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Dschungelcamp für Aktienpessimisten

14. März 2012

In Gülle baden? Maden futtern? Getier ertasten? Harmlos. Wie wäre es mit einem ganz neuen Ekeltest für das nächste Dschungelcamp: Die Kandidaten müssten Aktien kaufen

erschienen in der FTD am 14.3.2012

Liebe Aktienpessimisten,

dass der Deutsche Aktienindex (DAX) seit Mitte September fast 2000 Punkte und somit rund 35 Prozent zugelegt hat, finde ich außerordentlich erfreulich. Und zwar nicht nur, weil steigende Aktienkurse für eine positivere Grundstimmung in der Wirtschaft und bei Verbrauchern sorgen. Oder weil es Hoffnung ausstrahlt, dass wir die Finanz- und Schuldenkrise in den Griff bekommen könnten.

Sondern auch – da will ich jetzt mal ganz ehrlich sein –, weil ich inzwischen auch eine diebische Freude verspüre, wenn es an der Börse mal kräftig aufwärtsgeht. Weil das nämlich auch heißt, dass die schlimmsten Dauernörgler, Permabären, Ewigskeptiker unter Euch wenigstens mal ein paar Minuten Pause haben.

Also all jene, die Aktienbesitzer für durchgeknallt erklären, ohne selbst eine vernünftige Alternative zum Sparbuch oder Staatsanleihen mit Renditen unterhalb der Teuerungsrate parat zu haben. All jene, die rituell einen Crash prognostizieren und somit alle paar Jahre auch einmal ihren großen Moment haben.

Oder all jene – und die finde ich am schlimmsten, und sie werden leider immer mehr –, die sich inzwischen an Krisen, Crashs und dem damit einhergehenden Leid in Form von Abschwung und Arbeitslosigkeit erfreuen können. Die dann wissend murmeln, das sei „alles erst der Anfang“. Weil es sie in ihrer Meinung bestätigt, dass ja doch alles in einem Desaster enden wird und ihre paar Gold- und Silbermünzen und ihr Trockenobst auf dem Speicher dann ein paar Euro mehr wert sind. Deren Radikalisierung inzwischen – davon zeugen vor allem Kommentare in Internetforen – bedenkliche Ausmaße annimmt.

Zum Glück sind solche Menschen noch eine Minderheit. Aber mal Hand aufs Herz: Eine Avantgarde seid Ihr Aktienpessimisten längst nicht mehr. Egal, ob Ihr zu jenen Radikalen mit Sendungsbewusstsein gehört. Oder zu den stillen, ängstlichen Verweigerern, die selbst dann Aktien verschmähen, wenn ihnen der Kauf durch Rabatte subventioniert wird, sei es über die Riester-Rente, Mitarbeiterbeteiligungsprogramme oder einen Börsencrash wie 2008 oder 2011: Sieben von acht Deutschen halten weder direkt noch indirekt Aktien.

Vor gut zehn Jahren war das noch anders, als das halbe Land zu Aktienexperten wurde und den heißesten Papieren der New Economy nachjagte. Da gehörte Mut oder Bauernschläue dazu, dem Aktienmarkt fernzubleiben, auszusteigen, Alternativen zu suchen, Edelmetalle etwa oder Immobilien. Die versprachen seinerzeit ja nur bestenfalls einen Schnaps mehr als den Kapitalerhalt, was in Zeiten von zehn Prozent über Nacht mit heißen Aktien kaum attraktiv war.

Heute ist es umgekehrt. Als Optimist und Aktienanleger ist man in den meisten gesellschaftlichen Runden ein wirrer Sonderling. Bei Laien, weil doch jeder weiß, dass alles binnen Wochen um die Hälfte abstürzen kann und der DAX seit zehn Jahren nicht vom Fleck gekommen ist unter dem Strich. Und bei Profis, weil man offenbar die Dimension der Finanz- und Schuldenkrise nicht verstanden hat. Stattdessen sind Edelmetalle, vor allem aber Immobilien das heiße Ding. Eine Heldentat jagt die nächste: Wer hat wo vor fünf Jahren für 300 000 Euro Eigentum gekauft und will jetzt für 450 000 verkaufen in Prenzlauer Berg oder München-Schwabing?

Mal ehrlich, liebe Aktienpessimisten, sollte man da nicht langsam ins Grübeln kommen, wenn man inzwischen keine Bank mehr betreten kann, ohne dass einem die aggressive Werbung ins Auge springt, jetzt und sofort Immobilien zu erwerben zu Niedrigzinsen? Wenn der Geldautomat am Hauptbahnhof für eine Goldanlage wirbt? Wenn Google dreimal mehr Treffer für „Silber“ als für „Aktien“ ausspuckt und für den bezopften Crashguru Marc Faber ein Drittel mehr als für DWS-Chef Klaus Kaldemorgen?

Ich weiß, dem ein oder anderen von Euch schwillt jetzt schon wieder der Kamm. Denn was hinter dem DAX-Anstieg steckt, glaubt Ihr ja wieder genau zu wissen: eine Idiotenrally, finanziert mit billigem Geld der Notenbanken. Und Analysten, Fondsmanager und natürlich auch Finanzjournalisten nehmt Ihr sowieso nicht ernst, denn die stehen stets im Verdacht, Zweckoptimisten zu sein: Denn nur starke Börsen sichern den Job und bestenfalls sogar hohe Boni.

Das stimmt natürlich, nur macht mir das aktuell überhaupt keine Sorgen, denn selbst unter den Insidern sind echte Aktienbullen derzeit eine Rarität. Vielmehr habe ich den Eindruck, dass sich die halbe Frankfurter Finanzcommunity einschließlich der Journalisten privat mit griechischen Staatsanleihen verzockt hat (ich übrigens auch) und inzwischen locker eine schlagkräftige Interessengemeinschaft aufstellen könnte. Die verträte gewiss höhere Anleihenvolumina als alle Hedge-Fonds zusammen, die angeblich in griechische Anleihen eingestiegen sind.

Und was die Gründe für eine Rally angeht, dürft Ihr natürlich gern ätzen, das sei ja nur eine notenbankbefeuerte Zwischenerholung. Ein Grund findet sich immer, warum jeder Anstieg Quatsch ist. Das war nie anders, denn pessimistische Prognosen werden ja schnell vergessen, für zu optimistische nagelt man die Verursacher an die Wand, wenn es schiefgeht.

Das Dumme ist nur, dass der Aktienmarkt in den letzten Jahrzehnten ein paar ganz anders dimensionierte Krisen weggesteckt hat als die aktuelle, Kleinigkeiten wie Weltkriege, Hyperinflationen, Währungsreformen, den Kalten Krieg. Wer in Deutschland in den letzten 65 Jahren in Standardwerte einstieg und wenigstens 15 Jahren durchhielt, hat nie einen Verlust gemacht, egal wie brutal schlecht sein Timing war und wie katastrophal die Krisen waren. Ab 25 Jahren Haltedauer waren stets mindestens fünf Prozent Rendite pro Jahr drin.

Überzeugen wird Euch das vermutlich nicht, liebe Aktienpessimisten. Und nach zehn Jahren Baisse hat man natürlich Oberwasser. Aber bitte versteht uns Optimisten auch nicht falsch: Es ist gut, dass es Euch gibt. Denn gäbe es Euch nicht, hätten wir auch ein handfestes Problem. Irgendwer muss die Papiere ja auch künftig kaufen, wenn der DAX die 10 000 knackt!

Herzlichst,
ein Optimist.

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From → FTD Kolumnen

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