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Die Rückkehr der Nifty Fifty

28. Februar 2012

An den Aktienmärkten läuft es ja doch immer ganz anders, als alle denken. Kursverluste können sich derzeit viele vorstellen, eine Euphorie kaum jemand. Warum eigentlich nicht?

erschienen in der FTD am 28.2.2012

Zu einem zu Unrecht fast in Vergessenheit geratenen Börsenphänomen gehört die Blüte der „Nifty Fifty“-Aktien in den frühen 70er-Jahren in den USA. Die Nifty Fifty – die schicken fünfzig, zu Deutsch – waren eine Gruppe von rund 50 US-Wachstumswerten, die man laut übereinstimmendem Urteil von Bankern, Brokern und Fondsmanagern blind kaufen konnte. Die Begründung: Ihre Marktposition und ihr Gewinnwachstum rechtfertigten schlicht jeden Preis.

Jeden? Ja, jeden: Der Rasierklingenhersteller Gillette wies im Dezember 1972 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 24 auf, American Express von 38, der Pharmakonzern Merck von 43, Coca-Cola von 45, der Konsumgüterkonzern Johnson & Johnson von 57, und McDonald’s und Walt Disney waren je mit dem 71-Fachen des Jahresgewinns bewertet.

Wie konnte es dazu kommen? Ab Mitte der 60er-Jahre bewegte sich der US-Aktienmarkt nur noch seitwärts, weil der Vietnamkrieg und der Ost-West-Konflikt die US-Staatsschulden aus dem Ruder laufen ließen. Am Anleihenmarkt ging die Furcht vor staatlichen Schuldenexzessen um. Zugleich zog der Ölpreis kräftig an, und die US-Wirtschaft war ab 1971 in einer Phase der Stagflation, also steigender Preise bei einem immer schwächeren Wirtschaftswachstum.

In diesem Umfeld rissen sich Investoren um Aktien von solide finanzierten Firmen, die ein verlässliches, langfristiges Gewinnwachstum boten. Die Kurse und auch die Bewertungen der Nifty Fifty schossen zwischen 1968 und 1972 regelrecht durch die Decke und verzerrten auch das Bild des Aktienmarkts. Vielleicht kommt Ihnen diese Ausgangslage bekannt vor: Ein jahrelanger Seitwärtstrend am Aktienmarkt, Sorge um Staatsfinanzen und Anleihenkurse, anziehende Ölpreise, Sehnsucht nach verlässlichem Wachstum – das umschreibt ziemlich genau auch die aktuelle Lage. Zugleich herrscht bei großen Staats- und Pensionsfonds akuter Anlagenotstand, da mit Anleihen kaum etwas zu verdienen ist.

Mit anderen Worten: Die Chancen stehen gut, dass sich ein Phänomen wie jenes der Nifty Fifty an den weltweiten Aktienmärkten noch einmal wiederholen wird, die Kurse und Bewertungen einer Handvoll Firmen also deutlich klettern werden. Die Anforderungen ließen sich wie folgt skizzieren: große Unternehmen mit einem liquiden Aktienhandel, solider Bilanz, einem in der Vergangenheit wie in Zukunft verlässlichen Gewinnwachstum, möglichst geringer Zyklizität ihres Geschäfts, möglichst technologischer Martkführerschaft und – das wäre vermutlich neu gegenüber 1972 und naheliegend – einem möglichst hohen Umsatzanteil von wachstumsstarken Schwellenländern.

Siebt man die globalen Aktienmärkte anhand dieser Kriterien, bleibt eine eher heterogene Gruppe an Aktien übrig: Da sind zum einen die üblichen Verdächtigen an Nahrungsmittel- und Konsumgüterherstellern wie Nestlé, Coca-Cola, Johnson & Johnson, Procter & Gamble oder Anheuser-Busch, die schon in den 70ern Teil der Nifty Fifty waren. Tabakkonzerne wie BAT oder Altria gehören ebenfalls dazu, neu wären Technologiekonzerne wie Apple, Google, Intel, Oracle oder Microsoft, deren Gewinne ebenfalls verlässlich klettern.

Heterogen ist diese Gruppe vor allem mit Blick auf die ihr zugebilligten Bewertungen. Denn gerade bei den Nahrungsmittel- und Konsumgüterherstellern sind luftige Preise wieder üblich. Ein erstes Zeichen? Nestlé, Coca-Cola und Procter & Gamble etwa sind allesamt mit dem rund 17-Fachen des für 2012 erwarteten Gewinns bewertet, obwohl Umsätze und Gewinne lediglich im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen. Die Zigarettenhersteller BAT und Altria gibt es je für das rund 14-Fache des Jahresgewinns an der Börse bei ebenfalls bestenfalls einstelligen Wachstumsraten. Die Technologieaktien Google, Oracle oder Apple hingegen sind gemessen an ihren zweistelligen Gewinnwachstumsraten mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen zwischen zwölf und 15 Schnäppchen. Gemein ist zudem allen Konzernen, dass ihre Margen historisch betrachtet extrem hoch sind.

Es gibt allerdings einen weiteren gewichtigen Unterschied zu den frühen 70ern: die Anleihezinsen. Während es für US-Staatsanleihen 1972 knapp sieben Prozent Rendite pro Jahr gab, sind heute mit Anleihen aus den wichtigsten Währungsräumen Euro, Dollar, Yen und Franken keine zwei Prozent Rendite pro Jahr drin. Das ist knapp halb so viel, wie selbst mit fundamental eher teuren Konsumgüterherstellern über die Dividende zu vereinnahmen ist. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass die großen Notenbanken das derzeit niedrige Zinsniveau noch auf Jahre mit Zähnen und Klauen verteidigen werden, um den Prozess der Entschuldung seitens der Industriestaaten helfend zu flankieren. Ketzerisch gefragt: Wenn man Wachstumswerten bei sieben Prozent Anleihezinsen einst Bewertungen vom 30- bis 70-Fachen des Gewinns zubilligte – wie viel wäre bei zwei Prozent denkbar? Wenn die jüngere Börsenvergangenheit jedenfalls eines gezeigt hat, dann, dass es letztlich immer ganz anders läuft, als sich die meisten selbst in ihren kühnsten Träumen oder schlimmsten Albträumen hätten ausmalen können. Investoren fallen derzeit viele Gründe ein, warum es am Aktienmarkt abwärtsgehen muss. Eine veritable Euphorie, in der sich die heute weit stärker als früher prozyklisch agierenden Investoren auf Aktien stürzen und in der man Dividendenpapieren weit höhere Bewertungen zubilligt, hat indes kaum jemand auf dem Zettel.

In die Geschichtsbücher eingegangen sind die Nifty Fifty im Übrigen als ein Beispiel für Blasen. Tatsächlich brachen die Kurse der 50 Werte ab Dezember 1972 innerhalb weniger Monate brutal ein. Den kaum bekannten Epilog des Ganzen recherchierte der US-Finanzprofessor Jeremy Siegel dann vor gut zehn Jahren: Er rechnete nach, dass ein Investor, der im Dezember 1972 auf dem absoluten Höhepunkt der Euphorie in die Nifty Fifty eingestiegen wäre, mit 11,8 Prozent pro Jahr eine annähernd identische Rendite wie der S&P 500 (12,1 Prozent pro Jahr) im gleichen Zeitraum erwirtschaftet hätte – obwohl zahlreiche Nifty-Fifty-Werte in die Bedeutungslosigkeit oder gar in die Pleite schlitterten und der S&P 500 regelmäßig angepasst wurde. Die Zeit heilte auch hier alle Wunden

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From → FTD Kolumnen

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