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Der teuflische Ankereffekt der 8000 Punkte & Daten-Alzheimer bei der Deutschen Börse

11. März 2013

Können Sie sich noch erinnern, wie die einzelnen DAX-Titel im Frühjahr 2000 gewichtet waren? Ich jedenfalls nicht mehr. Und lustigerweise die Deutsche Börse, die den DAX berechnet, auch nicht. Die Börse sagt, sie habe solche Daten nur ab 2003. Ein – wie ich finde – kurioser Vorgang angesichts der Tatsache, dass die Berechnung des Aushängeschilds DAX der Kern des Kerngeschäfts des Börsenbetreiber ist.

Ein kleiner Werkstattbericht zu meinem neuesten Artikel auf Spiegel Online: Das erneute Überspringen der Marke von 8.000 Punkten wollte ich zum Anlass nehmen, die Veränderungen des DAX im Hinblick auf die Zusammensetzung und die Gewichtung heute mit den letzten 8000er-Sprüngen in den Jahren 2000 und 2007 zu vergleichen. Meine Arbeitshypothese: Trotz identischer Indexstände hatte der DAX bei jedem Sprung ein völlig anderes Gesicht – alleine der Ankereffekt sorgt dafür, dass wir uns an den 8000 „abarbeiten“ und den DAX mutmaßlich für viel zu teuer halten. Schließlich hat er damit trotz ungelöster Krisen sein Vorkrisenniveau wieder erklommen.

Doch die Recherche erwies sich als gar nicht so einfach. Die Zusammensetzung der Titel ist relativ leicht reproduzierbar. Nicht aber die Gewichtungen in Prozent. Ich erinnerte mich, dass die Beschäftigung mit Indexgewichten schon im Jahr 2000 ein heißes Thema war – das Tempo der DAX-Indexveränderungen und -neugewichtungen war schließlich sehr hoch. Die Gründe: Zahlreiche Börsengänge von DAX-Kandidaten  (Epcos, Infineon, T-Online), raketengleichen Kursentwicklungen (MLP) und Übernahmen (Mannesmann) würfelten vieles durcheinander. Aufmerksame Trader waren Stammgast auf der Seite der Deutschen Börse, wo die Gewichtungen und -änderungen dokumentiert wurden – in der Hoffnung, Umschichtungen großer aktiver Fonds und der ersten passiven Indexfonds zu antizipieren.

Ich stellte also vergangene Woche eine einfache Anfrage an die Deutsche Börse mit der Bitte, mir doch die Zusammensetzung und Gewichtung der DAX-Mitglieder per März 2000 und per Juli 2007 zu schicken (die aktuellen gibt’s auf deren Website). Ich erhielt die Daten per 2007, versehen mit dem Hinweis, ich dürfe sie nicht publizieren – aber vielleicht sei ich ja an einer Lizenz interessiert? Und noch eine lustige Antwort obendrein: Solche Daten wie die Gewichtung habe man nur ab 2003.

Da kommt man schon mal ins Grübeln. Die Deutsche Börse als Indexberechnungsstelle des DAX – die um den DAX eine mehr als 1000 Indizes große Indexfamilie erfunden hat – die selbst ihren BRIC-Index „DAX Global BRIC“ nennt – und die im letzten Geschäftsjahr im Segment „Market Data & Analytics“ 121 Mio. Euro vor Zinsen und Steuern verdient hat weiß nur grob (Mitglieder), aber nicht genau (Gewichtung), wie sich der DAX vor dem Jahr 2003 zusammen gesetzt hat? So ist es  – denn eine etwas erstaunte, erneute Nachfrage an die Pressestelle von letztem Donnerstag blieb dann gänzlich unbeantwortet, auch informelle Nachfragen bei Lizenznehmern des DAX brachten nichts ein.

Bevor es nun zu leberwurstig wird – in meiner aktuellen Kolumne auf Spiegel Online geht es um die Frage, was vom DAX 8000 zu halten ist. Ich glaube, dass man diese Marke vor allem möglichst vergessen und verdrängen sollte – um nicht Opfer des Ankereffekts zu werden. Denn ganz  automatisch vergleichen wir den DAX heute mit dem von Mitte 2007 und damit der 800er-Marke kurz vor Eskalation der Finanzkrise – und glauben, er müsse ja überteuert sein, weil die Krise mitnichten gelöst, der Index aber wieder auf seinem alten Level angekommen ist.

Warum das Unsinn ist, lesen Sie hier

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From → Blog, SPIEGEL ONLINE

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