, Risikomanagern, Controllern, Marketing- und Vertriebsprofis versagen, ist nicht neu.

Aber sie sind bei näherer Betrachtung eigentlich vollkommen unglaublich. Daher ist eine längst überfällige Rebellion der Kunden gegen hohe Gebühren für schlechte Leistung nur noch eine Frage der Zeit. Müsste sich die Branche tatsächlich einem freien Wettbewerb stellen wie andere Dienstleister – etwa Köche, Kfz-Mechaniker oder Reinigungskräfte –, die meisten wären schnell pleite.

Vor allem aus zwei Gründen sind sie aber bis heute durchgekommen: Erstens versagen die Anbieter in einem noch immer sehr stark fragmentierten Markt kollektiv – nur ganz wenige Gesellschaften bieten über ihre komplette Palette hinweg überzeugende Produkte an. Die Vermögensverwaltung „Marke Eigenbau“ ist für viele Profis wie Privatanleger aber schlicht nicht darstellbar und Fonds daher alternativlos. Zweitens gerät schnell in Vergessenheit, dass die Branche noch ein sehr junger Dienstleistungszweig in einer stürmischen Wachstumsphase ist. Das verwaltete Vermögen allein der deutschen Fondsanbieter hat sich in den letzten 20 Jahren verelffacht, das Vermögen der Aktienfonds sogar verdreiundzwanzigfacht. Echte Umbrüche kennt die Branche gar nicht, das Geld kommt so oder so rein, mal in Aktien-, mal in Geldmarkt-, mal in Anleihenfonds. Irgendeine Sau gibt es immer, die sich durchs Dorf treiben lässt: Bis vor ein paar Monaten waren es noch Schwellenländerfonds, aktuell eben Mischfonds. Einen echten Zwang zur Konsolidierung der vollkommen überdimensionierten Fondspaletten mit über 10500 Fonds allein in Deutschland hat es noch nicht gegeben.

Paradoxerweise herrscht auch in der Branche überhaupt kein Zweifel, dass man nicht noch weitere zehn Jahre so wird weiterwurschteln können wie in den letzten zehn. Weiterwurschteln mit der Tatsache, dass nicht ein Fondsmanager mit Verstand, sondern der Vertrieb bestimmt, welche Produkte aufgelegt oder besonders aggressiv verkauft werden.

So geht es weiter mit dem ständigen Versagen in der eigentlichen Aufgabe, dem Schlagen eines Vergleichsindex. Weiterwurschteln mit dem Etikettenschwindel, wenn etwa ein Hedge-Fonds eines großen französischen Anbieters als Mischfonds vertrieben wird. Weiterwurschteln mit immer neuen Gebührenmodellen. Mit dem kreativen Umgang von Betrachtungszeiträumen, bis der eigene Fonds dann auch gut aussieht. Mit jährlich über einem halben Dutzend Awards, mit denen sich die Branche selbst feiert und ihre Fonds behängt. Mit dem Anspruch, einen Index schlagen zu wollen, aber letztlich doch kaum von dem Index abzuweichen für die kassierten Gebühren. Und weiterzuwurschteln mit der Praxis, dass kaum ein Fondsmanager mal den Mut hat, auch mal antizyklisch dagegenzuhalten, wenn der Markt brutal abschmiert, oder aus dem Risiko zu gehen, wenn er durch die Decke geht – weil in vielen großen Häusern die Führung den Fondsmanagern letztlich doch stets reinredet.

Erkundigt man sich bei den Protagonisten der Fondsszene, wie sie die eigene Branche in zehn Jahren sehen, fällt dieses Bild überraschend eindeutig aus: Die Zukunft gehört einerseits den kleinen und hoch spezialisierten Anbietern und den großen und günstigen Indexfondsanbietern andererseits. Der heute noch wuchtige Mittelbau, die Vollanbieter, die in allen Kategorien Produkte anbieten, ohne wirklich die Kapazitäten zu haben, auch in allen Kategorien gut zu sein, werden hingegen große Schwierigkeiten bekommen.

Privatanleger tun gut daran, sich auf dieses Szenario schon heute einzustellen – und sich zu entscheiden, ob sie ihr Geld sehr guten Spezialisten anvertrauen oder aber in ein günstiges Indexprodukt investieren. Und wer in dem Grundrauschen der Branche völlig verwirrt ist, suche einfach das billigste Produkt. Denn eine der wichtigsten Determinanten für den künftigen Erfolg eines Produkts ist nicht die Leistung des Managements in der Vergangenheit, sondern schlicht und einfach die Höhe der Gebühren.

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From → FTD Kolumnen

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