Skip to content

Norbert, kaaf deees! Jetzt!

15. August 2011

Dies ist die Geschichte von meinem Freund Norbert und den Aktienmärkten. Norbert ist in Sachen Geldanlage neurotisch, aber in seinen Ticks beileibe kein Einzelfall in Deutschland

erschienen in der FTD am 15.8.2011

Los ging der ganze Ärger im Mai 2005. Mein guter Freund Norbert (Name geändert) erkundigte sich nebenbei bei mir, was er denn bloß mit seinem Geld machen solle. Familie hatte der Mittdreißiger aus der Beraterbranche da noch keine, er wolle mal was anderes als Tagesgeld machen.

Eigentlich ist Anlageberatung ja eine Sache für Anlageberater, aber ich ließ mich dennoch breitschlagen, Norbert ein kleines Depot zu strukturieren. Und das sah wie folgt aus: Zwei Drittel des Geldes verblieben auf sicheren Tages- und Festgeldkonten. Aus einem Drittel mixte ich einige gute internationale Aktienfonds, einen Rohstofffonds und eine Handvoll Einzelaktien zusammen, mit denen er eine hohe private Identifikation hatte. Ein bisschen Spaß muss schließlich auch sein. Das Kalkül: Selbst wenn sich die Aktienmärkte halbierten, läge der Gesamtverlust bezogen auf das Gesamtdepot bei Berücksichtigung von Zinsen und Dividenden allenfalls bei 15 bis 20 Prozent. Das kann jemand aussitzen mit Mitte 30.

Kann er nicht, wie ich bald merkte. Den ersten Ärger gab es nach nur vier Wochen. Norbert hatte nicht alle Fonds bekommen bei seiner Direktbank, die ich ihm aufschrieb. Statt sich aber nach einer Alternative zu erkundigen, legte er die nicht erhältlichen Fonds in eine „Watchlist“ seines Onlinedepots. Und es kam, wie es kommen musste: Er hatte einen Schwellenländerfonds nicht bekommen, der ungefähr dreimal so schnell stieg wie der ganze Rest seines Depots. Kein Treffen verging ohne Wehklagen darüber. „Hast du dir den mal angeschaut? Mann, geht der ab! So ein Mist!“

Die Zeit verrann, und im Sommer 2007 wurde Norbert schon wieder nölig. Der DAX knabberte an seinem historischen Hoch bei gut 8000 Punkten, natürlich zog auch Norberts Depot munter an, aber er hatte herausgefunden, dass der DAX schneller stieg. „Hätte ich mir doch einfach einen DAX-Indexfonds gekauft! Verdammt!“, jammerte Norbert. Ich hatte für die vermeintliche Underperformance eine schlüssige Erklärung: Norbert weigerte sich schlicht, die ihm ständig gutgeschriebenen Dividenden und Ausschüttungen irgendwo in seiner Depotbetrachtung zu berücksichtigen. Das sah nach zu wenig aus und, dozierte er, „macht den Braten auch nicht fetter“.

Den Braten magerer – und zwar erheblich magerer – machte dann die Finanzkrise. Norbert war notorisch unzufrieden, irgendetwas lief immer nicht, Gewinner wurden ausgeblendet, Verlierer ausführlich gewürdigt, und wenn ihm gar nichts einfiel, womit er sich selbst kasteien konnte, kramte er den Schwellenländerfonds wieder hervor, der – drei Jahre später – noch immer auf der „Watchlist“ war, dreistellig im Plus inzwischen. Ich erwog, Norbert als Forschungsobjekt einem Behavioral-Finance-Lehrstuhl zu empfehlen, da man an ihm alles studieren konnte, was die Lehre hergab: Irrationale Verlustängste, kognitive Dissonanzen statt rationaler Entscheidungen, selbstwertdienliche Verzerrungen, mentale Buchführungen.

Es kamen die Wochen nach der Lehman-Pleite, wir saßen in einer Mannheimer Studentenkneipe namens Novus, draußen die feuchte Novemberkälte und das triste Stadtbild und drinnen eines der größten Opfer der Finanzkrise: Norbert. So kam er jedenfalls rüber. Das ist ja großartig mit dem Älterwerden und der Karriere, dachte ich. Früher hatten wir in diesem Laden die mit miesen Studentenjobs sauer verdienten Kröten verpulvert und einen Heidenspaß beim Feiern gehabt. Jetzt, keine zehn Jahre später und mit auskömmlichen Gehältern, saßen wir da bei Salat und Apfelschorle, wurden trotzdem fetter, und es ging um die Finanzkrise und fallende Kurse.

Hinweise, er habe doch zwei Drittel seiner Anfangsanlage immer noch in sicheren Tagesgeldkonten und nicht mal 15 Prozent verloren, waren egal. Zwischen Flüchen und Verwünschungen für Banker erklärte Norbert noch, er habe da einiges „rausgepfeffert“ (natürlich nahe den Tiefstkursen), diverse Fonds „bringen es einfach nicht“.

Und mich beschlich das Gefühl, dass auch ich rausgepfeffert war, und zwar als Anlageberater, denn auch ich brachte es nicht. Mangels Glaskugel nicht mal eine klare Prognose, wo denn der DAX nächste Woche oder nächstes Jahr wohl steht.

Norbert ist aber, wie die meisten Menschen, in Sachen Aktienmarkt ein binär denkenden Mensch und demaskiert zügig das typisch journalistische Wenn-dann-Gerede, die Konditionalität von Prognosen, das Verstecken hinter Szenarien, von denen sich der Leser eins aussuchen darf. Er will einfach wissen: Geht’s rauf oder runter? Jetzt einsteigen oder nicht? Verkaufen oder nicht? Ein österreichischer Verlagsmanager erklärte mir das einmal so: „Wissen S’, des können S’ vergessen, dieses Blabla zum Markt. Des wui koa Mensch lesen oder hearn. Sie miassn’s einfach so mocha: Kaaf dees!“, und bei „Kaaf dees!“ zeigte er mit einer Hand auf eine imaginäre Aktie und hämmerte mit der anderen auf den Tisch, dass das Geschirr abhob und die Gläser beinahe umfielen.

In den kräftigen Aufschwung ab Frühjahr 2009 ging Nobert dann mit einem extrem geringen Aktienanteil, und natürlich kam nun, was kommen musste: harsche Selbstkritik für die eigenen Panikverkäufe.

Wir hatten lange nicht mehr über Geldanlage geredet, in unserem Wanderurlaub vor vier Wochen baten er und andere mich einmal um eine ausführliche Stellungnahme zur Lage an den Märkten und der Euro-Krise. Ich skizzierte einige Szenarien, warnte in Form einiger Wenn-dann-Formulierung vor einer Eskalation, dozierte in einem lichten Moment, man müsste jetzt besonders auf Frankreich achten, aber da waren drei der fünf Zuhörer schon im Bett, und die letzten zwei, darunter Norbert, guckten da auch schon ganz schön fertig drein.

Also gut, Norbert, falls Du und die Tausenden anderen Norberts in diesem Land das lesen, hier mein aktueller Rat: Kaaf dees – jetzt! Und zwar gute Aktienfonds oder Indexfonds, bis Du wieder bei einer Aktienquote von einem Drittel Deiner Ersparnisse bist. Der Rückschlag ist eine gute Gelegenheit dafür, wenn man 20 Jahre Zeit hat. Rappelt’s richtig, kannst Du noch mal Nachlegen aus den zwei Dritteln Tagesgeld. Und hör damit auf, die ganze Zeit die „Krisenticker“ online zu lesen, die die halbe Welt verrückt machen. Und vor allem: Wann gehen wir endlich wieder feiern? Ich hätte diesen Samstag Zeit!

Advertisements

From → FTD Kolumnen

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: