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Eine Allianz für’s Leben

23. Oktober 2012

Woher kommt – trotz Niedrigzinsen – bloß die ungebrochene Popularität von Versicherungslösungen für die Altersvorsorge im politischen Berlin?

erschienen in der FTD am 23.10.2012

Fallen wir gleich mal mit der Tür ins Haus: Sollten Sie derzeit, wie Millionen andere Anleger, auch verzweifeln, ob Sie Ihr sauer verdientes und versteuertes Geld in überteuerten Immobilien, lächerlich verzinsten Spareinlagen oder bestenfalls moderat bewerteten Aktien anlegen sollen – versuchen Sie es doch mal mit ein paar Papieren der Allianz. Oder mit einem Indexfonds auf europäische Versicherungsaktien wie dem Stoxx 600 Insurance.

Warum? Jenseits aller fundamentaler Betrachtungen fällt auf: Das politische Berlin scheint von den Fähigkeiten der Versicherungsbranche derart überzeugt zu sein, dass man sich als Anleger einfach dahinterklemmen und mitverdienen muss.

Das geht los mit den Rahmenbedingungen privater Vorsorge: Während bei einem klassischen Fondssparplan fortlaufend Dividenden (was den enorm wichtigen Zinseszinseffekt beschneidet) und bei einem Verkauf auch Gewinne voll mit der Abgeltungsteuer belegt werden, muss bei Rentenversicherungen bei mindestens zwölf Jahren Laufzeit und Auszahlung ab 62 lediglich die Hälfte der Gewinne mit dem dann geltenden persönlichen Steuersatz versteuert werden. Eine zwischenzeitlich in Berlin diskutierte Gleichstellung von Fondssparplänen mit Versicherungen ist erst im Sommer aus einem Gesetzentwurf gestrichen worden.

Das geht weiter mit dem Urvertrauen in die Anbieter von Riester-Produkten: Es gerät schnell in Vergessenheit, dass „Riester“ mitnichten eine zusätzliche, geförderte Vorsorgeform ist, sondern seit Einführung 2002 eine Absenkung des gesetzlichen Rentenniveaus kompensieren soll – ein Riesengeschäft für die Versicherungsbranche und ein willkommener Türöffner für Folgegeschäfte.

Weiter geht’s mit der von Arbeitsministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagenen verpflichtenden Altersvorsorge für Millionen Selbstständige. Das Vorhaben ist zwar umstritten, und Selbstständige sollen zwar die Wahl haben zwischen gesetzlicher und privater Vorsorge. Dennoch blühen der Versicherungsbranche erneut Millionen neue Abschlüsse.

Auch auf der anderen politischen Seite ist das Vertrauen groß: Das Rentenkonzept der SPD sieht einen umfassenden Ausbau der betrieblichen Altersvorsorge bis zu einer Art Pflichtversicherung vor, finanziert aus Steuergeldmilliarden – die Versicherungsbranche wird es freuen, ist sie doch einer der größten Anbieter von Lösungen für betriebliche Altersvorsorge.

Unter dem Strich sind natürlich auch Versicherer keine Alchimisten: Die dramatisch niedrigen Zinsen zurren und zerren am Geschäftsmodell, und über die künftigen Gewinne und somit Aktienkurse entscheiden die Rahmenbedingungen in Deutschland nur am Rande. Und welchen Vorteil Versicherungslösungen bieten, wenn die risikofreien Kapitalmarktrenditen vor allen Abschlussgebühren, Provisionen und Verwaltungskosten bei weniger als zwei Prozent pro Jahr wabern, bleibt rätselhaft. Hier leistet die Versicherungslobby aber in Berlin offenbar großartige Arbeit. Was zu einem entscheidenden Punkt führt: Längst stecken wir inmitten einer finanziellen Repression in den Industrieländern: Notenbanken und Staaten versuchen dabei Hand in Hand, die Renditen von Staatsanleihen mit Gewalt und über viele Jahre hinweg unter die Teuerungsrate zu drücken – was die reale Schuldenlast der Staaten zulasten der Sparer senkt.

Versicherungen als große Kapitalanleger spielen dabei eine wichtige Rolle, man muss sie einerseits regulatorisch dazu zwingen, Staatsanleihen trotz Magerzinsen zu kaufen. Andererseits sind sie genau jene Institutionen, die einem – siehe die vorliegenden Rentenkonzepte – helfen sollen, Vorsorgelücken zu schließen und die finanzielle Repression aus Anlegersicht irgendwie erträglich zu machen, und das politisch gewollt. Solche Bande zwischen Politik und Branche sind auf Dauer viel wert, schließlich heißt es: Leg dich nie mit Notenbanken an beim Investieren – wer wollte sich dann schon zugleich mit Notenbanken und (!) dem Staat anlegen?

Und, frei von Zynismus: Europäische Versicherungsaktien haben fünf katastrophale Jahre hinter sich, sind gemessen am Stoxx 600 Insurance mit dem Achtfachen ihrer laufenden Gewinne bewertet, handeln mit 15 Prozent unter Buchwert und zahlen vier Prozent Dividendenrendite – es gibt schlechtere Voraussetzungen für ein auf einige Jahre ausgerichtetes taktisches Investment.

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From → FTD Kolumnen

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