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Wo sind die Aktiengurus hin?

14. August 2012

Die Aktienmärkte zeigen sich putzmunter. Trotzdem dominieren die Pessimisten verbal das Feld. Kein Wunder: Es gibt kaum noch glaubwürdige Optimisten

erschienen in der FTD am 14.8.2012

Wenn Marc Faber die Wahl hätte zwischen Mitt Romney und Barack Obama als nächstem US-Präsidenten, würde er sich lieber erschießen, gab der bezopfte Anlagestratege vergangene Woche bekannt. Denn beide hätten ja keinen Mumm, Dinge anzupacken, und folglich bleibe die Wirtschaftslage in den USA düster. Der Rohstoffexperte Jim Rogers wiederum sieht in einer Zeit, in der es ein „Crash“ schon lange nicht mehr tut, ein „finanzielles Armageddon“ im Jahr 2013 heraufziehen, wie er vergangene Woche im Fernsehen bekundete. Nouriel Roubini, der wiederum von Marc Faber irgendwann den Titel „Dr Doom“ geerbt hat, sieht schon seit Juli für das Jahr 2013 einen Super-GAU in der Weltwirtschaft kommen.

Selbstmord, finanzielles Armageddon, Super-GAU: So geht das seit Jahren, wenn Leute wie Marc Faber, Jim Rogers, Nouriel Roubini und ungezählte andere Protagonisten über die Zukunft sprechen. Gemeinsam ist ihnen meist eines: Sie sind meinungsstark, haben aber – wenn überhaupt – seit Jahren oder Jahrzehnten keinen Beleg mehr dafür gebracht, dass sie tatsächlich auch gute Geldverwalter sind, die ihr Know-how auch zu einer rasanten Geldvermehrung in Form testierter Fondsergebnisse nutzen statt zur Selbstvermarktung.

Wir leben aber in der Ära der Crashgurus, in der das niemand so genau wissen will. Weil die pessimistischen Prognosen der Roubinis, Fabers und Hans-Werner Sinns dieser Welt zum Bauchgefühl passen, das derzeit so viele haben: jenem Grummeln, dass bald etwas fürchterlich schiefgehen könnte mit der Weltwirtschaft und den Finanzmärkten. Weil es an den Märkten zweimal binnen gut zehn Jahren kräftig gerappelt hat. Weil sich Pessimismus nun mal besser verkaufen lässt.

Vor allem aber auch, weil – und das ist eine interessante Entwicklung – am anderen Ende der Skala die Optimisten in Schwierigkeiten stecken, und zwar in größeren Schwierigkeiten, als die Kapitalmärkte eigentlich nahelegen. Die Spezies der Aktiengurus ist quasi ausgestorben: Es gibt zwar noch Leute, die sich mit grotesk optimistisch klingenden Prognosen aus dem Fenster lehnen, aber niemand von ihnen findet damit noch Gehör bei Anlegern, wie es noch in den 80er- und 90er-Jahren der Fall war.

Dass aber die Zahl der Aktionäre im ersten Halbjahr 2012 trotz durchwachsener Märkte um 1,5 auf 10,2 Millionen gestiegen ist, während Privatanleger in diesem Zeitraum 5 Mrd. Euro aus Aktienfonds abgezogen haben, ist Zeichen einer anderen Entwicklung: Es mangelt auch an Aktienfondsmanager, die Anlegern derzeit ein hohes Maß an Orientierung bieten.

Stattdessen häufen sich gerade bei den großen und bekannten „Namen“ der Aktienfondsbranche derzeit mittelfristig schwache Managementleistungen. So steckt Deutschlands wohl bekanntester Fondsmanager Klaus Kaldemorgen mit seinem DWS Vermögensbildungsfonds I in einer langjährigen Schwächephase, in der der Fonds in den letzten drei Jahren seinem Vergleichsindex um rund 33 Prozentpunkte hinterherhinkte. Auch der Vertriebsklassiker Templeton Growth liegt auf Drei-Jahres-Sicht hinter seinem Vergleichsindex. Bei vielen prominenten Vermögensverwaltern ist das Bild ähnlich: Der FMM-Fonds von Jens Ehrhardt und der Starcapital Starpoint von Peter Huber liegen auf Drei-Jahres-Sicht je rund 25 Prozentpunkte hinter dem MSCI World.

Ausgerechnet seit Beginn des riesigen Vertriebserfolgs in Deutschland laufen nun auch die großen Investmentfonds des Franzosen Edouard Carmignac unrund: 18 Prozentpunkte Rückstand auf den Vergleichsindex weist der Mischfonds Carmignac Patromoine auf Drei-Jahres-Sicht auf, 13 Prozentpunkte Rückstand der Aktienfonds Carmignac Investissement.

Schwächephasen, manchmal auch über mehrere Jahre, gehören fraglos auch bei sehr guten Fondsmanager dazu. Dennoch ist auffällig, wie schwer sich viele Manager mit der aktuellen Börsenlage tun, die noch in den Nullerjahren bis 2008 sehr starke Leistungen gebracht haben.

Für Anleger hält diese Entwicklung gleich mehrere interessante Lehren bereit: Erstens ist zumindest eine Beimischung von Aktien keine schlechte Sache in Zeiten, in denen die Bären medial Oberwasser haben, obwohl die tatsächliche Kursentwicklung der Aktienmärkte weit besser ist als die gefühlte Lage. Sorgen müsste man sich machen, wenn es umgekehrt wäre: wenn die Börsenbullen trampeln, aber die Kurse trotz guter Nachrichten nicht vom Fleck kommen.

Zweitens ist Misstrauen gegenüber dem Kult um Personen angebracht: Jede Börsenphase gebärt ihre Helden, und wenn der DAX nun bis 2015 auf 12 000 Punkte klettert und die Weltkonjunktur aus welchen Gründen auch immer doch nicht in einen Super-GAU oder das finanzielle Armageddon gerät, werden Sie weniger von den Roubinis und Fabers dieser Welt hören, sondern von jenen heute noch unbekannten Fondsmanagern, die das pessimistische Grundrauschen überhören.

Drittens sollten Sie in Kapitalmarktdingen nicht hauptamtlichen Selbstvermarktern, sondern lieber dem Urteil von Menschen vertrauen, die eine Leistungsbilanz ihrer Prognosegüte aufzuweisen haben – also über Jahre messbare Ergebnisse als Investmentfonds- oder Hedge-Fondsmanager erzielen oder in jüngerer Vergangenheit erzielt haben.

Viertens sollten Sie auch jedem Trend misstrauen, der an den Kapitalmärkten als ausgemachte Sache gilt: Die Renaissance von US-Aktien, das schwache Abschneiden von Schwellenländeraktien, Probleme in China und Indien, die immer weiter sinkenden Zinsen von Staatsanleihen hatten nur wenige auf dem Zettel. Und nicht zuletzt steht der DAX heute rund ein Viertel höher als vor einem Jahr, obwohl sich die Schuldenkrise seitdem verschärft, die Konjunkturperspektiven eingetrübt und die gefühlte Lage ebenfalls deutlich verschlechtert hat.

Besorgniserregend für einen Optimisten ist derzeit allerdings vor allem eines: Applaus von der falschen Seite. Denn Marc Faber würde sich zwar erschießen, wenn er zwischen Obama und Romney wählen müsste. Der „Cashguru“ hält aber auch – man höre und staune – europäische Aktien für günstig und kaufenswert.

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From → FTD Kolumnen

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