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Immer eine Ausrede parat

22. Mai 2012

Viele DAX-Konzerne finden seit Jahren ständig neue Gründe, warum sie nichts für ihre Aktionäre verdienen. Vergessen Sie das! Vertrauen Sie lieber auf eine ganz banale Regel

erschienen in der FTD am 22.5.2012

Eigentlich leben wir ja in einem Land, das derzeit dank seiner Wirtschaftskraft die Euro-Zone vor einer Rezession bewahrt. Dessen Arbeitslosigkeit auf einem Rekordtief ist. Das sich am Kapitalmarkt auf Sicht von zehn Jahren für lumpige 1,4 Prozent Zinsen pro Jahr verschulden kann. Das mit Geld aus dem Ausland geflutet wird. In dem es trotz aller Probleme eigentlich sehr gut läuft.

Lauscht man allerdings so manchem DAX-Chef, sieht die Sache anders aus. In der Rede, die Allianz-Chef Michael Diekmann vor gut zwei Wochen auf der Hauptversammlung des Versicherungskonzerns gehalten hat, taucht das Wort „Krise“ in all seinen Flexionen auf gerade einmal acht Seiten 17-mal auf. Und Diekmanns Pendant bei der Lufthansa, Christoph Franz, berichtete tags zuvor, zahlreiche Umstände und Ereignisse hätten das Ergebnis belastet: der dramatisch gestiegene Kerosinpreis, die europäische Schuldenkrise, politische Unruhen, Sonderabgaben und Steuern, das Nachtflugverbot in Frankfurt.

Zugegeben: Die Schuldenkrise ist ein Pfund. Aber irgendwas ist eben immer. Und sowohl die Allianz als auch die Lufthansa sind typische Beispiele von DAX-Konzernen, bei denen ein krisenfreies Jahr mit hohen Gewinnen, ohne externe Belastungen, dafür aber mit starken Aktienkursen ungefähr so wahrscheinlich ist wie drei gute Spiele in Serie des 1. FC Köln. Sprich: Alle fünf, sechs Jahre ist es mal so weit.

Denn egal, welchen Zeitraum man auch wählt: Die letzten fünf Jahre, die letzten zehn, die letzten 20 – die absoluten Erträge für Aktionäre waren bei beiden Firmen anämisch, die relativen zum Deutschen Aktienindex (DAX) grottig: 20 Prozent verloren Lufthansa-Aktionäre allein seit 2002 selbst inklusive Dividende, obwohl der DAX in diesem Zeitraum 25 Prozent zulegte, bei der Allianz beträgt das Minus knapp 55 Prozent.

Aufgefallen sein dürfte dies allerdings nur langjährigen Aktionären. Denn wann immer wir über den Aktienmarkt nachdenken, tappen wir in die Falle der Ankerpunkte: Wir orientieren uns am DAX und dabei vor allem an den historischen Höchstkursen von über 8000 Punkten in den Jahren 2000 und 2007. Wir gleichen den aktuellen Indexstand ab mit dem aktuellen DAX-Kurs und folgern, man habe kaum etwas verpasst.

Irrtum. Denn im Innern des Index sieht die Sache anders aus, und die „Jahrhundertkrise“ seit 2007 verstärkt allenfalls Trends, stellt sie aber nicht auf den Kopf. Untersucht man die absolute und die relative Kursentwicklung der 30 DAX-Mitglieder über Zeiträume zwischen fünf und 20 Jahren, gelangt man schnell zu einer einfachen Faustregel: Siegeraktien bleiben meist Siegeraktien – und Verlierer schaffen es auch über längere Zeiträume selten, für Aktionäre einen attraktiven Ertrag zu generieren.

Ziehen wir dazu zunächst die vergangenen fünf Jahre heran: Diese Spanne beginnt im Frühsommer 2007 und umfasst die letzten unbeschwerten Tage vor der Eskalation der Finanzkrise, die Lehman-Pleite, die globale Rezession, die anschließende Erholung und die Euro-Krise. Der DAX verlor über diese fünf Jahre 18 Prozent an Wert. Die aktuellen DAX-Mitglieder indes teilen sich indes je rund hälftig in Werte, die deutlich besser abgeschnitten haben, und in jene, die deutlich schlechter abgeschnitten haben: Die Allianz-Aktie etwa verlor – wie auch in allen folgenden Berechnungen inklusive Dividenden – rund 41 Prozent, die Commerzbank 95 Prozent, Daimler 33 Prozent, die Deutsche Bank 71 Prozent, die Lufthansa 50 Prozent, Metro 56 Prozent, ThyssenKrupp 59 Prozent.

Für dieses schlechte Abschneiden gibt es mal unternehmensspezifische, mal globale Gründe wie die Finanzkrise, mal greifen beide. Betrachtet man jedoch einen 20-Jahres-Zeitraum – also 1992 bis heute –, stellt man fest, dass die vergangenen fünf Jahre keine Ausrutscher sind. Von den neun DAX-Konzernen, die dauerhaft im Leitindex enthalten waren und seit 2007 schlechter abgeschnitten haben als der DAX, weist nur einer über 20 Jahre eine leicht bessere Kursentwicklung als der DAX auf: Es ist der Versorger Eon.

Nun könnte man argumentieren, dass vor allem die Finanzkrise in den letzten fünf Jahren viel Aktionärskapital vernichtet hat. Doch auch diese Überlegung greift bei den meisten Titeln zu kurz: Die Aktien von Allianz, Commerzbank, Daimler (seit der Fusion mit Chrysler 1998), Metro schnitten selbst in dem von der Finanzkrise noch völlig unbeeinträchtigten Zeitraum 1992 bis 2007 schlechter ab als der DAX. Die Anteile der Deutschen Bank und der Lufthansa wiederum liegen über diese goldenen Aktienjahre hinweg lediglich gleichauf mit dem DAX, ehe ab 2007 der tiefe Fall einsetzte.

Nun vergleichen Unternehmenschefs aber den Aktienkurs des eigenen Unternehmens ungern mit einem großen Aktienindex wie dem DAX, sondern lieber mit einem Branchenindex. Für die meisten Privatinvestoren ist es aber kaum tröstlich, zu wissen, dass mit den Aktien von Wettbewerbern aus der Finanz-, Versicherungs- oder Luftfahrtbranche noch mehr Geld flöten gewesen wäre.

Die pessimistische Interpretation dieser Rechnung ist, von notorischen Verliereraktien lieber die Finger zu lassen. Die optimistische ist, dass die Topaktien des DAX ebenfalls mit bemerkenswerter Konstanz hohe absolute und (!) relative Erträge für ihre Investoren generieren: Im schwierigen Umfeld der letzten fünf Jahre, in denen der DAX knapp ein Fünftel einbüßte, brachten gleich eine Reihe von DAX-Werten Aktionären Renditen von über 30 Prozent ein, und zwar Adidas, BASF, BMW, Bayer, Henkel, SAP. Genauso stark schnitten auch die erst in den vergangenen Jahren in den DAX aufgestiegenen Werte Fresenius SE, die Volkswagen-Vorzugsaktien und Beiersdorf ab. Und, wenig überraschend: All diese Werte schnitten auch über zehn und über 20 Jahre ebenso deutlich besser ab als der DAX wie auch in den Vorkrisenjahren 1992 bis 2007.

Investoren tun daher gut daran, sich weder von DAX-Ankerpunkten noch vom Krisen-Wortgeklingel von Vorstandschefs in die Irre führen zu lassen – und sich lieber konsequent an Aktien von Unternehmen zu halten, die über viele Jahre bewiesen haben, für Investoren auch über viele Krisen hinweg Geld zu verdienen.

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From → FTD Kolumnen

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