Skip to content

Daheim wird’s noch am schönsten

9. November 2011

Investoren sollten gerüstet sein: Bekommt die Euro-Zone die Schuldenkrise in den Griff, wird der Euro steigen – scheiden klamme Peripheriestaaten aus dem Euro aus, dürfte er dramatisch steigen

erschienen in der FTD am 9.11.2011

Zu den bemerkenswertesten Phänomenen der Schuldenkrise gehört die Kursentwicklung ihres Hauptakteurs: des Euro. Seit die Probleme Griechenlands zum ersten Mal im Herbst 2009 in das Bewusstsein der Akteure am Kapitalmarkt gerückt sind, verlor die Gemeinschaftswährung zum US-Dollar gerade einmal acht Prozent. Und auf Jahressicht hat sich am Wechselkurs nichts verändert – trotz einer sich quasi konstant verschlechternden Nachrichtenlage und der Tatsache, dass der Euro zum US-Dollar gemessen an der tatsächlichen Kaufkraft sogar ein Fünftel überbewertet ist, wie Shoppingtouristen aus Europa beim Kauf von Kleidung oder Elektroartikeln in den USA feststellen können.

Doch wohin geht die Reise des Euro in den kommenden Monaten? Langfristig empfiehlt sich fraglos eine vernünftige Streuung der Anlagen über verschiedene Währungsräume, um das Risiko zu senken. Doch mittelfristig sollten sich Euro-Anleger von taktischen Überlegungen lenken lassen und zwei Szenarien bedenken: Bekommt die Euro-Zone die Schuldenprobleme in den Griff, dürfte schon bald mehr Akteuren am Kapitalmarkt auffallen, dass sich die Vereinigten Staaten in einer nicht minder brenzligen Schuldensituation befinden und mehr denn je von den Zuflüssen ausländischer Investoren abhängig sind. Das spräche für einen Anstieg des Euro.

Denkt man hingegen das gar nicht mehr so Undenkbare, nämlich ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone, indem die klammen Staaten Südeuropas abgespalten werden, dürfte der verbliebene Kern-Euro der mitteleuropäischen Länder zum US-Dollar nicht etwa fallen, sondern sogar regelrecht durch die Decke gehen. Denn der verbliebene Kern der Euro-Staaten – mit überschaubaren Defiziten und ohne die zu befürchtenden Transferzahlungen an südeuropäische Länder – würde mit Geld regelrecht geflutet. Schlaue Investoren würden den „bereinigten“ Euro-Raum dem US-Dollar vorziehen, dem schmerzhafte Prozesse zur Schuldenreduzierung erst noch bevorstehen, politisch wie gesellschaftlich.

Moralisch wäre das Ende der Euro-Zone eine desaströse Entwicklung – aber eine, über die Investoren einmal nachgedacht haben sollten.

Zwar dürfte der in diesem Extremszenario zu erwartende Euro-Anstieg gerade der exportorientierten deutschen Wirtschaft wehtun, die mit einem stärkeren Euro an Wettbewerbsfähigkeit verlöre. Die jüngere Geschichte ist indes reich an Beispielen, dass der Kapitalmarkt die Fähigkeit von Unternehmen latent unterschätzt, auch mit widrigen Rahmenbedingungen umzugehen – hier sei an die Verzehnfachung des Ölpreises seit 1998 und die Aufwertung des Euro zum Dollar um zwei Drittel binnen zehn Jahren erinnert.

Es gibt indes eine Gruppe von Investoren, die mit einer Euro-Aufwertung überhaupt kein Problem hätte: all jene aus anderen Währungsräumen, die rechtzeitig vor oder während eines möglichen Aufwertungsprozesses in deutsche und kerneuropäische Vermögenswerte investiert haben. Ihnen würde die Euro-Aufwertung kräftige Währungsgewinne bescheren. So ist es aktuell vielleicht nicht das Dümmste, im Zweifel mit seinen Geldern lieber ganz stumpf in DAX-Titeln zu bleiben, als den Renditen im Ausland nachzulaufen.

Die jüngste Entwicklung in der Schweiz liefert Anschauungsmaterial, wie stark derartige Währungseffekte andere kursbestimmende Faktoren bei einer Fluchtwährung überlagern können. Trotz der Intervention der Notenbank hat der Franken binnen drei Jahren zum US-Dollar um knapp ein Drittel zugelegt. Der Schweizer Konsumgüterkonzern Nestlé etwa leidet zwar unter dieser Franken-Stärke, die Aktie ist folglich mit einem Plus von neun Prozent in drei Jahren kaum vom Fleck gekommen. Aus Sicht eines US-Investors indes, der vor drei Jahren Nestlé gekauft hat, beträgt das Plus 43 Prozent. Umgekehrt konnte die Aktie des Getränkeherstellers Coca-Cola in US-Dollar zwar im gleichen Zeitraum um 47 Prozent zulegen. Aus Sicht eines Schweizer Anlegers blieb aufgrund der Franken-Aufwertung davon aber nicht einmal ein Viertel von diesem Zugewinn hängen. Das zeigt, wie attraktiv eine Investition in Aufwertungskandidaten sein kann.

Doch wer könnte kaufen? Es wäre töricht, zu glauben, große ausländische Anleger wie etwa chinesische Staatsfonds wären trotz aller warmen Worte für die Euro-Zone an anderen Dingen interessiert als an hohen Renditen – sei es über Kursgewinne oder Währungsgewinne – sowie mehr politischem Einfluss. Die Frage, ob ein chinesischer Investor derzeit lieber eine italienische Staatsanleihe mit 6,6 Prozent Rendite oder doch eher eine BMW-Aktie mit 12,5 Prozent Nettogewinn- und 22-prozentiger Cashflow-Rendite besitzen würde, ist geradezu schmerzhaft töricht. Dass ganz einfache DAX-Indexfonds selbst in einem Horrorbörsenmonat wie dem August Milliardenzuflüsse verzeichnen, spricht eine eindeutige Sprache.

Und derartige Zuflüsse dürften, wenn das Undenkbare denkbar wird, erst der Anfang sein – und das Geld deutscher Investoren in deutschen Aktien cleverer angelegt sein als in Turbowachstumschwellenländern oder Bundesanleihen, die nicht einmal die Hälfte der Inflation ausgleichen.

Advertisements

From → FTD Kolumnen

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: