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Abgerechnet wird zum Schluss

8. Mai 2012

Zum Glück gibt es nun den Facebook-Börsengang: Endlich können notorische Pessimisten, Social-Media-Hasser und Börsenblasenpropheten mal wieder so richtig Dampf ablassen

erschienen in der FTD am 8.5.2012

Beginnen wir mit einem kleinen Rätsel nach einem Unternehmensnamen: Der Börsengang dieser Firma „erinnert an die Zeit der spekulativen Blase“, das Unternehmen geht leider pünktlich zum Börsengang „nicht davon aus, das Wachstumtempo halten zu können“, es „stolpert nach einer Serie von Pannen auf das Parkett“, „Experten befürchten den Absturz“, die „Bewertungen sind schwindelerregend“, seine „Bosse kassieren groß ab“, der „Überflieger stößt an seine Grenzen“, sein „Wachstumspotenzial ist wegen eines Strategiedefizits gering“, er ist „drauf und dran, seinen Börsengang vor die Wand zu fahren“ und, natürlich, „viel, viel zu teuer“.

Man könnte auch sagen: ein ganz schön teures, aufgeblasenes Schrottpapier, das da an die Börse geht – wenn man den deutschen Zeitungsartikeln glaubt, aus denen obige Zitate entnommen wurden.

Es dreht sich allerdings nicht, wie man annehmen könnte, um Facebook, obwohl die Tonalität zu jenem Hohn passt, der schon seit Wochen über den Börsengang des sozialen Netzwerks ausgekippt wird. Mit diesen Zitaten wurde 2004 der Börsengang von Google apostrophiert – dessen Aktie sich seitdem versechsfachte.

Zugegeben: Die Facebook-Aktie ist nur etwas für wagemutige Investoren, denn sie unterscheidet sich von früheren, schnell wachsenden Erfolgsaktien aus dem Internetumfeld in einem zentralen Punkt: Der Börsengang erfolgt, so paradox dies für ein acht Jahre altes Unternehmen klingt, zu einem bereits reifen Stadium der Unternehmensgeschichte: Der Internetkonzern AOL debütierte 1992 mit 60 Mio. US-Dollar Börsenwert, das Internetportal Yahoo 1996 mit knapp 500 Mio. Dollar, das Onlineversandhaus Amazon.com 1997 mit 430 Mio. Dollar, das Onlineauktionshaus Ebay 1998 mit 700 Mio. Dollar und die Suchmaschine Google 2004 mit 23 Mrd. Dollar. Facebook peilt nun aus dem Stand zum Börsengang nächste Woche rund 75 Mrd. Dollar Börsenwert an, wie es auch bereits eine knappe Milliarde Nutzer hat.

Nun braucht es natürlich keinen analytischen Scharfsinn für die Diagnose, dass damit schon eine große Portion des künftigen Wachstums gleich beim Börsengang verfrühstückt ist. Denn selbst wenn man das Wachstumstempo des letzten Jahres auf dieses Jahr fortschreibt, wäre die Facebook-Aktie mit dem Zehnfachen seiner diesjährigen Umsätze und dem 50-Fachen seiner Gewinne bewertet.

Bei Facebook geht es aber auch um andere Dinge: Dass sich die meisten Analysten, Fondsmanager und auch Journalisten der Facebook-Aktie nur über die Risikoseite nähern, ist verständlich. Zum einen hat diese Gruppe in ihrer Gesamtheit keine sonderlich gute Trefferquote in der korrekten Diagnose von Blasen in der New Economy, am US-Häusermarkt oder in europäischen Peripherie-Anleihen gehabt. Da warnt man lieber einmal zu viel als einmal zu wenig, um verloren geglaubte Reputation zurückzugewinnen – und kommt obendrein gut damit an bei Anlegern, die stets nach Gründen suchen, warum es eine gute Idee ist, die Finger von Aktien zu lassen.

Zum anderen stimmt bei Facebook aber auch der „Nasenfaktor“ für die meisten nicht: Das Unternehmen eines Adiletten tragenden Jungspunds soll 75 Mrd. Dollar wert sein, zumal wenn überdies dessen Geschäftszweck in digitalen Freundschaftsanfragen und dem Auftürmen von Datenmüll besteht? Das übersteigt die Vorstellungskraft vieler Investoren.

Hinzu kommt, dass Facebook sich zwar für börsenreif hält, das Produkt aber an vielen Ecken und Enden noch reichlich unprofessionell ist. Bis heute finden sich auf der deutschen Seite englische Satzbausteine. Die Menüführung ist alles andere als intuitiv. Die iPhone-Applikation ist eine technische Katastrophe, wie auch der Bewertungsschnitt im App-Store belegt. Die angeblich „personalisierte“ Werbung ist meist unfreiwillig komisch. Die Firmenpräsenzen strahlen oft eine amüsante Unbeholfenheit aus – obwohl es beruhigend ist zu wissen, dass viele deutsche Arbeitnehmer offenbar noch genug Zeit haben, sich mit den Social-Media-Teams ihres Lieblingsweizenbiers oder -drogeriemarkt über das Wetter und den Feierabend auszutauschen.

Unter dem Strich drängt sich eine Zeichnung oder ein Kauf der Aktie nicht auf. Facebook ist letztlich eine Hopp-oder-top-Aktie: Kommen auch nur leise Zweifel am Wachstumstempo auf, drohen dramatische Kursverluste.

Facebook birgt aber auch die Chance, die komplette digitale Kommunikation aufzusaugen. Denn im gleichen Maße, wie Smartphones ein Endgerät und Medium nach dem anderen substituieren – Digitalkameras, PC, Blackberrys, Diktiergeräte, Zeitungen, Navigationssysteme –, kann Facebook in den kommenden Jahren die Kommunikationskanäle zwischen Nutzern, zu Firmen und die allgemeine Mediennutzung revolutionieren. Statt auf unzähligen Seiten herumzusurfen, sich Nachrichten zusammenzusuchen oder teuren Hotlines abzugeben, kann Facebook künftig die zentrale Anlaufstelle in der Kommunikation zwischen Firmen und Nutzern sein – und auch ein praktisches, umfassendes privates Archiv.

Hat Facebook erst einmal große Teile dieser Kommunikation und auch Mediennutzung auf seine Plattform gezogen (wie es bei vielen jüngeren Nutzern schon der Fall ist) und sich endlich auch mal optisch, textlich und technisch professionalisiert, wird es ein Leichtes sein, auch die Werbeerlöse zu generieren, die den möglichen Börsenwert von 75 Mrd. Dollar mehr als rechtfertigen – weil Facebook dann auch Werbeerlöse aus anderen Mediensegmenten wie etwa dem Fernsehen aufsaugen wird.

Wer auf Hopp-oder-top-Wetten bei der Geldanlage keine Lust hat, ist derzeit mit jenem Unternehmen gut bedient, das angeblich schon 2004 für die meisten „viel, viel zu teuer“ war und dessen „Wachstumspotenzial an seine Grenzen“ stieß: Google. Der Konzern ist unumstrittener Marktführer für Internetwerbung, die Aktie lediglich mit dem 18-Fachen seiner Gewinne bewertet, steigert seine Gewinne um verlässlich 20 Prozent pro Jahr und hat mit 48 Mrd. Dollar rund viermal so viel Bargeld in der Kasse, wie Facebook bei seinem Börsengang idealerweise einnimmt – und ist in Sachen technischer Professionalität dem sozialen Netzwerk weit voraus.

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From → FTD Kolumnen

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