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Bitte achten Sie auf Handgepäck- und Taschendiebe

5. Juni 2012

Anleger und Investoren nehmen die laufende Enteignung durch Fast-Nullzinsen nicht als ihr Problem wahr. Das sollten sie aber dringend tun

erschienen in der FTD am 5.6.2012

Jeder kennt sie: Leute, die bei Gesellschaftsspielen unbedingt gewinnen wollen. Die mit irrem Eifer bei der Sache sind. Die plötzlich mit Regeländerungen kommen, die „bei uns in der Gegend so gespielt werden“. Deren Verhalten an einen Vierjährigen erinnert. Die „Kippt!“ brüllen und noch mal würfeln wollen, wenn der Wurf nicht die gewünschte Augenzahl gebracht hat; und gern auch mal Karten durch die Gegend pfeffern.

Eine Weile sind sie ja ganz lustig. Aber irgendwann droht die Stimmung dann doch so fundamental zu drehen, dass man Gesellschaftsspiele mit dieser Spezies lieber bleiben lässt.

Stellen wir uns die Kapitalmärkte als ein großes Monopoly-Spiel vor. Dann gibt es auch dort Mitspieler, die nicht verlieren können. Die so oft würfeln, bis sie die erhoffte Augenzahl haben, sich beliebig Geldscheine holen dürfen und notfalls das Spielbrett anzünden und ein neues auf den Tisch stellen: Es sind die globalen Notenbanken, und dummerweise können wir die Interaktion mit ihnen nicht einstellen, solange wir leben, konsumieren, planen, sparen.

Was das konkret heißt, lässt sich am Anleihenmarkt beobachten: Die Renditen zweijähriger Bundesanleihen liegen nahe null, die von zehnjährigen bei 1,2 Prozent. In den übrigen Industrieländern sieht es – mit Ausnahme der Euro-Peripherieländer – ähnlich aus, weil Notenbanken die Konjunktur nicht gefährden und den Prozess des Schuldenabbaus hilfreich flankieren wollen mit Anleiheaufkäufen und Billionengeldspritzen.

Seit gut einem Jahr macht das Schlagwort der drohenden finanziellen Repression die Runde: Sie beschreibt jenen in Industrieländern aus den Jahrzehnten zwischen 1945 und 1980 bereits bekannten Zustand, in dem sich Staaten entschulden können, weil die nominalen Zinsen unterhalb der Inflationsrate liegen. Und überdies Banken und Privatinvestoren über vielerlei Wege – etwa Kapitalverkehrskontrollen, strenge Anlagevorschriften für Banken, Versicherungen und Pensionskassen – genötigt werden, sich an der heimischen Staatsfinanzierung zu beteiligen.

Ein Schlagwort nur? Mitnichten. Wir sind bereits mittendrin: Mit als sicher geltenden Zinsanlagen verlieren Investoren real schon heute zwischen ein und zwei Prozent pro Jahr. Der „faire“ Ausgang des Spielverlaufs der letzten drei Jahrzehnte ist das nicht: Eigentlich müssten die Zinsen der Staatsanleihen weit höher notieren, um die im Zuge der Schuldenexzesse gestiegen Ausfallrisiken zu reflektieren. Das tun sie aber nicht, denn weder für Politik noch Notenbanken ist Verlieren – in Form hoher Zinsen, eines Konjunktureinbruchs und womöglich sogar Staatspleiten – eine Option.

Für Investoren ist die Situation aus zwei Gründen gefährlich. Erstens, weil die meisten finanzielle Repression und die schleichende Entwertung ihres Vermögens über die Teuerung bei Fast-Nullzinsen nicht als Problem wahrnehmen. Und zweitens, weil die Frage nach der optimalen Geldanlage in der Ära der finanziellen Repression maximal eine Näherung zulässt.

Der erste Punkt erklärt sich mit Erkenntnissen der Behavioral-Finance-Lehre: Investoren orientieren sich weit stärker an der nominalen Entwicklung ihrer Anlagen als an der realen, also inflationsbereinigten. Sie wollen nominal nichts verlieren, ganz egal, was real passiert. Lässt man ihnen die Wahl zwischen einer Geldanlage A, die nominal pro Jahr zwei Prozent verliert bei identischer Kaufkraft, und einer Geldanlage B, die nominal zwei Prozent gewinnt bei vier Prozent Teuerung, entscheidet sich die große Mehrheit für die Anlageform B – trotz der identischen Realverzinsung. Der Staat hat so leichtes Spiel mit der finanziellen Repression – erst recht in Deutschland, wo der Anteil (nominal) sicherer Sparformen am Geldvermögen besonders hoch ist: Das Problem überhaupt zu erkennen ist schon ein Fortschritt.

Der zweite Punkt – wie man es denn richtig machen soll in Zeiten finanzieller Repression – regt schon seit Monaten die Fantasie der Finanzdienstleistungsbranche an. Die wichtigsten Tipps laufen in der Regel auf Folgendes hinaus: Hochzinsanleihen sollen ins Depot, Schwellenländerwährungen beigemischt werden, dazu cashflow- und dividendenstarke Aktien. Auch Gold ist salonfähig für den Vermögenserhalt, schließlich fällt dessen größter Nachteil – die fehlende Verzinsung – im Zeitalter der Minizinsen für sichere Staatsanleihen kaum ins Gewicht.

Alles gut und richtig. Diversifizieren ist immer gut. Egal, ob wir in einer finanziellen Repression stecken oder in einer Megahausse. Letztlich ist es dennoch das übliche Marketing-Grundrauschen, weil mit der Notenbank und der Politik Spieler am Tisch sitzen, die die Regeln der Geldanlage per Handstreich verändern können.

Den vermutlich wichtigsten Tipp für diese neue Ära an den Kapitalmärkten werden Investoren von ihrem Berater indes vermutlich nicht bekommen: Wenn schon die Realitäten am Kapitalmarkt die Zinsen und folglich auch die Aktienmarktrenditen auf ein mikroskopisches Niveau sinken lassen, kommt den Gebühren eine noch weit größere Bedeutung zu als bisher. Im Schnitt kassieren etwa aktiv verwaltete Anleihenfonds in Deutschland 0,9 Prozent Gebühren pro Jahr auf den investierten dreistelligen Milliardenbetrag – das können zumindest konservative Fonds ohne die Beimischung von Risikopapieren nicht mehr verdienen, wenn es risikofrei nur noch 1,2 Prozent pro Jahr gibt. Das Bild ist bei Aktienfonds ähnlich, wo sich die Gesamtkosten auf 1,5 bis 2,0 Prozent pro Jahr summieren. Jahrelang ging das gut, solange – wie seit den frühen 80er-Jahren – die Renditen stimmten. Doch wie lange noch?

Wer die Kosten der Ära der Niedrigzinsen und der finanziellen Repression daher als Investor zumindest mindern will, sollte für sein persönliches Depot die Ära der Niedriggebühren einläuten: schlecht laufende und teure aktive Fonds konsequent gegen günstige Indexfonds tauschen – und jenen Schwall an Produkten ignorieren, die Finanzdienstleister in den kommenden Monaten mit Sicherheit eigens für das neue Anlageumfeld der finanziellen Repression auflegen werden und denen das wichtigste Merkmal vermutlich fehlen wird: dem neuen Umfeld angemessen niedrigere Gebühren.

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From → FTD Kolumnen

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