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Gebrannte Kinder? Lieben Feuer!

3. Juli 2012

Von wegen dumm und risikoscheu: Viele Privatanleger haben ihre Lektion gelernt und verhalten sich derzeit am Aktienmarkt weitaus cleverer, als viele Fondsmanager meinen

erschienen in der FTD am 3.7.2012

Um das Image von Bankberatern und anderen Beschäftigten im Finanzdienstleistungsgewerbe ist es derzeit nicht gut bestellt, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

Allerdings ist auch noch reichlich Luft nach unten. Denn wenn Anleger wüssten, welches Image sie selbst bei vielen Bankberatern und Fondsmanagern haben, wäre die Verärgerung noch mal ungleich größer: Wenn ich Vertreter dieser Berufsgruppen zum Hintergrundgespräch treffe, dauert es in der Regel maximal eine Viertelstunde, ehe über den typischen deutschen Privatanleger gelästert wird: Viel zu risikoavers sei der, wolle ja nur Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit, kaum Aktien, verschenke Zinseinnahmen mit seiner Sparwut, aber – und dieser verächtliche Satz fällt stets: „Wenn der DAX auf 10 000 steht, ja dann sind sie alle wieder da und wollen rein!“

Die Diagnose des von Schafen bekannten Herdentriebs klingt plausibel. Die Aktienaffinität in Deutschland ist gering, und der letzte große Aktienboom zur Jahrtausendwende endete für die meisten Investoren in einem Desaster, weil sie kollektiv, zu spät und zu Höchstkursen in aufgeblasene Telekom-, Medien- und Technologietitel eingestiegen sind.

Doch wie das so oft ist mit der anekdotischen Evidenz am Kapitalmarkt: Was plausibel klingt, muss noch lange nicht stimmen.

Die wichtigsten Daten zum Anlageverhalten von Privatinvestoren seit Beginn der Finanzkrise deuten auf das exakte Gegenteil hin. Statt prozyklisch wie naive Schäfchen mit der großen Herde zu laufen, nutzen sie hohe Kurse häufig zum Ausstieg und Kursrückgänge für Zukäufe. Klare Hinweise darauf liefert beispielsweise der Fondsverband BVI, der regelmäßig die Mittelzu- und -abflüsse in Publikumsfonds misst. Tatsächlich verzeichneten Aktienfonds im Jahr 2000 Rekordzuflüsse von seinerzeit 73 Mrd. Euro. Das war, rückblickend, ein katastrophales Timing, denn der DAX notiert noch heute mit 6400 Punkten unter dem damaligen Jahresdurchschnittskurs von 7200 Zählern.

Seitdem zeichnet sich allerdings ein anderes Bild ab: Nach einigen mehr oder weniger unspektakulären Jahren verzeichneten Aktienfonds in Deutschland in den Jahren 2006 und 2007 Abflüsse von kumuliert 22 Mrd. Euro – rückblickend eine richtige Entscheidung, markierte doch der Sommer 2007 den Wendepunkt der jüngeren Börsengeschichte, mit dem Beginn der Finanz- und Schuldenkrise weltweit und einer dramatischen Talfahrt der Kurse. 2009 wiederum, bei deutlich tieferen Kursen von im Jahresschnitt 4900 Punkten, gab es dann mit 14 Mrd. Euro die höchsten Nettozuflüsse in Aktienfonds seit dem Jahr 2000.

Noch deutlicher wird das veränderte Anlageverhalten in einer verfeinerten Statistik der Bundesbank, die quartalsweise ermittelt, in welchem Umfang Privatpersonen Aktien erwerben: Im Crashjahr 2008 liquidierten sie zwar netto für 9,4 Mrd. Euro Aktien, nutzten jedoch die tiefen Kurse 2009 für Nettokäufe im Wert von 16,2 Mrd. Euro – allein 11 Mrd. Euro im ersten Quartal 2009, in dem der DAX mit Kursen zwischen 3600 und 4100 Punkten sein zwischenzeitliches Tief erreicht hatte.

Zahlen aus dem vergangenen Jahr belegen den Trend ebenfalls: Insgesamt ist die Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland laut dem Deutschen Aktieninstitut im Jahr 2011 von 3,7 auf 4,1 Millionen gestiegen. Der Zuwachs fiel indes fast komplett in das zweite Halbjahr 2011 – also jene Periode, in der sich die Schuldenkrise ab August nochmals erheblich verschärft hat und die Kurse bis in den Dezember hinein auf Talfahrt waren.

Die Reaktion war kein Einzelfall: „Bei allen längeren Börseneinbrüchen der vergangenen Jahre war der Privatanleger ebenfalls als Käufer unterwegs“, hat die Deutsche Wertpapierservice Bank auf Basis der Transaktionen aller Kunden von Sparkassen und Genossenschaftsbanken bereits im Januar ermittelt und folgert, die angeblich zittrigen Hände der Privatanleger ließen sich „in keiner Weise bestätigen“.

Noch ist das alles eher kleine Münze, ein Wandel im Kleinen. Der durchschnittliche deutsche Privatanleger ist gerade im internationalen Vergleich weiterhin eher risikoscheu, zieht Tagesgeld und Immobilien jederzeit einer Aktienanlage vor. Das ärgert natürlich viele Berater: Erstens sind es gerade die Aktienfonds, die die höchsten Ausgabeaufschläge und Bestandsprovisionen einbringen. Zweitens hat die kurze Euphorie des New-Economy-Booms der Jahrtausendwende das Koordinatensystem der hiesigen Finanzdienstleistungsbranche verschoben.

Denn gegenüber dem Geld, das damals binnen kürzester Zeit gescheffelt wurde, und den Karrieren, die selbst notorische Underperformer in den Banken und Fondsgesellschaften seinerzeit einschlagen konnten, mutet das Hier und Jetzt eher trist an. Da müssen natürlich Schuldige her. Ein Blick in den Spiegel täte not. Inländische Banken haben seit Beginn der Finanzkrise netto Aktien im Wert von rund 47 Mrd. Euro liquidiert, wie aus Bundesbankdaten hervorgeht. Dazu haben natürlich auch die strengere Regulierung und schlicht der krisenbedingte Kapitalbedarf beigetragen. Das langfristig dämliche prozyklische Verhalten am Aktienmarkt ist aber auch immer kürzeren Anlagehorizonten und dem Vormarsch von Risikokontrollsystemen geschuldet. Sie machen nichts anderes, als bei fallenden Kursen noch mehr zu verkaufen, um Verluste zu begrenzen und – noch wichtiger – gegenüber Investoren und vor allem dem Chef das Gesicht zu wahren.

Wann wird aus den ersten antizyklischen Käufen, wie sie sich seit nunmehr vier Jahren wieder beobachten lassen, wieder eine waschechte Börseneuphorie unter Privatanlegern?

Über die typische Länge langfristiger Börsenzyklen gehen die Meinungen zwar auseinander, doch binnen zwölf bis längstens 18 Jahren geht das Spielchen historisch meist wieder von vorn los, weil genügend neue Anleger nachkommen, die die vorherige Euphorie nicht mitgemacht haben, und die alten Hasen die Signale richtig deuten.

Bestenfalls kann es also nach dem letzten Hoch im Jahr 2000 jederzeit wieder losgehen, schlechtestenfalls hätten wir immerhin schon zwei Drittel der Dürrephase hinter uns.

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From → FTD Kolumnen

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