Skip to content

Hello again!

19. Juni 2012

Die Prozyklizität der Investoren treibt irre Blüten: Continental steht vor DAX-Aufnahme Nummer drei

erschienen in der FTD am 19.6. 2012

Neun Millionen Menschen umfasst die Gruppe der Deutschen, die sich im weitesten Sinne für eine Geldanlage jenseits von Sparbüchern und frech verprovisionierten Lebensversicherungen interessieren. Und die allermeisten von ihnen stehen derzeit da wie die Rehe im Scheinwerferlicht; sie haben abstrakt Angst vor dem, was auf sie zukommt in Sachen Rezession und Schuldenkrise, aber sich bewegen, etwas entscheiden, das können und wollen sie dann doch nicht angesichts der unzähligen Unsicherheiten und der Mikrozinsen für sichere Anlagen.

Hier einmal eine ganz konkrete spekulative Empfehlung: Spannende deutsche Aktien, die einen Kauf lohnen dürften, sind Lufthansa, MAN und Metro. Vorsicht walten lassen sollten Investoren hingegen bei Continental, Brenntag und Lanxess. Die Chancen stehen gut, dass das erstgenannte Trio demnächst eine relativ zum DAX wieder bessere Kursentwicklung verzeichnet, während es beim zweiten umgekehrt ist.

Denn alle sechs Werte nähern sich einer magischen Linie, die seit über einem Jahrzehnt stark kursrelevant ist – wenngleich ganz anders, als es Investoren intuitiv vermuten: jener Linie, die die 30 Titel des Deutschen Aktienindex (DAX) vom Rest deutscher Standardwerte trennt. Lanxess, der Chemielogistiker Brenntag und vor allem Continental nähern sich von unten, Lufthansa, MAN und Metro von oben. Stand heute muss Metro den DAX vermutlich im September wegen zu geringer Börsenkapitalisierung verlassen, und Continental rückt nach.

Das klingt so, als dürften sich Continental-Investoren auf kräftig steigende Kurse freuen, wenn die ganzen DAX-Indexfonds und sonstigen Großinvestoren Metro aus den Portfolios werfen und stattdessen Continental kaufen. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt indes, dass das Gegenteil der Fall ist: Die Messe ist Monate vor der Indexaufnahme längst gelesen, Investoren wie Spekulanten antizipieren den Indexaustausch lange vorher.

Und die Anziehungskraft jener osmotischen Trennlinie zwischen dem DAX und dem Rest ist selbstverstärkend: Hat der Abverkauf der potenziellen Absteiger erst einmal begonnen, verstärkt sich der Effekt selbst, da der für die Indexzugehörigkeit so wichtige Börsenwert immer weiter sinkt.

Bei den potenziellen Aufsteigern ist es umgekehrt, viele wollen, manche müssen gar dabei sein. Die Aufsteiger gehen dann allerdings häufig mit einem aufgeblähten Börsenwert in den Index ein – mit der Folge, dass zwei Drittel der DAX-Aufsteiger nach der Indexaufnahme schlechter abschneiden als der Index selbst.

Und schlimmer noch: Die Sieger laufen meist nur wenig besser ab als der DAX – klar besser nach Indexaufstieg liefen in den letzten Jahren nur die Volkswagen-Vorzüge und Beiersdorf –, während die Flops unter den Aufsteigern teils dramatisch schlechter abschnitten, etwa die Postbank, HRE oder zuletzt auch der Düngemittelhersteller K + S, der seit dem DAX-Aufstieg im Herbst 2008 um 44 Prozentpunkte schlechter lief als der DAX selbst. Viele Absteiger liefen hingegen nach dem Rauswurf deutlich besser.

Entscheidend für diesen Effekt ist auch die Funktionsweise der immer populäreren passiven Indexfonds: Die DAX-Indexfonds kaufen zwar exakt am Tage der Indexaufnahme die entsprechenden Aktien des Aufsteigers zu und stoßen die Papiere des Absteigers ab. Diese Transaktion vollziehen sie aber nicht an der Börse, sondern mit Handelspartnern, die die gewünschten Stückzahlen taggleich abnehmen und bereithalten und schon lange vorher am Markt aktiv waren.

Rund 22 Mrd. Euro verwalten derzeit die Indexfonds auf den DAX. Rückt Continental mit einer Gewichtung von gerade mal einem Prozent in den DAX ein, heißt dies vereinfacht, dass die Handelspartner der Indexfondsanbieter Continental-Aktien über insgesamt 220 Mio. Euro aufkaufen müssen – das entspricht dem Sechsfachen des durchschnittlichen Tagesumsatzes mit Conti-Aktien. Hinzu kommen noch die Vorabkäufe von aktiven Fonds, die sehr indexnah anlegen und nochmals ein Vielfaches dessen betragen dürften.

Ohnehin illustriert Continental besser als jeder andere Konzern das Dilemma der Prozyklizität von kapitalgewichteten Indizes wie des DAX. Für den Konzern naht die DAX-Aufnahme Nummer drei: 1988 rückte man gleich zur Gründung ein, flog 1996 aber wegen eines zu geringen Börsenwerts aus dem DAX heraus (Kurs damals splitbereinigt: 13,27 Euro), um im September 2003 zu knapp doppelt so hohem Kurs wieder aufgenommen und im Dezember 2008 zu 32 Euro wieder entfernt zu werden – und nun bald mit einem annähernd doppelt so hohen Kurs von 66,40 Euro wieder aufzusteigen.

Natürlich bestimmen weiter die großen Makrothemen wie die Wirtschaftsentwicklung und die Schuldenkrise die Kursentwicklung des DAX, aber auch von Continental. Doch mit der immer größeren Popularität der Indexfonds werden auch immer häufiger nicht etwa fundamentale Entwicklungen, sondern Handelsautomatismen zu bedeutenden Kurstreibern. Noch wiegen die Kostenvorteile der meisten Indexfonds ihren stark prozyklischen Investitionscharakter – in den Index wandert und wird hoch gewichtet, was bereits gut gelaufen ist – mehr als auf. Doch wie lange noch?

Für die Continental-Aktie mag es viele gute Kaufgründe geben, für Metro viele Verkaufsargumente – der nahende Indexaustausch im DAX ist jedenfalls keiner.

Advertisements

From → FTD Kolumnen

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: