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Gefühlsduselei sticht Gier

10. April 2012

An den Kapital- und Immobilienmärkten greifen gängige rationale Theorien nicht mehr. Denn inzwischen zählt für viele Anleger die emotionale Rendite mehr als die reale

erschienen in der FTD am 10.4.2012

Selten in der jüngeren Börsengeschichte hat es widersprüchlichere Signale an den Kapitalmärkten gegeben als in den letzten sechs Monaten: Wenn doch die Aktienmärkte der Industrieländer weltweit mit Kursgewinnen von im Schnitt gut 20 Prozent seit letztem Herbst einen weiteren Wirtschaftsaufschwung durchspielen, wieso profitieren dann die zyklischen Rohstoffpreise (mit Ausnahme des Öls) überhaupt nicht davon, sondern gehen in die Knie?

Wenn doch die Inflation in der Euro-Zone bei derzeit 2,6 Prozent liegt und die Notenbanken wie wild Geld drucken, wieso stecken Investoren ihr Geld in Bundesanleihen, die bei zehn Jahren Laufzeit nur 1,8 Prozent Rendite einbringen?

Wenn doch der Goldpreis auf hohem Niveau von rund 1600 Dollar je Unze stagniert und die Aktienmärkte seit Monaten klettern, wieso fliehen Anleger in Scharen aus Goldminenaktien, die seit Herbst vergangenen Jahres im Schnitt ein Viertel an Wert verloren haben?

Und wenn doch Deutschlands Bevölkerung schrumpft und die Preise von Immobilien in guten Innenstadtlagen in Deutschlands Großstädten längst groteske Höhen erreicht haben – wieso ist kein Ende des Preisanstiegs in Sicht und kommen immer mehr Käufer nach?

Auf diese Phänomene gibt es eine einfache Antwort: Weil für immer mehr Menschen – vom Immobilienkäufer in München, Hamburg oder Berlin bis hinauf zum milliardenschweren institutionellen Anleger – die emotionale Rendite ihrer Geldanlage wichtiger ist als die monetäre. Und sie pfeifen kollektiv auf Sprüche aus dem wissenschaftlichen Elfenbeinturm über die Geldanlage.

Die Phänomene darauf zu reduzieren, dass es allein um Sicherheit und Risikoscheu ginge, greift zu kurz. Schließlich hat es wenig mit Risikoscheu zu tun, das erwartete Erwerbseinkommen der nächsten 20 bis 30 Jahre in eine Immobilie zu stecken – oder Staatsanleihen zu kaufen, die im Falle einer ausufernden Inflation dramatisch an Wert verlieren können.

Es geht vielmehr darum, dass sich immer mehr Menschen unterm Strich mit ihrer Geldanlage lieber wohlfühlen wollen, selbst wenn das, was dabei herauskommt, finanzieller Tinnef ist. Ein alleinstehender Gutverdiener, der 100 000 Euro auf einem mager verzinsten Tagesgeldkonto türmt – na und? Ein Ehepaar in den 50ern, das sich den Traum von einer eigenen Ferienwohnung in den Bergen erfüllt, die aber 70 Prozent des Jahres unvermietet leer steht – was soll’s? Ein Staatsfondsmanager, der weiter munter US-Staatsanleihen kauft, obwohl einem die finanzielle Situation der Vereinigten Staaten Angst machen kann – so what?

Einem zertifizierten Finanzplaner stehen da die Haare zu Berge. Und dennoch gehen abends der alleinstehende Gutverdiener, das Ehepaar in den 50ern und der Staatsfondsmanager vermutlich zufriedener ins Bett als ihre jeweiligen Berater.

Die Vielzahl solcher vermeintlich irrationalen Strategien wirft auch jene Börsen- und Anlageregeln über den Haufen, mit denen Strategen versuchen, die Zukunft vorherzusagen, sie machen Prognosen zu Makulatur.

Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, wann sich die Scheren schließen. Zwischen den historisch extrem teueren Anleihen und historisch günstigen Aktien. Zwischen den Kaufpreisen für Wohnungen in 1-a-Innenstadtlagen und auf dem platten Land im Osten der Republik. Oder zwischen den Goldminenaktien und dem Preis für physisches Gold.

Es geht darum abzuschätzen, ob sie sich überhaupt noch mal schließen. Und wie viele Anleger aus Fernost wohl noch nachkommen, die sich mit einer mickrig verzinsten Bundesanleihe weiter wohler fühlen als mit jeder anderen Anlage. Wie viele Immobilienkäufer wohl noch bereit sind, jede Wirtschaftlichkeitsrechnung für den eigenen Wohntraum über den Haufen zu werfen. Und wie viele eine polierte Krügerrand-Goldmünze im Tresor weiter einer Aktie ihres Förderers vorziehen, selbst wenn es diese zum Schnäppchenpreis gibt.

Sich darüber eine Meinung zu bilden und sie umzusetzen ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Geldanlage in den kommenden Jahren – vermutlich gerade auch im viel diskutierten deutschen Immobilienmarkt, wo nun eine Generation von Erben bis zum Ende der Dekade im Schnitt knapp 300 Mrd. Euro pro Jahr erben wird – für die eine Immobilie oft die perfekte Symbiose aus Investieren und Bewahren darstellt.

Das Rennen zwischen finanzieller Vernunft – also für ein Haus keinesfalls mehr als das 20-Fache der zu erzielenden Mieterlöse zu zahlen – und der emotionalen Rendite eines Glases Rotwein am Abend im eigenen Traumhaus ist jedenfalls offener, als es die Pessimisten für deutsche Immobilien womöglich glauben.

Natürlich ist das Phänomen der emotionalen Rendite nicht gänzlich neu: Schon seit Jahrzehnten sind Menschen bereit, für den Kauf eines Neuwagens und den schönen Geruch in seinem Innern in Kauf zu nehmen, dass das Auto in der Sekunde, in der man mit ihm vom Hof fährt, einige Tausend Euro weniger wert ist. Und schon immer hat es Ineffizienzen an den Märkten gegeben, auch Hysterien. Und die Behavioral-Finance-Forschung arbeitet sich fleißig daran ab, wieso bei der Geldanlage die Emotion so oft über die ökonomische Vernunft bei der Geldanlage siegt – dabei dürfte längst klar sein, dass es eher im Juni schneit, als dass ein an finanzieller oder ein emotionaler Rendite interessierter Anleger die Seiten wechselt.

Dennoch war von emotionaler Rendite bislang meist nur im Zusammenhang mit Kunst und Immobilien die Rede – oder aber implizit, denn mit der Frage „Wo sehen Sie sich denn in 30 Jahren?“ beginnen jeden Tag Hunderte Beratungsgespräche, ehe es dann am Ende doch wieder um nüchterne Zahlen und die private Rentenversicherung geht.

Ein Haus bauen, ein Kind zeugen, einen Baum pflanzen, das sind die Aufgaben, die der Volksmund einem Mann mit auf den Weg gibt. Vermutlich ist es kein Zufall, dass sich Häuser, Bäume und Kinder nur selten einer nüchternen ökonomischen Rechnung stellen können, aber doch am Ende für die meisten eine emotionale Rendite zahlen, an die kaum eine Geldanlage herankommt.

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From → FTD Kolumnen

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