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Die Lehman-Kinder

25. Mai 2011

Die Finanzkrise und die Lehman-Pleite waren für das Denken und Anlageverhalten der unter 30-Jährigen ein Schock fürs Leben. Weder Staat noch Banken haben das hinreichend erkannt

erschienen in der FTD am 25.5.2011

Die meisten Deutschen gehen lieber zum Zahnarzt als zur Bank. Das ist das wenig überraschende Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des deutschen Fondsverbands BVI – schließlich ist es kein Geheimnis, dass viele Bürger auch mangels Wissen mit dem Thema Geldanlage auf Kriegsfuß stehen. Überraschender ist in der am Freitag veröffentlichten Studie etwas anderes: Die Einstellung der Generation der 18- bis 29-Jährigen zum Thema Geldanlage. Ein (ein!) Prozent der jungen Leute sorgt demnach mit Aktien für das Alter vor. Stattdessen greifen 80 (achtzig!) Prozent der 18- bis 29-Jährigen zu Spar- oder Tagesgeldkonten als Altersvorsorge.

Natürlich haben die meisten Menschen in ihren 20ern zu Recht andere Dinge im Sinn als die Beschäftigung mit Aktien. Dass jedoch ausgerechnet jene Anleger mit einem potenziell sehr langen Anlagehorizont jener kurzfristige Sparform huldigen, die ihnen nach Abzug der Inflation derzeit nicht einmal den Wert des Geldes erhält, zeigt auch etwas anderes: wie tief das Misstrauen dieser Bevölkerungsschicht inzwischen gegenüber den Finanzmärkten, Banken und Vermögensberater sein muss – bei zugleich extrem dünnem Finanzwissen.

Woher kommt diese Skepsis? Eine große Rolle spielen die gleichen Gründe, die auch Menschen anderer Altersgruppen dazu verleiten, ihr Geld auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten zu türmen: Lieber nichts tun als etwas falsch machen. Risiken als weit größer wahrnehmen, als sie tatsächlich sind. Finanzwissen wird einem ja weder in der Schule noch in der Familie oder im Freundeskreis vermittelt – Geld ist in Deutschland ein Tabuthema.

All dies greift aber zu kurz. Denn das wahre Problem ist, dass die Lehman-Pleite für das Denken und Anlageverhalten der heute unter 30-jährigen weitaus prägender ist, als sich dies Menschen über 30, aber auch die meisten Banken und Finanzdienstleister vorstellen können.

Wer in seinen 30ern ist, hat zumindest schon mal den New-Economy-Wahnsinn der Jahrtausendwende erlebt, mit all seiner Gier, den betrügerischen Emissionsbanken, und natürlich mit dem anschließenden Absturz von Wirtschaft, Börse und der T-Aktie. Mancher als Zuschauer, viele als Anleger. So etwas härtet ab. Wer in seinen 40ern und älter ist, hat nicht nur das erlebt, sondern die rauschhaften 80er obendrein (mit den Crashs 1987 und Anfang der 90er). Da hauen einen 40 Prozent Minus mit Aktien wie im Jahr 2008 nicht um.

Lehman war und ist aber mehr. Weit mehr. Es ist nicht nur für die Finanzindustrie, sondern auch für ihre Kunden ein Wendepunkt – und das weniger wegen der Ereignisse an sich und des Schocks, sondern wegen all dessen, was seitdem passiert ist: nämlich weitgehend nichts. Und genau dafür haben auch Menschen unter 30 recht feine Sensoren, wahrscheinlich bessere als die etwas abgezocktere Generation Ü30.

In den vergangenen Monaten habe ich drei Vorträge gehalten über Finanzmärkte vor einem meist studentischen Publikum unter 30. Die Fragen, die anschließend kamen, waren immer dieselben, und ich hatte darauf keine wirklich überzeugenden Antworten: Was hat sich denn getan bei den Ratingagenturen? Was bei der Bändigung der Handelsabteilungen der Banken? Warum wird mit Rohstoffen weiter spekuliert wie wild? Warum weiß man immer noch so wenig über die Risiken, die bis heute in den Bankbilanzen schlummern? Warum ist der Vertriebsdruck bei Banken wie Vermittlern weiterhin so enorm hoch? Was, Sie Schlauschwätzer da vorn, dessen Gilde ja vorher auch nichts kommen sehen hat – was hat sich denn bei Ihnen in der Redaktion geändert?

All dies ist mehr als ein philosophisches Problem oder eines der Banken, deren Kunden sich misstrauisch von ihnen abwenden. Tatsächlich ist es auch ein gesellschaftliches und politisches Problem von dramatischem Ausmaß. Seit rund 15 Jahren zieht sich der Staat immer stärker aus seiner Rolle als Versorger zurück. Staatliche Rentenleistungen schrumpfen, der gesetzliche Berufsunfähigkeitsschutz wurde abgeschafft, Pflegeleistungen sinken, private Vorsorge soll mehr und mehr die staatliche ersetzen. Zugleich hat ein Bürger heute in immer mehr Lebensbereichen die Wahl zwischen Hunderten Anbietern von Strom, Gas, Internet, Handy, Telefon und nicht zuletzt Krediten. Wäre es da nicht auch die dringende Pflicht der Politik, die Bürger zumindest grundlegend in Schulen zu befähigen, mit den Themen Verbraucherwissen, Anlage, Kredit, Vorsorge, Baufinanzierung umzugehen?

Zugegeben: Der Ruf nach dem Staat und nach mehr Bildung wirkt platt, ist aber zielführender als der Versuch, das Thema Geld und Anlage in unserer Gesellschaft zu enttabuisieren. Für den Staat wären Investitionen in diesem Bereich ein gutes Geschäft: Dann würden ihm nicht mehr so viele Bürger vor die Füße fallen wie heute – sei es durch die stetig steigende Zahl von Privatinsolvenzen oder durch die zunehmende Altersarmut. Es ist schließlich nicht nur der Rückzug des Staates, der dafür sorgt, dass das Thema Geld an allen Ecken und Enden des Lebens pressiert: Auch Familien werden kleiner, Biografien haben mehr Brüche, privat wie beruflich, kurz: Das soziale Netz wird dünner und grobmaschiger.

Die Lehman-Pleite hat die Generation der heute unter 30-Jährigen (beileibe aber nicht nur die) auch noch in einem anderen Punkt versaut: Einer der Gründe dafür, dass sich gerade jüngere Menschen immer noch weigern, sich mit Vorsorge zu beschäftigen, ist ein trotz unübersehbarer Rückzugsbewegungen noch immer vorhandener Glaube an den Sozial- und Wohlfahrtsstaat.

Also ziemlich genau das Gegenteil dessen, was einem ein Finanzberater gern erzählt: dass man etwas tun müsse, weil es der Staat ja eben künftig nichts mehr tun werde. Doch wer – so das nicht unberechtigte Kalkül – soll das Killerargument des Finanzvertriebs denn glauben, wenn eben jener Triple-A-Musterstaat auch die Hypo Real Estate, die Commerzbank und die Griechen mit in der Summe dreistelligen Milliardenbeträgen herauspaukt, wenn es hart auf hart kommt? Antworten dazu von Politikern, Bankberatern und Vermittlern nehme ich gern entgegen.

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From → FTD Kolumnen

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