Skip to content

Ein kleines Fundstück

30. April 2013

Max Weber ist den meisten vermutlich als Soziologe ein Begriff. Weniger bekannt ist, dass er sich Ende des 19. Jahrhunderts intensiv mit dem Thema Börse und Spekulation auseinander gesetzt hat. Heute stieß ich auf ein sehr schönes Fundstück – die Frage, ob man durch Verbieten von Terminmarktgeschäfte die Spekulation und Preisexzesse eindämmen könnte, beschäftigte die Menschen offenbar schon 1894. Max Weber hat darauf eine ebenso einfache wie schlüssige Antwort.

Zu den meiner Meinung nach irrsten Debatten der Gegenwart gehört die Frage, ob man Preisexzesse eindämmen kann, indem man schlicht denjenigen die Spekulation verbietet, die mit den eigentlichen physischen Gütern – Aktien, Anleihen, Rohstoffe – nichts zu tun haben und nur um des Zockens willen zocken.

Mir erschließt sich die Logik nicht. Wenn man etwa Derivate verbietet, mit denen man auf Aktien, Anleihen oder Rohstoffe wettet, dann wetten Spekulanten eben mit den Aktien, Anleihen Rohstoffen selbst. Wenn man all jenen verbietet, mit  Rohstoffen zu spekulieren, die nicht direkt mit der Förderung, Weiterverarbeitung und Lagerung zu tun haben, werden Spekulanten eben zu Förderern, Weiterverarbeitern und Lagerern von Rohstoffen. Und selbst wenn es gelingt, sie von Rohstoffen fern zu halten, werden sich die Förderer, Verarbeiter oder Erzeuger von Rohstoffen schlapp lachen, dass sie plötzlich ein Monopol in der Hand haben auf die Spekulation auf eigene Güter. Man kann in einem freien Land keinem Bauern verbieten, sein Weizen im Silo zu bunkern, um Preise zu treiben und auch keinen Goldförderer, das Gold zu Förderkosten zu verkaufen.

Wozu eine komplett „einseitige“ Spekulation führen kann, wenn man Leuten nur erlaubt, auf steigende Kurse bei zugleich knappen Gütern zu wetten, konnte man schön an der Geschichte des Neuen Markts im Jahr 2000 erkennen. Hätte es hier die Möglichkeit gegeben, auch auf fallende Kurse zu setzen, wären Leerverkäufe möglich gewesen, wären die schlimmsten Exzesse womöglich verhindert worden.

Kurz: Der Versuch, mit einem Verbot der Spekulation der Spekulation beizukommen, halte ich für zum Scheitern verurteilt. Das hat weniger mit einer Kapitulation vor Investmentbanken zu tun denn mit der menschlichen Natur und dem Gewinnstreben aller Akteure.

Heute früh musste ich jedenfalls herzlich lachen, als ich etwas über die volkswirtschaftliche Bedeutung von Börsengängen nachlas. Ich stieß auf Max Webers „Die Börse“ von 1894.

Darin schreibt er die folgenden, sehr schönen, m.E. bis heute unverändert gültigen Sätze (Hervorhebung von mir).

„…Und es ist für die ökonomischen Interessen des Inlandes nicht gleichgültig, ob inländische oder ausländische Kaufleute die Märkte beherrschen und wo der Weltmarktverkehr eines für den einheimischen Verbrauch und die einheimische Produktion wichtigen Artikels sich konzentriert.

Zweifellos wird diese erhöhte Machtstellung des betreffenden Marktes durch mancherlei bedenkliche Nebenwirkungen erkauft. Zunächst die zweifellose Steigerung der Teilnahme Unberufener an der Spekulation, damit der Spielsucht des Publikums und der Gelegenheit, sie an der Börse zu befriedigen. Man darf freilich die Tragweite des Termingeschäftes nach dieser Richtung nicht überschätzen. Das Publikum spielt, wenn ihm nur ein Bankier dafür Kredit gibt, ebenso im Kassageschäft, z.B. durch Barankauf von Papieren in Erwartung einer Kurssteigerung, und gerade die widerwärtigsten Vorgänge dieser Art der letzten Jahre – z.B. die im Prozeß Polke erörterten – waren solche spekulativen Kassageschäfte. Spekulationen des Publikums in Form von Kassageschäften aber sind, der stärkeren Kursschwankungen wegen, für dasselbe ungleich gefährlicher als die Terminspekulationen. – Man muß sich eben hüten zu glauben, mit Beseitigung des Termingeschäfts beseitige man die Spekulation. Im Quantum würde sie unzweifelhaft, weil kostspieliger, etwas eingeschränkt, in der Qualität aber, wie auf das deutlichste die des Termingeschäftes in Effekten entbehrende Neuyorker Börse zeigt, außerordentlich viel unsolider, weil bei dem Mangel des breiten Marktes noch weit hazardartiger.“

[Mit dem Polke-Prozess referenziert Weber auf einen Berliner Bankier und Börsenbriefautor. Auch hier schön zu sehen, wie sich die Dinge auch nach 120 Jahren gleichen: Damals warf man Polke und anderen Bankiers vor, Kunden betrogen zu haben, indem die Kurse von Wertpapiere manipuliert worden seien, die Presse mit falschen Informationen gefüttert wurde. Generell herrschte um die Jahre 1890ff eine Stimmung ähnlich der heutigen, es ging im Kern darum, dass mit der wilden Spekulation an der Börse endlich „Schluss“ sein müsse, die Regierung griff ebenfalls ein – um so interessanter, dass Weber hier Partei ergreift]

Advertisements

From → Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: