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Nur noch mit Reissleine

11. September 2012

Seit Jahren sind Aktien von Nahrungsmittelkonzernen die Überflieger an der Börse. Anleger erwarten von ihnen sicheren Schutz vor Verlusten – doch genau das bieten sie längst nicht mehr

erschienen in der FTD am 11.9.2012

Wenn sich am Kapitalmarkt (fast) alle einig sind, sollten bei einem kritischen Investor die Alarmglocken angehen. So war es 1989, als die Hälfte des Weltaktienindex MSCI World aus japanischen Aktien bestand. So war es im Jahr 2000, als jeder glaubte, den New-Economy-Aktien aus dem IT-, Medien- und Telekommunikationsbereich gehöre die Zukunft. So war es 2007, als Finanzwerte knapp 40 Prozent der Marktkapitalisierung aller europäischen Aktien stellten.

Und so wird es künftig auch mit den Aktien aus der Nahrungsmittel- und Konsumgüterindustrie sein, mit denen man angeblich ja kaum etwas falsch machen kann und die von vielen Strategen als die idealen „Einstiegspapiere“ für Investoren gepriesen werden, die Aktien bislang verschmäht haben. Weil doch immer gegessen und getrunken wird, auch in der Euro-Krise. Weil doch die stark wachsenden Schwellenländer so sehr auf Markenprodukte stehen. Weil die Gewinne von Konzernen wie Nestlé so verlässlich sind und nicht zyklisch schwanken.

Alles richtig. Konsumtitel wie Nestlé, Unilever oder Procter & Gamble sind tolle Unternehmen, gut geführt, international diversifiziert, verlässlich als Dividendenzahler. Kaufenswert sind sie aber nur noch für zwei Typen von Investoren: für jene, die wirklich 20 Jahre und mehr Zeit mitbringen. Oder jene, die taktisch, aber auch mit der Reißleine in der Hand darauf spekulieren, dass das Revival des „Nifty Fifty“-Gedankens weitergeht – also eine Wiederholung jenes US-Börsenphänomens der frühen 70er-Jahre, als man Unternehmen mit verlässlichem Gewinnwachstum grotesk hohe Bewertungen vom 30- bis 50-Fachen der laufenden Gewinne zubilligte.

Ganz so schlimm ist es noch nicht. Folgt man jedoch der einfachen und weiter unverändert gültigen Annahme, dass die Bewertung einer Aktie oder Branche zum Zeitpunkt des Einstiegs die mit Abstand wichtigste Determinante für künftige Renditen ist, kommt man bei den Konsumaktien aus dem Staunen nicht mehr heraus, wie eine Betrachtung des europäischen Branchenindex „Stoxx 600 Food & Beverage“ (Nahrungsmittel & Getränke) zeigt.

Die Lebensmittelkonzerne Nestlé, Diageo, Danone und Unilever sowie die Bierkonzerne Anheuser-Busch Inbev und SAB Miller machen zusammen rund 80 Prozent in diesem Index aus. Auf Sicht von fünf Jahren – also ziemlich genau seit Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 – hat der Index mit einer Rendite von im Schnitt 6,4 Prozent pro Jahr besser abgeschnitten als die übrigen 18 europäischen Branchenindizes und um 14 Prozentpunkte pro Jahr (!) besser als der marktbreite Stoxx-600-Index.

Das ist an sich keine Überraschung. Erstaunlicher ist schon, dass der Index nicht nur über den Zeitraum, sondern auch in jedem einzelnen Jahr seit 2007 besser abgeschnitten hat als der Gesamtmarkt. Wohl weil die Geschichte vom verlässlichen Wachstum und der Schwellenländerfantasie nun seit nunmehr einer Dekade erzählt wird und inzwischen auch im Brieftaubenzüchterverein Dortmund-Löttringhausen angekommen ist. Denn intuitiv müsste man eigentlich vermuten, dass in Phasen der zyklischen Konjunkturerholung 2009 und 2010 die Nestlés und Unilevers dieser Welt auch mal Underperformer gegenüber dem Gesamtmarkt und den meisten anderen Branchen waren. Waren sie aber nicht. Nicht ein einziges Jahr.

Nun ist es am Aktienmarkt aber nicht so wie im Roulette, wo die Chance auf „Schwarz“ nach fünfmal hintereinander „Rot“ weiter 50 zu 50 ist. Das zeigt auch ein Blick auf die Bewertungen, die sich aus einer halben Dekade Höhenflug ergeben: Keiner der 19 europäischen Stoxx-Branchenindizes ist teurer als der Stoxx 600 Nahrungsmittel und Getränke, er wird mit dem im Schnitt 19-Fachen der Gewinne bewertet – und das bei unter optimistischen Annahmen bestenfalls hohem einstelligem Gewinnwachstum pro Jahr. Die Dividendenrendite von im Schnitt 2,2 Prozent wird lediglich noch von den Technologieaktien (1,9 Prozent) unterboten. Und sowohl beim Kurs-Buchwert-Verhältnis (drei) als auch dem Kurs-Cashflow-Verhältnis (14) sind die Nahrungsmittelhersteller der je drittteuerste Sektor Europas. Verglichen mit dem Gesamtmarkt werden sie mit einem Aufschlag von rund 50 Prozent beim Kurs-Gewinn-Verhältnis und der Dividendenrendite, von 100 Prozent beim Kurs-Buchwert-Verhältnis und von 150 Prozent beim Kurs-Cashflow-Verhältnis gehandelt.

So sieht eine Branche aus, in der an der Börse kein Raum mehr für Enttäuschungen ist, obwohl ein Realitätscheck diverser Grundannahmen noch aussteht: Kann Nestlé oder Unilever steigende Rohstoffpreise tatsächlich konsequent über höhere Preise durchreichen? Sind Umsatz- und Gewinnwachstum wirklich kugelsicher im Fall konjunktureller Einschläge in Europa und den USA? Bei dramatischen Mittelabflüssen im Fall einer Euro-Krise? Sind die hohen Wachstumsraten in Schwellenländern dauerhaft haltbar?

Gewiss: Bewertungen von knapp dem 20-Fachen des Gewinns sind auch angesichts der im Vergleich zu Anleihen attraktiven Dividendenrenditen der Nahrungsmittelkonzerne nichts, was kritische Investoren die Hände über dem Kopf zusammenschlagen lässt.

Eines ist die Branche derzeit aber angesichts der Bewertung inzwischen ganz gewiss nicht mehr: besser geeignet und sicherer als der Gesamtmarkt – gemessen etwa an einem einfachen Indexfonds auf den Stoxx 600 – für jene Investoren, die bislang noch nicht im Aktienmarkt investiert sind, dies aber bald ändern wollen.

Bestenfalls bauen sich die entstandenen Ungleichgewichte in der Bewertung über eine längere Phase ab, in der Titel wie Nestlé einmal zwei oder drei Jahre schlechter laufen als der Markt. Schlechtestenfalls entladen sie sich bei Enttäuschungen über das Gewinnwachstum in kurzfristigen Kursverlusten.

Und wenn es an der Börse generell rappelt – auch das zeigt die jüngere Vergangenheit –, wird zwar weiter gegessen, geraucht und getrunken. Aber eben auch einige Wochen lang auch verkauft, was eine Aktie ist, egal ob es sich um den Anteilschein eines Zyklikers wie BMW oder eines Nahrungsmittelkonzerns wie Nestlé handelt.

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From → FTD Kolumnen

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