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Gehen Sie fremd!

30. Juli 2012

Wie man viel Geld sparen kann, weil Tagesgeldanbieter und andere Dienstleister Bestandskunden nicht pflegen, Kündigungswilligen und Neukunden aber den roten Teppich ausrollen

erschienen in der FTD am 31.7.2012

Finanzjournalisten sagt man ja einen Hang zu wachsweichem Gelaber nach, wenn es um konkrete Tipps und Prognosen geht. Heute gibt es daher mal einen sehr konkreten Finanztipp in dieser Kolumne, der Ihnen leicht pro Jahr 1000 Euro und mehr Ersparnis einbringt: Benehmen Sie sich gegenüber Ihren Stromversorger, Ihrem Pay-TV-Anbieter, Ihrem Internetprovider, Ihrem Fitnessstudio, Ihrem bevorzugten Autohersteller oder Autoverleiher, Ihrem Handyprovider, Ihrem Gaslieferanten, Ihrem Tagesgeldanbieter gegenüber schlicht genau so illoyal, wie diese Ihnen gegenüber auch meist sind: Kündigen Sie das Vertragsverhältnis zum nächstmöglichen Zeitpunkt per Brief oder per E-Mail. Lassen Sie sich die Kündigung bestätigen. Werden Sie mal untreu und warten Sie einfach ab.

Sie werden sehen: Schon bald kommen die ersten Anbieter gekrochen und werden Ihnen Angebote zum Bleiben unterbreiten, die deutlich besser sind als ihre bisherigen. Ihr Aufwand ist überschaubar, der Ertrag groß. Nebenbei tragen Sie dazu bei, dass in manchem Unternehmen vielleicht bald ein Umdenken einsetzt, damit sich treue Kunden nicht wie die Trottel vom Dienst fühlen, während Kündigungswillige oder Neukunden zugleich hofiert werden.

Ein Umdenken, bei dem man sich vielleicht auch einmal daran erinnert, dass es siebenmal leichter ist, einen Bestandskunden zu halten, als einen Neukunden zu gewinnen. Und ein Umdenken, das verhindert, dass das Images eines Unternehmens irgendwann leidet, weil es nicht länger als fair wahrgenommen wird.

Beispiel Sky: Bundesliga sehe ich seit Jahren zu Kampfpreisen zwischen 9,90 und 16,90 Euro pro Monat. Weil ich einst beim Pay-TV-Sender Arena und nun beim Bundesligarechteinhaber Sky rituell im Sommer eine Kündigung zum nächstmöglichen Zeitpunkt verschicke für 55 Cent Porto. Naht das Vertragsende, bekomme ich im Wochentakt immer günstigere Angebote per Mail oder Telefon. Googeln Sie einfach mal „Rückholangebote Sky“, und Sie werden als Sky-Bestandskunde staunen, wenn Sie sehen, mit welchen Angeboten man – akribisch dokumentiert und ausgewertet in Internetforen – Neukunden lockt oder Bestandskunden halten will.

Beispiel Stromanbieter: Treue ist hier besonders dumm. Stattdessen sparen Kunden mit einem jährlichen „Hoppen“ von Anbieter zu Anbieter viel Geld – ein vierköpfiger Haushalt schnell 250 Euro pro Jahr und mehr. Denn nur Neukunden erhalten dreistellige Neukundenboni in der Hoffnung, dass beim Verbraucher nach Vertragsabschluss die Faulheit siegt und er bei der Stange bleibt. Dabei ist ein Anbieterwechsel am PC binnen zwei Minuten eingeleitet, noch ein Gang zum Zähler am Wechseltag für die Schlussrechnung – fertig.

Beispiel Internet- und Telefonprovider: Um rund 10 Euro niedriger pro Monat sind die Angebote einer Flatrate für Neukunden. Kündigen Sie, können Sie damit rechnen, dass man auch Ihnen das Bleiben mit „Freimonaten“ oder Gutschriften schmackhaft machen wird.

Beispiel Tages- und Festgeld: Auch hier könnte man vermuten, dass in Zeiten des schwindenden Vertrauens in Banken Leute belohnt werden, die ihr Geld dauerhaft bei einem Institut lassen. Stattdessen erhalten Neukunden bei großen Direktbanken befristet höhere Zinsen als Bestandskunden, und das teilweise sogar ohne Anlagelimit.

Auf der anderen Seite der Gleichung stehen Kundenbindungsprogramme, deren Funktion sich häufig darauf beschränkt, die Geldbörse mit annähernd wertlosen Karten ein paar Gramm schwerer und einige Millimeter dicker und das Ego der Träger ein bisschen größer zu machen: Da locken bei Hotels oder Autovermietern „Upgrades“ von Zimmern oder Wagenklassen „nach Verfügbarkeit“ für Statuskunden.

Die meisten Silber-, Gold-, und Platinstatus sind indes mit den Jahren immer weiter geschrumpft, oft nur noch auf ein Imageprodukt ohne besondere Leistungen, da auch stetig neue Programme erfunden werden: Galt einst eine goldene Kreditkarte als Statussymbol, so sollen heute schwarze, platin- oder karbonfarbene Karten den statusorientierten Kunden locken.

Das ist kein Wunder, kann man sich einen „Status“ doch in der Regel nicht nur erarbeiten als Kunde, sondern mittels eines „Statusmatchs“ ermogeln: Man dokumentiere einem Unternehmen, beim Wettbewerber einen Status als Silber- Gold-, Platin- oder Diamant-Kunde zu haben, und erhält den gleichen natürlich auch zugewiesen.

Eine Weile habe ich diesen Quatsch mitgemacht und die mir zugeschickten Accor-Gold-Karten und Sixt-Platinum-Status auf den Tisch gelegt, wenn ich in ein Hotel eingecheckt oder ein Auto gemietet habe. Der Blödsinn dieses Unterfangens wurde mir in der Praxis bald klar. Für Schenkelklopfen sorgen bei mir auch die ständigen Mails, irgend ein Gold- oder Sonst-was-Status habe sich aufgrund meiner Treue verlängert, selbst wenn ich seit Jahren keinen Umsatz mehr beim Anbieter gemacht habe.

Bei der Lufthansa wiederum müssen Sie inzwischen im Miles-and-More-Programm je nach Buchungsklasse mindestens 20 und bis zu 240 innerdeutsche Flüge absolvieren, um sich einen innereuropäischen Freiflug zu sichern – für den dann natürlich noch ständig steigende Steuern und Gebühren extra fällig werden, die den Preis eines billigen Tickets meist locker übersteigen.

Auch bei der Bahn beschleicht einen immer häufiger das Gefühl, zu teuer unterwegs zu sein, wenn man einen Normalpreis mit Bahncard bezahlt, weil doch fortwährend Zugtickets und Gutscheine bei Lidl, McDonalds, Tchibo; in Nutella-Gläsern, auf Rewe-Sammelkarten oder Krombacher-Kronkorken verramscht oder verschenkt werden.

Alarm schlagen viele Kundenbindungssysteme auch erst, wenn Sie einfach mal weg sind: „Wir vermissen Sie, Herr Kirchner“ lese ich alle paar Tage – und bekomme Gutscheine, um doch noch mal wiederzukommen.

Liebe Firmen – was ich bei vielen von Ihnen vermisse, aber als Konsument umgekehrt auch gern ausnutze: dass Sie treue Kunden auch als treue Kunden behandeln und für Loyalität belohnen, statt zu viel der Neukundengewinnung zu opfern.

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From → FTD Kolumnen

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