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Fest oder Cholera?

27. März 2012

Aktien, Anleihen und Rohstoffe senden derzeit völlig unterschiedliche Konjunktursignale. Eine Ausnahme? Mitnichten. Die Krisenpolitik der Notenbanken stellt Anlageregeln auf den Kopf

erschienen in der FTD am 27.3.2012

Im rhetorischen Werkzeugkoffer von Fondsgesellschaften und Finanzberatern ist es der Standardsatz: dass die Anlageregeln von gestern nun einfach nicht mehr gültig seien. Meistens ist das natürlich barer Unsinn, um Kunden zum Umschichten der Depots oder zu Neukäufen zu bewegen – vor allem etwa zu solchen, mit denen man auf die vermeintlich neuen Anlageregeln setzen kann: Globalisierung, Schwellenländer, Gold, China, Sachwerte, um nur einige zu nennen.

Das Dumme ist nur: Die Entwicklung an den Kapitalmärkten in den vergangenen Monaten belegt, dass die Anlageregeln von gestern tatsächlich nicht mehr gültig sind. Genauer, dass die Entwicklungen von Aktien, Anleihen und Rohstoffen als wichtigste Anlageklassen ein Eigenleben entwickelt haben – und nur noch wenig miteinander zu tun haben.

So konnten die Aktienmärkte der meisten Industrieländer seit dem Herbst 2011 zwischen 30 und 40 Prozent zulegen, weil die Sorgen vor einer Eskalation der Schuldenkrise gesunken sind und Investoren optimistisch auf die Konjunktur blicken.

Üblicherweise müsste eine solche kräftige Aktienmarktrally auch mit einem Anstieg der Zinsen einhergehen – weil die Inflationssorgen steigen, weil auch die Anleihenrenditen konjunktursensibel sind und weil uns ja stets erklärt wurde, die Niedrigzinsen bei Bundesanleihen seien ja nur aufgrund der Flucht der Investoren in Sicherheit in Zeiten der Schuldenkrise so niedrig.

Was aber passiert? Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen krebst weiter bei 1,9 Prozent herum, die von zweijährigen bei 0,2 Prozent – bei zuletzt 2,3 Prozent Teuerung pro Jahr.

Üblicherweise müsste eine solche kräftige Aktienmarktrally auch mit einem Anstieg der Rohstoffpreise einhergehen – weil ja auch Rohstoffpreise konjunktursensitiv sind und weil uns erklärt wurde, der Einbruch im Spätsommer 2011 hänge mit der Schuldenkrise und der Flucht aus risikobehafteten Anlagen wie eben Rohstoffen zusammen.

Was aber passiert? Die Rohstoffmärkte haben sich bis heute nicht vom Einbruch erholt, und der marktbreite Dow-Jones/UBS-Rohstoffindex krebst trotz des stark gestiegenen Ölpreises gerade einmal fünf Prozent über seinem 2011er-Jahrestief herum.

Für Anleger sind das, bei aller Freude über die starken Aktienkurse, keine guten Nachrichten. Denn einerseits geht im Kampf um die Deutungshoheit über die künftige Konjunktur der Punktsieg an die Pessimisten, die auf die Zinsen und Rohstoffpreise schauen. Andererseits merkt nun auch der letzte Zweifler, dass es vor allem die Notenbanken sind, deren Maßnahmen gängige Korrelationen über den Haufen geworfen haben und die Aktienhausse schmieren: So nahm die aktuelle Rally auch erst erheblich an Fahrt auf, als die Europäische Zentralbank im Dezember das Bankensystem mit billigem Geld flutete. Und auch in den USA fällt die Ankündigung der letzten großen geldpolitischen Lockerungen im März 2009 und August 2010 zeitlich eng zusammen mit Marktwendepunkten nach oben.

Wer vor diesem Hintergrund sein Geld für kürzere Zeiträume als, sagen wir, fünf bis zehn Jahre anlegt, kann daher die klassische Fundamentalanalyse von Aktien, Anleihen, Rohstoffen und Konjunktur getrost vergessen. Stattdessen gilt es, den Ausstieg aus Notenbankmaßnahmen oder gar ihren weiteren Ausbau zu antizipieren – und das, was die Investoren dann daraus machen werden.

Dreh- und Angelpunkt ist dabei der Anleihemarkt, und hier spricht eine Minirendite von Anleihen aus den wichtigsten Währungsräumen Dollar, Euro, Yen und Franken derzeit eine klare Sprache: nämlich die, dass Investoren sicher sind, dass die großen Notenbanken die Renditen noch über lange Zeit extrem niedrig halten werden, um den Entschuldungsprozess der Länder zu flankieren und die Wirtschaft nicht zu gefährden.

Das ist schmerzhaft für Anleiheinvestoren, weil dies auf eine schleichende Enteignung hinausläuft, sollten die Teuerungsraten nicht sinken. Für Aktien- und Immobilienbesitzer ist die Lage zwar besser. Doch ob die bei weiter niedrigen Zinsen zu erwartenden Preisanstiege gerechtfertigt sind oder aber Zeichen einer notenbankinduzierten Kapitalfehlallokation sind, wird dummerweise nicht auf dem Etikett der Hausse stehen.

Wie also nun vorgehen? Im Zweifel kommen Investoren mit einer einfachen Annahme weiter: Vermutlich nie in den letzten Jahrzehnten wäre unser Wirtschafts- und Finanzsystem von einem drastischen Zinsanstieg stärker getroffen worden als jetzt. Gelingt es den Notenbanken, die Zinsen weiter zu deckeln, gibt es für Anleihen Magerzinsen, aber mit Aktien die Chance auf eine veritables Fest. Gelingt es ihnen nicht, spielt es vermutlich auch keine Rolle, ob man in Aktien, langlaufenden Anleihen, Rohstoffen oder Immobilien investiert ist – die Folgen werden dann überall ähnlich desaströs sein.

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From → FTD Kolumnen

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