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Ein (nüchterner) Blick hinter die Goldpreisrally – und den jüngsten Kurssturz

21. Februar 2013

In Sachen Goldpreis ist meine Trefferquote in den letzten zwei Jahren exakt 50 Prozent. Ich lag mit der These richtig, dass der Goldpreis 2011 sein Rekordhoch gesehen hat – aber vollkommen daneben mit der Einschätzung, dass Goldminenaktien eine gute Anlage sein dürften. Wie es mit dem Goldpreis von hier an nach den jüngsten Verlusten weitergeht, hängt meiner Meinung nach weniger von Spekulanten, sondern von zwei Faktoren ab: Den US-Zinsen und den allmählich in Panik geratenden Minengesellschaften.

Deutschland im Sommer 2011: Die Euro-Zone steckt in einer tiefen Krise, die Aktienmärkte taumeln, die Anleihen der Euro-Peripherie auch – und uns fällt in der FTD-Redaktion Frankfurt am 11. August fast die BILD-Zeitung aus der Hand. Warum? Die komplette Titelseite ist mit Goldbarren zugepflastert. BILD verlost 100 Stück – denn der Goldpreis eilt von Rekordhoch zu Rekordhoch. Die Leser, schreibt die BILD, „könnten gewinnen, was besser als Bargeld“ sei, „krisensicher“ und „glänzt wie Ihr schönster Schmuck“.

Sogleich wurde uns klar: Nun ist Gold endgültig in der breiten Masse angekommen – und das schöne marktpsychologische Phänomen des „Titelseitenindikators“ bzw. des „Bildzeitungsindikators“ stellte sich ein: Als die Aktieneuphorie im Jahr 2000 auch die Seite 1 der BILD erreichte, war die Rally bald vorbei. Ich schrieb also im August 2011 ein kleines Stückchen für die FTD, in dem ich harte Zeiten für Goldbullen ankündigte.

Lustigerweise erreichte dann der Goldpreis ungefähr drei Wochen später tatsächlich sein anschließend nie wieder erreichtes Rekordhoch – und bröckelt seitdem weiter ab. Der BILD-Indikator bewies einmal mehr seine Tauglichkeit.

In den vergangenen Tagen hat sich der Abwärtstrend nochmals beschleunigt, eine Unze steht nunmehr bei 1580 US-Dollar nach einst mehr als 1900 Dollar.

Blöderweise werden Debatten um den Goldpreis in der Regel komplett ideologisiert geführt – schreibt man über Gold, sind Leserbriefe mit Schaum vor dem Mund immer sicher. Gold polarisiert ohne Ende. Äußert man sich kritisch, wird man als Journalist in der Regel beschimpft, man stecke mit Banken unter einer Decke und wolle den Preis herunterquatschen, um die Lage zu beruhigen. Die übelsten Beschimpfungen bis unter die Gürtellinie habe ich jedenfalls in all den Jahren als Journalist stets von „Goldbugs“ bekommen. Das ist aber auch in Ordnung, denn wer austeilen kann, sollte eben auch keine Jammertitte sein, wenn es mal Echo vom Leser gibt.

Hier nun meine oberflächliche Einschätzung der Lage: Ich glaube, dass die Goldpreisprognose weniger kompliziert ist, als es den Anschein hat. Kurzfristig dürften zwei Faktoren die Preisentwicklung dominieren: Das Verhalten der Minengesellschaften, die inzwischen in immer größeren Schwierigkeiten stecken und wieder mit „Vorwärtsverkäufen“ anfangen könnten – und die Entwicklung der Realzinsen im US-Dollarraum.

Zum Punkt der Minengesellschaften: Einer der Gründe für die fulminante Goldpreisrally ist, dass Minengesellschaften damit aufgehört haben, ihre künftige Produktion „im Voraus“ zu verkaufen. Früher erstickten sie selbst Kursanstiege im Keim, denn sobald der Preis hochtickte, warfen sie künftige Förderungen auf den (Termin-)Markt – oder die Spekulanten, die diese Vorwärtsverkäufe antizipierten. Man nahm mit an Erträgen, was man bekommen konnte. Mit Beginn der Goldpreisrally stellten die Minen diese Praxis aber ein – zum einen, weil Investoren lieber Minenaktien haben wollten, die sich nicht an Vorwärtsverkäufen beteiligten, zum anderen, weil der Preis ja nun mal zu klettern anfing und man Hoffnung hatte, künftig dann mehr zu erlösen für’s geförderte Gold.

Nun sind wir an einem Punkt, an dem der Preis wieder zu taumeln beginnt – und der Anreiz für Minen steigt, sich lieber ein bestimmtes Preisniveau zu sichern, ehe er weiter fällt. Hinzu kommt, dass die Förderkosten in den letzten Jahren dramatisch gestiegen sind – die meisten Minen haben Kosten von weit mehr als 1000 Dollar je Unze – das entspricht einer Vervier- bis Verfünffachung binnen eines Jahrzehnts. Pro Jahr steigen diese Kosten um einen zweistelligen Prozentsatz – auch das ein Anreiz, Vorwärtsverkäufe wieder aufzunehmen. Hier ein gutes Stück dazu.

Zum Punkt des Realzinsen: Der Goldpreis entwickelt sich – von gelegentlichen Zuckungen abgesehen – sehr verlässlich: Er sichert seinen Haltern real exakt die Kaufkraft auf lange Sicht – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wharton-Professor Jeremy Siegel hat einmal errechnet, dass der Goldpreis zwischen dem Jahr 1800 und dem Jahr 2001 eine reale Rendite von exakt Null Prozent erbracht hat. Bis 2006 waren es ungefähr 0,1 Prozent p.a. Seitdem kam ein bisschen etwas hinzu, aber man bekommt eine Idee davon, worum es langfristig geht: Gold zahlt keine Zinsen, wird aber auch langfristig nicht „entwertet“.

Genau diese Sicherheit vor einer „Entwertung“ suchen seit Jahren viele Investoren – Privatanleger, Profis bis hin zu Notenbanken. Die Goldpreisrally der letzten Jahre fußt vor allem auf einem Anstieg der Investorennachfrage: Die Privaten kaufen mehr, Notenbanken wurden von Nettoverkäufern zu Nettokäufern (alles sehr schön hier nachzulesen).

All das funktioniert aber nur so lange so gut, wie es nichts kostet, Gold zu halten statt andere sichere Anlagen. Die Investorennachfrage wurde dabei von zwei Faktoren entscheidend befeuert: Erstens wurde es dank neuer Investmentvehikel einfacher und günstiger, in Gold zu investieren. Zweitens sanken die Opportunitätskosten, Gold zu halten unter Null! Betrachtet man den Goldpreischart, fällt auf, dass die Rally zwischen 2001 und 2008 gemächlich verlief – aber ab 2009 erheblich an Fahrt gewann mit einem Anstieg von 800 und 1900 Dollar je Unze binnen gut zwei Jahren, obwohl die Weltwirtschaft und das Finanzsystem Zeichen der Entspannung zeigten. Allerdings traten die Notenbanken auch etwa 2009 in den Abwertungswettlauf ein – und sanken die Realzinsen langsam unter Null.

Solange die Rendite „sicherer“ Staatsanleihen etwa der USA oder Deutschlands unterhalb der Teuerungsraten lagen, entging Anlegern ja nichts, wenn sie in Gold investiert waren. Im Gegenteil: Es lockt der langfristig erwiesene Kaufkrafterhalt, während die Halter von Staatsanleihen schleichend enteignet werden.

Nun aber ticken die Zinsen im wichtigsten Währungsraum der Welt – dem US-Dollar-Raum – langsam noch oben, parallel zur konjunkturellen Aufhellung der Lage. Lag die Rendite 10jähriger US-Staatsanleihen Mitte 2012 noch bei rund 1,6 Prozent, hat sie inzwischen die Hürde von 2 Prozent genommen und beträgt 2,02 Prozent. Damit ergibt sich auf Basis der jüngsten Inflationsdaten von November und Dezember (1,8/1,7 Prozent) 2012 wieder die Chance auf einen positiven Realzins – erstmals seit einer Weile. Im letzten Frühjahr lag die Rendite der Zehnjährigen zwar bei 2,2 Prozent, aber da betrug auch die Inflation 2,8 Prozent.

Lange rede, kurzer Sinn: Es „kostet“ inzwischen wieder etwas, Gold zu halten – und zwar nicht nur die Angst, dass sich der Abwärtstrend beschleunigt, sondern auch erstmals seit einer Weile wieder perspektivisch entgangene Zinsen. Ich glaube, die Zinsen werden die wichtigste Determinante: Setzen sich die zehnjährigen US-Zinsen bei zwei Prozent und mehr fest bei zugleich beherrschbarer Inflation von maximal zwei Prozent, wird Gold einen schweren Stand haben. Als taktischer Goldinvestor lohnt daher, die US-Realzinsen genau im Auge zu behalten.

Ein Schlusswort noch zu den Notenbanken, deren Nettonachfrage ja laut Daten des Word Gold Councils der wichtigste Treiber für den Goldpreisanstieg war: Wer sagt eigentlich, dass es sonderlich gut ist, mit den Notenbanken in einem Boot zu sitzen bei der Anlage? Notenbanken mögen die Zinsen am kurzen Ende kontrollieren können, Währungen – aber Gold ist ein anderes Spielfeld. Die Strategen von Tiberius Asset Management jedenfalls haben schon vor einer Weile den Beleg geführt, dass sich Notenbanken in der Vergangenheit nicht sonderlich clever angestellt haben bei ihren Anlagen – und eher prozyklische Investoren waren.

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