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Mit der Bitte um Absolution

2. Dezember 2012

In 650 Artikel, 40 Kommentare und Kolumnen passte eine Menge rein. Aber leider nicht alles, was reingehörte. Deshalb, kurz vor dem Exitus der FTD, eine persönliche Beichte

letzte Kolumne vor Einstellung der FTD, erschienen am 4.12.2012

Als Kind hatte ich Angst vor der Beichte. Katholisch – wenngleich nie streng – erzogen, hieß es für mich alle paar Monate, in diesen knarzenden Kasten zu steigen, der innen drin nach den Zigarillos des Priesters roch. Von dem trennte mich ein dünnes, plastikfolienbewehrtes Gitterchen, durch das ich meine Sünden flüsterte. Nach längstens 30 Sekunden fiel mir nichts mehr ein. Weshalb ich die meiste Zeit damit verbrachte, Dinge zu gestehen, die ich nie begangen hatte.

Das Problem stellt sich heute nicht mehr. Meine letzte Beichte ist geschätzte 25 Jahre her, aber ich habe allein in den letzten gut vier Jahren so viel gesündigt an Ihnen, liebe Leser, dass ich kurz vor dem Exitus dieser Zeitung noch meine Sünden beichten möchte.

Vielleicht gehören Sie zu den Unglücklichen, die im Skandal um den inzwischen verknackten Hedge-Fonds-Manager Helmut Kiener Geld verloren haben. Ich muss beichten, dass ich mal als Journalist bei ihm zu Hause war und mir seine Strategie habe vorstellen lassen. Ein Pressesprecher einer großen Bank empfahl ihn mir als sensationellen Geldverwalter. Er aber sprach wirr und konnte seine Superperformance nicht vernünftig belegen. Ich hätte stärker nachfassen müssen. Stattdessen habe ich aber nur – trotz des Drucks seines PR-Beraters – einfach nichts geschrieben über seine neuen Kiener-Zertifikate und hielt das für eine ausreichende Leserschutzmaßnahme.

Überhaupt: Geldanlage. Darüber schrieb ich oft. In mir keimte aber ab und zu ein schlimmer Verdacht, den ich zu oft verdrängt habe: dass dem Leser die Kriterien, die Journalisten, Fondsratingagenturen und Finanzprofis anlegen, um gute und spannende Geldverwalter zu finden, vollkommen wurscht sind. Dass ihn nicht der Vergleichsindex interessiert, sondern die Persönlichkeit eines Fondsmanagers. Was sein Leibgericht ist. Was er in seiner Freizeit macht. Weil viele einfach nur ein gutes Gefühl bei der Geldanlage haben wollen und ihnen ein, zwei Prozent Out- oder Underperformance schnurz sind.

Dann habe ich, liebe Leser, drei Jahre lang die Fondsmanagerporträts der FTD betreut. Das war eine sehr schöne Aufgabe, und ich habe viele tolle Manager getroffen, die erfolgreich, sympathisch und nicht besoffen vom eigenen Erfolg waren. Aber auch viele langweilige Leute. Überschätzte Ikonen. Manager, die Verkäufer ihres Hauses und einer Strategie sind, statt sich wirklich mit dem auseinanderzusetzen, was sie tun. Die von taktischer Asset-Allocation schwadronieren und durch Präsentationen fliegen, die immer zwischen 20 und 25 Seiten enthalten und darauf hinauslaufen, dass es gerade eine tolle Zeit sei, in ihren Fonds zu investieren. Ich hätte hier noch öfter von einer Veröffentlichung absehen und meinem Herzen folgen sollen.

Eine weitere, zu oft von mir unterverkaufte oder gar verschwiegene Eigenschaft großer Teile der Geldanlagebranche ist der Hang zur Larmoyanz. Die Klage ist zwar schon seit Menschengedenken des Kaufmanns Gruß. Aber lauscht man den Vertretern der Geldanlagebranche, ist immer alles so fürchterlich. Diese trägen und falsch positionierten Anleger. Die kritische Presse. Und vor allem: diese Regulierung! Viel zu hart, von Leuten, die keine Ahnung haben. Diese Jammerei kommt aus einer Branche, die – ziehen wir das Vermögen der Fondsbranche heran – zwischen 1990 und 2000 um 22 Prozent pro Jahr gewachsen ist und seit dem Jahr 2000 trotz der ganzen Krisen um 6,5 Prozent pro Jahr. Ist es nicht irre?

Es ging jetzt oft um Dinge, die ich nicht geschrieben habe. Mich beschleicht aber auch die Angst, dass ich manches zwar geschrieben habe, dies aber noch mutiger und häufiger hätte tun sollen.

Etwa wenn es um das Thema Immobilienerwerb geht. Die Leute haben Angst vor Aktien, dabei sind Aktienrenditen bei einer langfristigen Betrachtung relativ verlässlich. Andererseits stürmen sie aber den Immobilienmarkt, obwohl dessen Renditeentwicklung langfristig mager ist, Deutschland schrumpft und wir bestenfalls ahnen können, wie Menschen wohl in 25 Jahren,der typischen Laufzeit einer Immobilienfinanzierung, wohnen wollen. Sie kaufen Häuser und Wohnungen, holen sich immense Klumpenrisiken in ihre Lebensplanung, weil es Spaß macht, sich damit zu beschäftigen, ganz anders als die Beschäftigung mit anderen Vorsorgeformen. Verrückt.

Und wenn ich einer Sache noch mehr publizistisches Gewicht hätte verleihen müssen, dann der Forderung nach einem verpflichtenden Schulfach Wirtschaft und Finanzen. Am Ende ist doch der Dreh- und Angelpunkt von vielen Falschberatungen, Insolvenzen, von Altersarmut und vielleicht auch der Euro-Krise, dass Geld ein Tabuthema ist in diesem Land. Dass Menschen, die den Umgang mit Geld (oder fehlendem Geld) in der Familie und ihrem privaten Umfeld nicht lernen, damit weitgehend allein gelassen werden.

Der Staat versorgt immer weniger, schrumpft die Renten, die Absicherung vor Pflegebedürftigkeit, vor Arbeitslosigkeit, vor Berufsunfähigkeit und Altersarmut. Er liberalisiert die Märkte, sodass Verbraucher durch die Irrgarten der Handy-, Strom-, und Gastarife laufen, er rettet mit Dutzenden Milliarden Steuergeldern den Euro. Eigentlich wäre er doch in der Pflicht, die Bürger zumindest grundlegend in Schulen zu befähigen, mit den Themen Verbraucherwissen, Anlage, Kredit, Vorsorge, Baufinanzierung umzugehen. Und natürlich auch der Schuldenkrise ganzer Staaten.

Schon vor zwei Jahren hieß es an dieser Stelle, dass die Investitionen in die wirtschaftliche und finanzielle Allgemeinbildung ein gutes Geschäft wären: Dann würden dem Staat nicht mehr so viele Bürger vor die Füße fallen wie heute – sei es durch die stetig steigende Zahl von Privatinsolvenzen oder durch die zunehmende Altersarmut. Es ist schließlich nicht nur der Rückzug des Staates, der dafür sorgt, dass das Thema Geld an allen Ecken und Enden des Lebens pressiert: Das soziale Netz wird dünner und grobmaschiger, denn auch Familien werden kleiner, Biografien haben mehr Brüche, privat wie beruflich, Wer sollte das besser wissen als wir hier bei der FTD?

Ich bitte um Absolution – und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel für Sie, liebe Leser und Anleger.

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From → FTD Kolumnen

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