Skip to content

Um keine Ausrede verlegen

17. Juli 2012

Das Geschäft mit Publikumsfonds in Deutschland steckt in einer Krise. Die Erklärungen der Branche wirken hilflos, dabei müssten die Anbieter eigene Versäumnisse eingestehen

erschienen in der FTD am 17.7.2012

Viele Vertreter der deutschen Fondsbranche waren noch nie sonderlich gut darin, unbequeme Wahrheiten zur Kenntnis zu nehmen oder Selbstkritik zu üben. Egal ob es um einen zu aggressiven Vertrieb von Technologie- und Medienfonds zur Jahrtausendwende ging, um das Desaster von plötzlich eben nicht mehr „offenen“ Immobilienfonds, immer hektischer ausgerufenen Anlagetrends oder den zuletzt zu beobachtenden Mittelabflüssen aus Publikumsfonds: Um eine plausibel klingende Erklärung waren die Protagonisten vom Fondsverband und den größten Fondsgesellschaften nie verlegen. Im Zweifel half auch schlichtes Leugnen, dass es überhaupt ein Problem gibt.

Jahrelang funktionierte dieses Prinzip hervorragend, denn das Geld kommt quasi wie in einem Abonnement in die Kassen der über 300 Fondsgesellschaften Deutschlands: In den letzten 25 Jahren betrug das Wachstum des Vermögens von Publikumsfonds – also jenen Fonds, die für gewöhnliche Privatanleger konstruiert sind – satte zwölf Prozent pro Jahr auf nunmehr 675 Mrd. Euro.

Jetzt aber steckt das Geschäft mit Fonds bei Privatanlegern in einer Krise, und die Lage ist noch angespannter, als die Zahlen auf den ersten Blick suggerieren. 2011 mussten Publikumsfonds Mittelabflüsse von 16,6 Mrd. Euro verkraften. Es war – nach 2008 – das zweite Jahresminus überhaupt erst in den letzten 30 Jahren. Für das schlechte Jahr hatte der Fondsverband BVI im Februar unter anderem die Erklärung parat, es läge „eine Vertrauenskrise am Kapitalmarkt“ vor. Eine Vertrauenskrise am Kapitalmarkt? Das klingt plausibel, und wer will bestreiten, dass die Nervosität der Anleger seit Sommer 2011 noch einmal zugenommen hat.

Allerdings zeichnen die Daten, die die Deutsche Bundesbank dann im Mai zum privaten Geldvermögen veröffentlicht hat, ein anderes Bild: Demnach haben deutsche Privatanleger 2011 trotz der Krise netto für 11 Mrd. Euro Aktien gekauft – und zwar direkt, ohne den Umweg über Fonds. Aus Aktienfonds flossen hingegen 2011 2,3 Mrd. Euro ab. Bei Anleihefonds wiederum überstiegen die Liquidationen von Anteilen an Rentenfonds die direkten Verkäufe von Anleihen durch Privatanleger um das Dreifache.

Die ersten Zahlen für das Jahr 2012 deuten zudem darauf hin, dass sich dieser Trend verstetigt: Privatinvestoren haben bis Ende Mai – neuere Zahlen liegen bislang noch nicht vor – für einen zweistelligen Milliardenbetrag Aktien gekauft, aber für rund 4,1 Mrd. Euro Aktienfonds liquidiert. Der Trend ist umso erstaunlicher, als dass eigentlich drei Faktoren für stetige Zuflüsse in Fonds sorgen müssten:

Erstens boomen die praktischen und günstigen Indexfonds als Alternative zur Direktanlage. Zweitens spülen rund drei Millionen Riester-Fondssparpläne sowie weitere Fondssparpläne den Anbietern automatisch monatlich viel Geld in die Kasse. Drittens ist es ein offenes Geheimnis, dass auch viele institutionelle Anleger in Publikumsfonds investieren. Da der Geldzustrom von Profis ungebrochen ist, bleibt es der Fantasie überlassen, wie schlecht es um das Verhältnis zwischen Privatanlegern und Investmentfonds tatsächlich bestellt wäre, würde man die Statistik noch um die Mittel institutioneller Anleger bereinigen.

Hinter diesen Zahlen steckt die unbequeme Wahrheit, dass die relative Attraktivität von Investmentfonds gegenüber anderen Anlageformen in den vergangenen Jahren deutlich gesunken ist – und das sowohl bei den für den Vertrieb so wichtigen Beratern als auch beim Anleger selbst.

So sind seit Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009 die Altersvorsorgelösungen mit Fonds und mit Versicherungen steuerlich nicht auf Augenhöhe: Fonds werden mit der vollen Steuer belastet; bei Versicherungen wird nur die Hälfte des Ertrags besteuert, wenn diese mindestens zwölf Jahre laufen und das Geld nach dem 60. Geburtstag ausgezahlt wird. Auch die Einführung des Beratungsprotokolls hat die Lage deutlich erschwert: Das ist verpflichtend, wenn Wertpapiere ins Spiel kommen – was aber in der Praxis dazu führt, dass Berater lieber Produkte vermitteln, für die ein Protokoll nicht zwingend vorgeschrieben ist, etwa Bausparverträge.

Und eine Verbesserung ist nicht in Sicht. In einem der zentralen Anliegen der Branche – dem Versuch, Fondssparen für die Altersvorsorge steuerlich zu privilegieren – gab es erst jüngst eine Niederlage in Berlin. Der Plan ist vom Tisch.

Jeder Anleger kennt zudem die Statistik, nach der vier von fünf Fonds auf Dauer ihrem Vergleichsindex hinterherhinken, entweder aus den Medien oder aber aus dem eigenen Depot. Viele Fondsklassiker der großen Gesellschaften Fidelity, Templeton, Deka oder DWS sind seit Jahren in der Dauerkrise.

Und das Problem wird sich in der Ära der Niedrigzinsen nochmals verschärfen: Die zu erwartenden Renditen am Aktien- und Anleihemarkt sind zuletzt stark gesunken, die Gebühren der Investmentfonds aber bestenfalls gleich geblieben.

Nun muss man die Lage nicht dramatischer darstellen, als sie ist. Von den knapp 700 Mrd. Euro verwaltetem Vermögen in Publikumsfonds lässt es sich gut leben, wenngleich die Entwicklung bedenklich ist: Bausparverträge und hoch provisionierte Lebens- und Rentenversicherungen sind kaum die Antwort auf Vorsorgelücken.

Besserung ist für die Publikumsfonds allerdings bisher nicht in Sicht. Denn ihre Anbieter sehen dem Vernehmen nach mitnichten eigene Fehler, notorische Underperformance, freche Performancegebühren und steuerliche Nachteile als Gründe für die jüngsten Entwicklungen, sondern ein „Wahrnehmungsproblem“ bei Anlegern. Das es mittels eines Arbeitskreises zu korrigieren gilt – was gelinde gesagt noch sehr viel Luft für echte Verbesserungen lässt, die Attraktivität von Fonds bei Privatanlegern wieder zu steigern.

Dazu müssten die Problem allerdings zunächst einmal eingestanden werden.

Advertisements

From → FTD Kolumnen

Schreibe einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: