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Danke, Herr Schneider!

13. Juli 2011

Die Politik hat die Märkte drei Jahre nach Lehman noch immer nicht kapiert. Dabei sind die Mechanismen im Inneren der Banken denkbar einfach.

erschienen in der FTD am 13.7.2011

Zwischen Zeitungen herrscht – wie in jeder anderen Branche auch – ein beinharter Wettbewerb. Er äußert sich in der Regel so, dass man die Konkurrenz nur im Notfall zitiert. Den Rivalen wegen einer guten Geschichte namentlich im eigenen Blatt zu nennen und damit zu adeln gilt für viele als Schmach.

Lesern dürften solche Bedenken wurscht sein. Daher gebührt einem am Montag im „Handelsblatt“ veröffentlichten Interview mit einem Aufsichtsrat der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), Peter Schneider, auch die volle Aufmerksamkeit der FTD-Leser. Denn Schneider offenbart in wenigen Sätzen, was die Schuldenkrise tatsächlich wöchentlich verschlimmert. Und letztlich auch, dass die Politik auch zwei Jahre und zehn Monate nach der Lehman-Pleite unglaublich wenig Wissen über die Funktionen der Finanzmärkte offenbart. Auf die Frage, ob die LBBW denn Griechenland-Anleihen verkaufe, erklärt Schneider: „Das erfolgt im Moment in jedem Haus. In jedem Aufsichtsrat wird gefragt: Habt ihr Griechenland-Anleihen? Warum verkauft ihr nicht?“

Gestern folgte zwar ein Dementi: Die Aussagen seien in einem anderen zeitlichen Zusammenhang gefallen – vor der Verabredung von Banken und Bund im Juni, keine Griechenland-Anleihen zu verkaufen. Dennoch: Genau so einfach wie von Schneider beschrieben sieht die tägliche Realität in den Bankentürmen aus: Es sind nicht Spekulanten, die irgendein Land oder eine Währung „ins Visier nehmen“ oder „attackieren“, um nur zwei Deutungen zu nennen, die von der Politik gern als Erklärung für den Vertrauensverlust in Euro-Peripherieländer gestreut werden. Es sind auch nicht die Ratingagenturen, die Länder über Klippen treten.

Es sind Banken, und es sind Investoren der 56 000 Mrd. Dollar schweren Fondsbranche, die in den Krisen der vergangenen Jahre – Asien 1997, Russland 1998, Dotcom-Blase 2000, Lehman 2008 – eines gelernt haben: Wenn es brennt, wird es an der Tür eng werden, also rennt man lieber raus, sobald jemand „Feuer“ ruft, statt der Letzte zu sein, der nicht mehr herauskommt.

Und so gleichen sich die Abläufe in den Banken wie auch in den Fondsgesellschaften und vielen anderen ganz gewöhnlichen Firmen auch: Kaum jemand will dagegenhalten, mutige Individualisten sind nicht gefragt, Risiken werden nur akzeptiert, sofern es die allgemeine Marktlage zulässt, und ansonsten schnellstmöglich zurückgefahren. Und vor allem: Keiner will der Trottel sein, wenn sich der Vorgesetzte (oder die Presse!) darüber informiert, wie denn das Engagement etwa bei Griechenland- oder Italien-Anleihen ausfällt, wenn jemand „Feuer“ ruft – ganz egal, ob es nun brennt oder nicht.

Der Boom prozyklischer Handelssysteme macht die Dinge nur schlimmer. Sie steigen – vereinfacht gesprochen – ohne nach Gründen zu fragen – einfach überall dort ein, wo etwas klettert (zum Beispiel bei Staatsanleihen der Euro-Peripherie ab Mitte der 90er-Jahre), und steigen ohne nach Gründen zu fragen wieder aus, wenn etwas fällt (zum Beispiel bei Staatsanleihen der Euro-Peripherie ab 2009).

In diesen politischen Chaostagen erwecken nur wenige Politiker den Eindruck, diese doch an sich sehr einfachen Mechanismen verstanden zu haben. Statt zügig Lösungen zu erarbeiten, wie man die Euro-Schuldenkrise zumindest beherrschbar macht, gefallen sich Politiker – bis hin zum Bundespräsidenten Christian Wulff – darin, den Ratingagenturen als Überbringern der schlechten Nachrichten über den Zustand der Peripherieländer den Kopf abschlagen zu wollen.

Bei einem dreijährigen Kind mag man noch akzeptieren, wenn es sich bei einer Standpauke die Ohren zuhält und zu singen anfängt, um etwas zu überhören – wenn aber der Lösungsvorschlag des 60-jährigen EU-Binnenmarktkommissars Michel Barnier darin besteht, Bonitätsbewertungen für verschuldete EU-Staaten unter dem Euro-Rettungsschirm schlicht zu verbieten, um keine schlechten Nachrichten mehr zu hören; wenn Angela Merkel (56) etwas gestelzter fordert, man müsse sich von Ratingurteilen „emanzipieren“ – ja, dann wird es ärgerlich. Ein paar kleine Erinnerungsstützen: Es war die Politik, die entschieden hat, dass der Euro-Rettungsfonds EFSF unbedingt die Topnote „AAA“ von den Ratingagenturen bekommen soll und damit vor allem Ländern wie Deutschland und Frankreich hohe Garantien aufbürdete (und, nebenbei bemerkt, mit dem Versuch, das Toprating „AAA“ zu duplizieren, exakt so vorgeht wie viele Banken im Vorfeld der Finanzkrise bei strukturierten Produkten).

Es war ferner auch Frau Merkel, die im Oktober letzten Jahres die Nervosität an den Anleihemärkten erst so richtig in die Höhe trieb, als sie die – sachlich ja vollkommen berechtigte – Beteiligung privater Gläubiger an künftigen Schuldenkrisen auf einem EU-Gipfel kurzfristig durchboxte, ohne ein Konzept in der Hand zu haben, wie genau diese denn aussehen könnte.

Es war ferner auch Frau Merkel, die am Montag zur Beruhigung der längst angespannten Lage in Italien lediglich beizutragen hatte, das Land müsse nun beim Haushalt ein ganz wichtiges Signal senden: nämlich zu sparen.

Natürlich fällt es leichter, die Krise zu verarbeiten, wenn man Sündenböcke hat: Ratingagenturen oder Spekulanten, diese kaum greifbaren Wesen, die kaum einer kennt, bei denen aber jeder einen Michael-Douglas-Wall-Street-Verschnitt mit gegelten Haaren und gierigem Blick vor Augen hat. Bezichtigungen lösen aber keine Probleme. Warum will das die Politik immer noch nicht verstehen?

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From → FTD Kolumnen

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