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Chapeau, Herr Maschmeyer und alle Trittbrettfahrer zur 3W Power Übernahme!

22. Februar 2012

[Da dieser Beitrag weiter Hits aus Suchmaschinen hat ein Hinweis: Dieser Blogeintrag ist aufgrund des Fortgangs der Ereignisse überholt, die Übernahme wurde später abgeblasen. Bleibt zu Archivierungszwecken natürlich stehen, die Kernaussagen sind unverändert gültig.]

 

Viel Wind gab es vor vier Jahren anlässlich des Börsendebüts des ersten deutschen SPACs namens Germany 1. Als SPAC bezeichnet man einen zunächst nur mit viel Cash der Investoren gefüllten Mantel, der an die Börse gebracht wird und anschließend mit einer Großübernahme mit operativem Leben gefüllt wird. Doch die großen SPAC-Börsengänge blieben seitdem aus, und auch der Debütant wird wohl bald wieder vom Kurszettel verschwinden – mit knapp 60 Prozent Verlust für Erstzeichner. Denn heute früh gab es ein Übernahmeangebot für das inzwischen in 3W Power umbenannte „Germany 1“-Vehikel. Gut für Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer, der bei 3W Power erst Ende Januar mutmaßlich zu Tiefstkursen groß eingestiegen war.

Zugegeben, bei Aktien wie 3W Power Holding verliert man aufgrund der ganzen Namensänderungen und prominenten Aktionären und Aufsichtsräten schon mal etwas den Überblick. Daher noch mal kurz der Reihe nach: Im Juli 2008 geht der seinerzeit „Germany 1“ genannte SPAC („Special Purpose Acquisition Company“ ) zunächst in Amsterdam an die Börse. Hinter Germany 1 steckten der Ex-Investmentbanker Florian Lahnstein, der Unternehmensberater Roland Berger sowie der damalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff. Rund 250 Mio. Euro sammeln sie damals ein, 10 Euro kostete eine Aktie von „Germany 1“ zunächst, kurz darauf startet auch der Börsenhandel in Deutschland – zu seinerzeit 8,50 Euro, schließlich hatte die Finanzkrise die Märkte im Griff.

Im Sommer 2009 hat das Trio ein Übernahmeziel gefunden: AEG Power Solutions, einem Hersteller von Elektrokomponenten in der Industrie. Nach der erfolgreichen Übernahme benennt sich der Konzern in 3W Power Holdings um, und mit dem Ex-Bertelsmann-Chef Mark Woessner und RHJ-Finanzinvestor Lenny Fischer rückt allerlei Prominenz in den Aufsichtsrat.

Nachdem die nur mit Cash befüllte Aktie aber die schlimme Börsenphase zwischen Sommer 2008 und Frühjahr 2009 nahezu unbeschadet überstanden hat und um 10 Euro pendelte, ging es seitdem aber fast nur noch bergab: Bei 2,76 Euro schlug sie Mitte Januar auf. Das Übernahmeziel, AEG Power Solutions, hatte stark auf die Karte Erneuerbare Energien gesetzt, und in diesem Bereich fließt an der Börse seit einer Weile viel Blut.

Zu viel, muss sich wohl Carsten Maschmeyer gedacht haben. Ende Januar jedenfalls überscheitet er bei 3W Power die Schwelle von fünf Prozent der Stimmrechte. Am 9. Februar berichtet das Unternehmen über das vierte Quartal, und es stellt sich heraus, dass die Sorgen der meisten übrigen Investoren berechtigt waren: Beim wichtigen Auftragseingang verfehlt 3W Power die Erwartungen mal eben um 40 Prozent, kündigt implizit Abschreibungen an und redet blumig drumherumn, dass das Gesamtbild trübe sei. Der schockierte Analyst vom Bankhaus Lampe halbiert seine Gewinnschätzungen.

Bei 3,16 Euro schloss 3W Power nun gestern, und heute nacht schließlich veröffentlichte der Finanzinvestor Nordic Capital über eine Tochtergesellschaft ein Übernahmeangebot an die freien Aktionäre über 4,35 Euro je Aktie. Die Übernahme scheint beschlossene Sache, denn laut Pflichtmitteilung haben sich bereits 65 Prozent der Altaktionäre entschieden, das Angebot anzunehmen. Der Käufer hat aber bereits klar gemacht, dass das Angebot nur „steht“, wenn er auf mindestens 95 Prozent bei 3W Power kommt. Das Kalkül liegt auf der Hand: Der Käufer will weder mit freien Aktionären noch der Börsennotiz etwas zu tun haben nach der Übernahme, und nur wenn er auf 95 Prozent kommt, kann er die übrigen Kleinaktionäre aus der Aktie herausquetschen.

Eine „feine Nase“ hat dabei also Carsten Maschmeyer bewiesen, der angesichst des Kursverlaufs mutmaßlich zu Tiefstkursen zugegriffen hat – drei Wochen vor dem Übernahmeangebot. Ansonsten ist die Geschichte von „Germany 1“ eine angesichst des Kursverlaufs und des sich abzeichnendes Endes eine eher traurige, zeigt sie doch, dass selbst prominente Namen und Großaktionäre keine Garantie für überdurchschnittliche Kursentwicklungen sind. Der marktbreite DAX schnitt jedenfalls sowohl seit Erstnotiz 2008 als auch seit der AEG Power-Übernahme besser als 3W Power.

Als ich heute früh den Chart betrachtet habe, ist mir allerdings sofort eines aufgefallen: Seit Mitte Januar gehen die Umsätze mit 3W Power regelrecht durch die Decke. Man kann das gut an den Umsatzpfeilen unter diesem Chart sehen. Gingen vorher an schlechten Tagen monatelang auf Xetra mal 1000 und an guten 20.000 Stücke um, so sind es am 11. Januar plötzlich 84.600, am 24. Januar wiederum werden die Umsätze plötzlich sechsstellig (129.000) und bleiben das zwei Wochen lang und erreichen in der Spitze 675.000 Stück, während zugleich der Kurs von 2,80 auf 3,20 anzieht. Die ad-hoc-Mitteilung über den Einstieg von Carsten Maschmeyer erschien am 26. Januar. Weitere Nachichten gab es in dieser Periode keine, erst am 9.2. kamen Zahlen. Merkwürdig – aber ganz bestimmt liegt das alles daran, dass viele Investoren Carsten Maschmeyer für einen ausgewiesenen Nebenwertefuchs halten.

Die Lust auf weitere SPAC-Übernahmevehikel an der Börse dürfte die ganze Geschichte jedenfalls nicht befeuern, denn trotz der großen Hoffnungen hat es seit 2008 nur zwei weitere Platzierungen gegeben: Im Februar 2010 stolperte Helikos an die Börse, die Erstnotiz betrug seinerzeit 10 Euro, nach der Übernahme des Technologiekonzerns Exceet (so heißt heute auch die Aktie) notiert das Papier heute mit 7,49 Euro ein Viertel unter dem Platzierungspreis. Die Aktien des Vehikels European Cleantech wiederum dümpeln seit Erstnotiz im Oktober 2010 zu 9,53 Euro rund um diese Kursmarke und kosten derzeit 9,49 Euro – denn auch eineinhalb Jahre nach dem IPO ist noch keine Zielgesellschaft in Sicht.

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