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Eine kleine Checkliste für die Identifikation krummer Anlagemodelle

24. Februar 2013

Wenn hier nicht mutmaßlich tausende Anleger um ihr Geld geprellt worden wären, könnte man den Ermittlungen rund um die S&K Unternehmensgruppe ja durchaus etwas humorvolles abgewinnen: Angeblich sollen Beschuldigte in Geld gebadet haben, mit Models vor Luxuswagen posiert, einen Elefanten und Chuck Norris auf Parties vorgeführt haben. Hinterher ist man schlauer. Wie aber kann man als Anleger krumme Angebote vorab erkennen? Eine Checkliste in 14 Punkten.

Als Finanzjournalist schreibt man auch über Anlagemodelle – mal positiv, mal negativ. Weil Journalisten Multiplikatoren sind, prasseln jeden Tag Vorschläge von Pressesprechern, PR-Firmen oder sonstigen Mittelsmännern auf sie ein, sie könnten doch mal über diesen oder jenen Fonds berichten. So erreichten mich in den vergangenen Jahren (teils mehrfach) die Bitten, ich möge doch mal über die tollen Genussscheine der WGF Immobilien schreiben oder über die Traumrenditen des Hedgefondsmanagers Helmut Kiener.

Grundsätzlich handele ich nach folgender publizistischen Devise: „In case of doubt – stay out“. Habe ich auch nur die geringsten Zweifel an der Seriosität des Angebots, berichte ich einfach gar nicht darüber. Denn man muss dazu wissen, dass selbst eine kritische Auseinandersetzung mit Produkten vielen Anbietern und PR-Experten wichtiger ist, als vollständig ignoriert zu werden. Zum einen fühlt sich ein Teil der Leser doch angesprochen selbst bei einer kritischen Analyse – zum anderen sind PR-Experten (ähnlich wie Journalisten) Meister darin, Sätze aus dem Zusammenhang zu reißen und/oder den kritischen Inhalt schlicht zu verschweigen – in Imagebroschüren landet dann unter Umständen nur der Hinweis, „Bekannt aus der FTD“ oder „Auch Capital berichtete in seiner Ausgabe 11/2012 über….“.

Häufen sich die Hinweise auf ein unseriöses Angebot, lohnt natürlich auch eine weitere Recherche für einen größeren kritischen Artikel – hier besteht mein erster Schritt in der Regel darin, mich mit Experten für den Grauen Kapitalmarkt auszutauschen.

Doch welche Kriterien legt man genau an – wann klingeln die Warntöne im Hirn eines Finanzjournalisten – und wann sollten sie entsprechend auch bei Anlegern klingeln? Hier kommt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, meine persönliche Liste an „Markern“ für unseriöse Angebote. Lassen Sie einfach die Finger von einem Anlageprodukt und die Chance vorüberziehen, wenn dieses vier oder mehr dieser Merkmale aufweist.

  1. Das Anlageprodukt wird als Geschlossener Fonds, Genussschein oder atypische Beteiligung vermarktet – Natürlich sind solche Anlageformen pe se nicht schlecht. Die Gefahr, in diesem Segment auf die Nase zu fallen, überhöhte Gebühren zu zahlen oder an unerfahrene, unseriöse Anbieter zu geraten ist aber erheblich höher als im Reich der Aktien oder Anleihen
  2. Das Anlageprodukt wird vor allem an Kleinanleger vermarktet – Kleinanleger sind leichter zu „betuppen“ als Profis – allerdings ist es sehr mühsam, kosten- und betreuungsintensiv, Gelder bei Kleinanlegern aufzutreiben. Sammelt ein Anbieter Geld vor allem von Kleinanlegern ein, deutet dies (nicht zwingend, aber wahrscheinlich) darauf hin, dass ein Anbieter bei Banken oder Großanlegern abgeblitzt ist mit seinem Beteiligungsmodell und nun den „teuren“ Weg über Kleinanleger gehen muss. Das gilt besonders für Produkte, die „kalt“ über das Telefon oder über Haustürgeschäfte vertrieben werden oder ein „heißer Tipp“ eines Freundes oder Bekannten sind.
  3. Das Anlageprodukt setzt auf einem großen aktuellen Trend – Wer ein Anlageprodukt vertreibt, braucht eine knackige Geschichte, bei der der Anleger glaubt, er sei bei einem großen, laufenden Trend dabei. Und so tummeln sich viele krumme Anbieter  derzeit natürlich in den Bereichen Windkraft, Solarenergie, Technologie, Rohstoffe, Gold, Dubai-Immobilien, Holz- und Waldinvestments, Palmölplantagen, Erdwärme – und natürlich vor allem im Boommarkt der Immobilien.
  4. Das Anlageprodukt ist ein verkappter Kredit – Hinter zahlreichen Fonds und Genussscheinen steckt keine eigentliche Beteiligung an einem Unternehmen, sondern tatsächlich gewährt eine eigens zum Zweck des Kapitaleinsammelns gegründete Gesellschaft einer anderen einen Kredit – mit den typischen Kreditrisiken.
  5. Das Anlageprodukt wird mit einer Fülle von „Siegeln“ beworben – Ein Anbieter windiger Produkte muss Seriosität ausstrahlen und den Kunden in Sicherheit wiegen. Am einfachsten gelingt das mit käuflichen „Siegeln“ – zum Beispiel „TÜV geprüft“ oder Empfehlungen von Anlegermagazinen. Dabei wird häufig einfach unterschlagen, was genau geprüft oder ausgezeichnet wurde
  6. Es wimmelt von angeblichen „Sicherheiten“ – Die größte Angst des Investors ist die Verlustangst. Sie ist vielfach stärker noch als die Gier nach hohen Gewinnen, erst recht seit der Finanzkrise. Anbieter krummer Geschäfte wissen das. Und so greifen sie zu seinem auch im Alltag probaten Mittel: Man wirft einfach so oft mit Worten wie „Besicherung“, „testierten Sicherheiten“, „Bafin-geprüft“, „grundbuchbesichert“ so lange um sich, bis beim Anleger der Eindruck erweckt wird, die Sicherheiten seien wirklich etwas wert, selbst wenn sie in Wahrheit nur auf dem Papier existieren oder die Finanzaufsicht Bafin nur die formale Richtigkeit eines Prospekts prüft
  7. In der Werbung und im Vertriebsgespräch wird gegen Banken gehetzt – Banken haben derzeit einen miesen Ruf bei Bürgern – und oft auch bei Anlegern. Das nutzen clevere Anbieter aus und argumentieren, man wolle ganz bewusst nicht mit Banken zusammen arbeiten (siehe Punkt 3), sondern Kleinanleger „reich“ machen und die blöden Banken links liegen lassen. So viel Altruismus sollte vorsichtig machen – Banken tun derzeit angesichts des Flut des billigen Geldes nichts lieber, als rentabel Geld zu verleihen, am Anleihenmarkt können Firmen zu historisch niedrigen Zinsen Geld aufnehmen, Finanzinvestoren schwimmen auch im Geld – wieso sollte dann ausgerechnet ein Anbieter Kleinanlegern 10 Prozent und mehr versprechen, wenn er das Geld günstiger en bloc woanders bekommen kann?
  8. Die Anbieter des Produkts legen großen Wert auf „Charity-Aktionen“ – traurig, aber wahr: Mit dem Image des edlen Spenders wollen Gauner zu gerne an ihrem öffentlichen Bild bei Anlegern feilen und in der Klatschpresse punkten. Wer gerne Gutes tut, kann dies auch im Verborgenen tun – gerade Anlagebetrüger tun dies aber nur zu gerne öffentlich, um ihr Image aufzupolieren
  9. Prominenz im Aufsichtsrat – für ein paar tausend Euro Honorar plus Spesen ist es ein leichtes, einen Prominenten im Aufsichtsrat zu platzieren, der bei Anlegern Eindruck schindet. Über die Seriosität des Produkts sagt dies wenig aus. Gefährlich wird es besonders dann, wenn der entsprechende Aufsichtsrat zwar prominent, aber fachfremd ist, viele Mandate hat und mit seiner Prominenz auffallend aufgesetzt geworben wird
  10. Undurchsichtige Firmenstrukturen – ein sehr wichtiges Merkmal: Gauner lassen Anleger und Journalisten über die tatsächliche Profitabilität ihrer Arbeit gerne im Dunkeln und bauen zudem früh schon mal einer drohenden Pleite vor – in dem Fall soll das Geld natürlich möglichst vor dem Zugriff von Gläubigern und Anlegern sicher sein und in der eigenen Tasche stecken. Eine verschachtelte Firmenstruktur mit entsprechend unklaren Eigentumsverhältnissen (gerne auch mit Auslandsfirmen) ist sehr praktisch, da sie Anlegern wie Journalisten die Profitablität verschleiern und – noch wichtiger – tatsächliche Geldströme tarnen kann. In undurchschaubaren Strukturen fallen oft auch hohe „Weichkosten“ an, angefangen von Steuerberatungs- und Wirtschaftsprüfungskosten bis hin zu Beratungskosten und Provisionen für die Weiterleitung von Geldern, die oftmals der eigentliche Kern eines Anlegerabzockmodells sein können. Zudem kommen unter Umständen bei Subgesellschaften oder Auslandsfirmen laxere Publizitätspflichten ins Spiel. Begründet wird eine komplexe Verschachtelung gerne mit „steuerlichen“ Gründen. Wichtig: Liegt ein Konzernabschluss über alle Gesellschaften hinweg vor bei verschachtelten Strukturen – oder nur eine Fülle von Einzelabschlüssen? Wenn kein umfassender Abschluss vorliegt, ist dies ein Warnsignal, denn nur erfährt man, ob das Gesamtkonstrukt profitabel arbeitet oder nicht.
  11. Die Anbieter hinter dem Produkt verfügen über wenig oder „aufgeblasene“ Erfahrung – Senorität ist kein Garant für Seriosität im Management, kaum oder keine vorhandene Erfahrung aber ein Warnsignal, erst recht, wenn ein aktueller Trend (siehe Punkt 3) besetzt werden soll und die Anlageidee und das Marketing wichtiger zu sein scheinen als
  12. Es mangelt an belastbaren Jahresabschlüssen –  krude Anbieter nehmen es mit den Transparenzpflichten nicht so genau. Geht man zur Seite http://www.bundesanzeiger.de und tippt dort den Firmennamen des Anbieters ein, erhält man binnen Sekunden die Inflation, ob es Jahresabschlüsse der Firma gibt und wie diese ausgefallen sind. Kommt ein Anbieter seinen Pflichten zur Veröffentlichtung nur lax nach oder handelt es sich um fast neue Firmen, ist dies ein Warnsignal.
  13. Unsouveräner Umgang mit Kritikern – Während die bloße kritische Erwähnung oder ein sanftes Abraten selten zu Komplikationen führen (und Anbietern sogar recht sind), zeichnen sich windige Anbieter durch die Bank durch ein Höchstmaß an Aggression gegenüber kritischen Journalisten und Internetnutzern aus. Dazu werden häufig PR-Beißhunde beauftragt, Anwälte und auf Interneteinträge spezialisierte Agenturen. Kritische Journalisten werden mit Unterlassungserklärungen und Schadensersatzklagen bombardiert (häufig privat und beruflich), in der Öffentlichkeit und der eigenen Homepage diskreditiert und Berichte als sachlich völlig falsch dargestellt. Große Angst haben Betrüger auch vor der Macht kritischer Internetforen und Blogs, auf die die Suchmaschine Google lenkt. Hier wird oft (ebenfalls mittels anwaltlicher Drohungen) auf Betreiber eingewirkt, angeblich verleumderische Inhalte zu löschen. Das klappt meistens. Gelingt das nicht „rückstandsfrei“, werden die kritischen Einträge gerne als das verleumderische Machwerk ausgeschiedener Ex-Mitarbeiter dargestellt. Zugegeben: Für Laien ist dieser Punkt schwer zu prüfen. Häufig findet man aber noch Spuren der Debatte in Blogs oder Foren – oder, was ebenfalls ein Warnsignal ist – eine „Flut“ neuer Blogeinträge und Internetadressen, wenn man den Anbieter oder sein Produkt googelt. Häufig war dann eine PR-Agentur am Werk, die mittelts selbst geschaffener Blogs und Diskussionsbeiträge kritische Berichte und Blogs in der Google-Suche „nach hinten“ drücken will.
  14. Der Anbieter sieht nicht vertrauenswürdig aus – es heißt immer wieder, Betrügern sehe man ihre unlauteren Absichten nicht an der Nase an. Ich halte das für Quatsch. Natürlich sollte man niemals ein Produkt zeichnen, weil der Anbieter dahinter „seriös“ aussieht. Es gibt aber gute Gründe, von einer Anlage Abstand zu nehmen, wenn die (leicht zu googelnden) Person(en) dahinter – also die Geschäftsführer, CEOs oder Fondsmanager – auf einen Anleger oder Journalisten einen optisch seltsamen Eindruck machen. Oder Bilder von ihnen auffällig oft bei Promi-Events auftauchen. Oder einem schlicht die Nase nicht passt. Im Privat- und Geschäftsleben macht man es schließlich genauso und kauft seine Zeitungen, seine Lebensmittel oder sein Auto auch nur dort, wo die handelnden Menschen einen sympathischen Eindruck machen. Wieso sollte es bei einer Anlage von oft fünf- oder sechsstelligen oder noch höheren Beträgen anders sein?

 

Klar: 14 Punkte hören sich umfangreich an. Es ist mit Hilfe von Google, der Image-/Werbebroschüre und dem – falls vorhanden – elektronischen Wertpapierprospekt in PDF-Form und einer einfachen Volltextsuche möglich, alle oben genannten Punkte in weniger als 15 Minuten abzuarbeiten. Häufig genügt bereits eine Imagebroschüre und Google!

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