Skip to content

Das Ende der Unschuldsvermutung

29. Juni 2012

Zocken, draufstürzen, ins Visier nehmen, angreifen, zündeln: Wie die unerträgliche verbale Kraftmeierei von Politik und Medien unseren Blick auf die Euro-Krise manipuliert

erschienen in der FTD am 29.6.2012

Da sitzt man, liest und nickt zustimmend, wenn SPD-Parteichef Sigmar Gabriel in einem Interview – wie am Donnerstag geschehen – eine „Brandmauer gegen Zinsspekulationen“ fordert. Es lohnt sich, sich diese Formulierung einmal genau zu vergegenwärtigen: eine Brandmauer gegen Zinsspekulationen. Wer will die nicht? Brandmauern sind gut, schon seit Jahrhunderten. Zinsspekulationen? Sind natürlich schlecht. Wollen wir nicht.

Gabriel ist nicht der Einzige, der sich solch sprachlicher Bilder bedient. Schon seit Beginn der Euro-Krise schwadronieren Politiker fortwährend von Spekulanten und Spekulationen, gierig aufgesogen von den Medien (auch dieser Zeitung).

Wenn ein Miniverlust des Euro zum Dollar längst nicht mehr spektakulär ist; wenn ein Fluktuieren der Zinsen in einem Euro-Peripherieland auf hohem Niveau längst der Normalfall ist; wenn eine politische Forderung eine eingängige Herleitung benötigt, dann muss eben die Kraft der Sprache für die nötige Fallhöhe sorgen: Da „stürzen sich Finanzzocker auf Spanien“, „nehmen sich Spekulanten Italien vor“, „gerät der bedrohte spanische Bankensektor ins Visier der Spekulanten“, und es drohen, um Italiens Ministerpräsidenten Mario Monti zu zitieren, „eskalierende Spekulationsangriffe“ auf einzelne Euro-Länder, es „zündeln Hedge-Fonds“.

Natürlich ist die Lage schlimm, natürlich müssen Lösungen her. Seit Beginn der Finanzkrise hat sich jedoch etwas verändert: Beschuldigungen gegenüber Spekulanten müssen nicht mehr belegt werden. Denn den meisten scheint intuitiv klar zu sein, dass ein ölhaariger Zocker in einem Bankenturm seine Finger im Spiel haben muss, wenn die Zinsen in Ländern wie Griechenland, Spanien oder Italien steigen oder der Euro fällt. Das Prinzip der Unschuldsvermutung ist für Akteure an den Kapitalmärkten spätestens in den Wirren des Krisenherbsts 2008 abgeschafft worden.

Und mit der Sprache wandelt sich in den Köpfen der Rezipienten auch das Bild der Krise: Spekulanten sind mindestens Beschleuniger, womöglich gar Verursacher der Schuldenprobleme. Diese Argumentation klingt absolut schlüssig, zumal in der Finanzbranche die Zahl der skrupellosen und bonusfixierten Zocker ja tatsächlich nicht eben klein ist.

In der Schuldenkrise – genauer: am europäischen Anleihemarkt – greift sie jedoch nicht. Sie lenkt ab von den eigentlichen Problemen, dem Vertrauensverlust von Investoren, der Angst vor Staatspleiten, den Zweifeln der Investoren an der Problemlösungskompetenz der Politik – der Investoren, nicht der Spekulanten.

Denn wenige Dinge sind so einfach und binär wie der Kern des Problems: Eine Staatsanleihe hat eine fixe Laufzeit, einen jährlichen Kupon, einen festen Rückzahlungsbetrag. Bekommen Investoren es mit der Angst zu tun, ob sie Zins und Tilgung erhalten, stellen sie die Käufe ein. Verkäufe spielen kaum eine Rolle, da der Markt für Staatsanleihen enorm illiquide ist, die Papiere werden meist vom Kauf bis zur Tilgung gehalten. Und Gründe, sich um die Rückzahlung von Anleihen der Euro-Staaten Sorgen zu machen, gibt es, wer würde das ernsthaft bestreiten wollen, eine ganze Menge.

Spekulative Attacken allerdings, von denen ständig die Rede ist, spielen am Anleihemarkt eine mikroskopische Rolle, da der Markt viel zu illiquide ist für Spekulanten. Er ist ein Reich von Investoren, die Vertrauen fassen oder Vertrauen entziehen.

Spekuliert wird lediglich über den Umweg von Kreditausfallversicherungen, die indes nicht nur der Spekulation, sondern auch der Absicherung dienen können. Hier summiert sich das ausstehende Volumen von Kreditausfallversicherungen auf Anleihen aus Frankreich, Deutschland und Italien auf rund 51 Mrd. Euro – das entspricht gut einem Prozent des gesamten ausstehenden Volumens von Staatsanleihen dieser drei Länder von rund 4000 Mrd. Euro. Zudem haben sich beide Märkte – die Kreditausfallversicherungen auf der einen und der jeweilige Anleihemarkt auf der anderen Seite – zuletzt voneinander entkoppelt: Deutschlands Zinsen sinken, doch die Versicherung gegen eine Pleite Deutschlands wird immer teurer. Eigentlich ein Fest für auf Arbitrage zwischen Märkten spezialisierte Hedge-Fonds, doch die haben offenbar derzeit Besseres zu tun.

Ähnlich verhält es sich mit der Rolle von Terminmarktspekulationen am Devisenmarkt, wo der Euro angesichts der vertrackten Lage und trotz angeblicher spekulativer Attacken seit Monaten mit einer beachtlichen relativen Stärke zum Dollar auffällt.

Fraglos wird natürlich weiterhin auch gezockt – in Banken, von Hedge-Fonds, in vielen Märkten, und das nicht zu knapp. Und zu oft verhalten sich auch Investoren stumpf und prozyklisch – in den Nullerjahren wurden Euro-Peripherieanleihen regelrecht gestürmt, jetzt gelten sie als riskant. Diese Prozyklik verschärft die Krise.

Dennoch ist sie kein Werk von Spekulanten, sondern das Ergebnis eines Vertrauensverlusts der Investoren, darunter Staatsfonds, Banken, Anleihefonds und Versicherungskonzerne. Davon darf die sprachliche Kraftmeierei nicht ablenken, will man diese Krise beenden, statt sie zuzukleistern.

Advertisements

From → FTD Kolumnen

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: