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Deutsche Anleger weiten Generalstreik aus

4. Mai 2013

An den Kapitalmärkten mehren sich die Zeichen für eine Entspannung, der DAX schließt auf einem Rekordhoch – und Deutschlands Anleger? Werden skeptischer und skeptischer. Denn wenn die am Freitag veröffentlichte Geldvermögensstatistik der Bundesbank eine klare Interpretation zulässt, dann diese: Das Gerede von einer finanziellen Repression (und wie man sich dagegen wehrt) und dem Anlagenotstand interessiert Anleger derzeit überhaupt nicht.

Aus der am Freitag veröffentlichte Geldvermögenstatistik der Bundesbank kann man heraus lesen, dass die Deutschen reich wie nie sind und ihr Vermögen im Jahr 2012 um 157 Mrd. Euro gestiegen ist. Zu dieser Summe haben Kursgewinne immerhin rund 72 Mrd. Euro beigetragen.

Man kann aus den Daten (per 31.12.2012) aber auch heraus lesen, dass sich Deutschlands Finanzvertriebler, Börsenzeitschriftenverleger, Aktienfondsmanager aus dem Kopf schlagen können, dass in Deutschland auf Sicht der nächsten ein bis zwei Jahre noch einmal so etwas wie eine Aktien- oder Geldanlageeuphorie entstehen könnte. Denn die Deutschen juckt der ganze Bohei von einer laufenden finanziellen Repression – also Realzinsen unter Null, weil die Guthabenszinsen unterhalb der Teuerung liegen – und dem Anlagenotstand überhaupt nicht.

Denn betrachtet man die Salden der Mittelzu/-abflüsse in die einzelnen Anlageformen und lässt die Kursveränderungen außen vor, waren die Nettoabflüsse aus Aktien mit -2,6 Mrd. Euro  im Schlussquartal 2012 auf einem Zweijahreshoch und die Nettozuflüsse in kurzfristige, meist unverzinste Bargeld&Sichteinlagen mit 36 Mrd. Euro auf dem höchsten Niveau seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009 – und das trotz der Erholung der Märkte,  einem versöhnlichen Jahresausklang und weiter sinkenden Zinsen.

Bezogen auf das Gesamtjahr – zur Erinnerung: einem Jahr, in dem sich die Anleihenmärkte deutlich beruhigt haben und der DAX um rund ein Viertel kletterte – sehen die Zu/Abflüsse wie folgt aus:

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Es gibt ganz offenbar überhaupt keinen „Leidensdruck“ bei den Anlegern, jenseits bestehender Positionen etwas dagegen zu tun, dass die Teuerung von rund zwei Prozent (zuletzt etwas weniger) an ihrem Vermögen nagt, und daran können auch freundliche Märkte nichts ändern. Dazu muss man sich vor Augen führen, dass die durchschnittliche Verzinsung, die deutsche Anleger auf alle Einlagen zusammen erzielen, im Jahresverlauf 2012 von anfänglich 0,9 auf 0,51 Prozent zusammengeschnurrt ist, weil die Banken immer weniger zahlen.

Und, mehr noch: Obwohl die Guthabenszinsen extrem niedrig sind, deuten die Zahlen auch nicht darauf hin, dass sich deutsche Anleger um die Optimierung ihrer Zinserlöse kümmern. Denn auch im Schlussquartal 2012 verfestigte sich der Trend, dass Sparprodukte mit Fristen – also Fest/Termingelder und Sparbriefe – weiter Abflüsse verzeichnen (in der Summe knapp 13 Mrd. Euro), weil Anleger großen Wert auf Liquidität legen.

Hier ist das ganze Ausmaß der „Verzweiflung“ noch mal grafisch:

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Diese Zahlen bestätigen indes auch meine Vermutung, dass deutsche Privatanleger bei weitem nicht so prozyklische Dummköpfe sind, als die sie immer dargestellt werden. Zur Erinnerung: Nettokäufe von Aktien hat es zuletzt – wenngleich in kleinerem Ausmaß – vor allem 2011 gegeben, als die Panik an den Märkten regierte und erst EZB-Chef Draghi mit seiner „Bazooka“ – der Ankündigung unlimitierter Anleihenkäufe – die Lage in den Griff bekam. Bei den damals niedrigen DAX-Kursen zwischen 5000 und 6000 Punkten griffen viele zu. Behalten die Anleger diese Verhaltensweise bei, dürften im laufenden Jahr allenfalls zwischenzeitliche Kursrückgänge die Anleger nochmals in Aktien locken.

Nun sollte man über all das nicht intellektuell richten. Wenn das Vermögen der Bürger in einem Jahr um rund 160 Mrd. Euro steigt, dann haben viele Leute vieles richtig gemacht -und die Steigerungen der Immobilienpreise gehen in diese Geldvermögensstatistik noch nicht einmal ein. Im Kern bleibt aber die Frage: Was müsste denn passieren, damit Anleger bei ihrer Geldanlage einmal eine „Reaktion“ zeigen auf die negativen Realzinsen auf sichere Geldanlagen? Wo liegt die Schmerzgrenze? Bei minus drei, bei minus vier Prozent Realzinsen?

Nun gibt es hier in diesem Blog keine heißen Tipps, was wann zu tun ist. Ich habe nämlich auch nicht die geringste Ahnung, ob der DAX zum Jahresende bei 10.000, bei 4.000 oder unverändert bei 8.122 Punkten steht. Zwei Wege halte ich für bisherige Totalverweigerer aber weiter für gangbar, auch bei einem DAX von 8.122.

Der eine: Wenigstens zehn und je nach Risikoneigung bis zwanzig Prozent (bezogen auf das liquide Sparvermögen) an Aktien beizumischen. Am besten über kostengünstige Indexfonds, für besonders ängstliche Naturen eventuell über einen Fondssparplan, der das Timingrisiko noch mal senkt (oder einer Kombination aus beidem). Nehmen wir an, die Aktienmärkte halbieren sich noch mal, dürfte der Gesamtverlust der Aktienanlage bezogen auf das bisherige Sparvermögen nach Zinsen und Dividenden auch maximal sieben oder acht Prozent betragen. Ich glaube nicht, dass es viele Anleger gibt, für die selbst dieses Risiko zu groß wäre, vor allem, wenn man den drohenden realen Wertverlust des Sparvermögens vor Augen hat.

Der zweite ist, sich mit „Strukturen“ zu beschäftigen, und hier allen voran mit Bonuszertifikaten, vorzugsweise auf große Indizes. Die stecken, je nach Ausgestaltung, auch noch mal einen Rückschlag von 30 Prozent auf Sicht von zwei Jahren weg, ohne, dass eine hohe, einstellige Rendite pro Jahr gefährdet wäre. Es ist derzeit auch ganz klar das Produkt der Stunde in meiner persönlichen Anlagestrategie. Bei beiden Wegen dürfte ein guter Anlageberater aus dem Stand helfen können.

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6 Kommentare
  1. Gute Anlageberater empfehlen kostengünstige Indexfonds? Wo gibt´s denn sowas? 😉

  2. Mir scheint, es ist die nackte Angst des Sparvolks, sich nach T-Aktie & Co. noch einmal eine blutige Nase zu holen. Und derzeit steht der DAX so weit oben im Norden, dass manchem wieder das Wort von der „Blase“ in den Sinn kommt. Und so erscheinen 2% Verlust durch die Teuerungsrate doch überschaubarer als der befürchtete Absturz am Aktienmarkt.

  3. Ja, es ist vermutlich genau so einfach. Zwei Prozent realen und garantieren Verlust sind die Menschen bereit zu erleiden, wenn sie damit nicht das Risiko eingehen, 20 bis 30 Prozent Nominalverlust mit Aktien zu erleiden.

    Es wäre ja schon hilfreich, der Lage mit einer kleinen Beinischung zu begegnen oder in kleinem Umfang einen Sparplan zu beginnen, aber da spielt dann die Kontenbildung rein, die 10-20% in Aktien werden gern isoliert betrachtet, nicht aber das Gesamtvermögen.

  4. Hinzu kommt, dass nur auf Kurse geschaut wird und regelmäßige Erträge durch Dividenden in der Betrachtung kaum eine Rolle spielen. Diese sind aber langfristig der eigentliche Motor der Vermögensbildung (sofern sie wieder angelegt werden).

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