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Die meistgehasste Rally aller Zeiten

12. Mai 2013

Das ist für mich die treffendste Bezeichnung der Rekordjagd im Deutschen Aktienindex DAX. Und obwohl ich mir eine Medienkritik eigentlich verkneifen möchte, bin ich doch bass erstaunt, mit welcher Selbstverständlichkeit viele Kollegen diese Rally als Quatsch abtun. Ein kleiner Beitrag zur Versachlichung.

Vergangene Woche kletterte der Dax auf ein frisches Rekordhoch – und wer sich darüber als Anlagelaie schlau machte, der bekam von vermeintlich objektiven Berichterstattern gleich mal klar gemacht, warum diese Rally Schwachsinn sei.

Der Chefredakteur einer großen Wirtschaftszeitung twitterte, er sei Zeit für ein leies „Servus“, weil ja das Rekordhoch schon in den Radtionachrichten gemeldet würde. Mein bevorzugter Radiosender „HR Info“ hat mich in den letzten Monaten mit seiner permanentem Stimmungsmache, die DAX-Entwicklung sei ja konjunkturell völlig deplatziert so in den Wahnsinn getrieben, dass ich schon mal einen Hörerbrief geschrieben habe.

Abends erklärte dann auch das „Heute-Journal“, hinter der DAX-Rally stecke ja nichts anderes als „die riesigen Geldmengen“, die die Notenbanken weltweit geschaffen haben.

Am nächsten Morgen schlage ich die BILD auf (wir erinnern uns: die schon beim Goldpreis ein, nun ja, krudes Timing hatte) und lese in Sachen Einstieg in Aktien: „Fachleute raten: Lieber abwarten“. Heute lese ich die FAS, und der Vorspann des Finanzenaufmachers schlägt vor, in Sachen Aktien sei jetzt „genau der richtige Zeitpunkt, misstrauisch zu werden.“

So geht das seit Wochen und Monaten schon. 13 Jahre unter dem Strich stagnierende Kurse mit starken Schwankungen und der dramatische Rückgang der Zahl der Aktionäre samt Käuferstreik haben auch bei den Berichterstattern Spuren hinterlassen. Niemand will der Trottel sein, der nahe den Höchstkursen noch gute Stimmung macht, mit Skepsis punktet man eher beim Leser, ja bestätigt die meisten in ihrer Haltung, lieber in der Deckung zu bleiben.

Natürlich weiß niemand, wo der DAX in einem Jahr steht. Niemand! Die permanente Raterei, ob es nun auf Sicht eines Jahres gut oder schlecht für Aktien aussieht (und für die sich immer eine Handvoll Profis finden lässt, die das schlau begründen), hat der Autor Gerd Kommer mal den schönen Begriff der „Investmentpornografie“ eingeführt. Ein Anleger kommt nicht drumherum, sich eher grundsätzlich die Frage zu stellen, ob und mit welcher Aktienquote er arbeiten will – dann ist das Timing sekundär auf lange Sicht. Sind die Bewertungen historisch eher niedrig oder kommt man aus einem Börsentief, fällt der Einstieg natürlich gerade psychologisch leichter.

Geht es jedenfalls nur nach dem Thema Stimmung, kann ich nirgendwo auch nur einen Hauch Euphorie spüren in Deutschland. Die Medien sind überwiegend skeptisch, netto werden von deutschen Haushalten mehr Aktien verkauft als gekauft laut Bundesbankdaten, und wer seit Monaten mit Aktien liebäugelt, hat diesen Plan nun allmählich aufgegeben angesichts der stark gestiegenen Kurse.

Das blöde ist nur: Für die Kursentwicklung des DAX spielt die Stimmung in Deutschland in Sachen Aktien in einer globalisierten Welt kaum eine Rolle. Sich an der deutschen Stimmung in Sachen Aktien abzuarbeiten, hat daher keinen Wert (was bei Gold übrigens schon ganz anders aussieht gemessen an der Rolle der deutschen Privatnachfrage & Goldbestände für den Goldpreis).

Ich habe natürlich auch keine Ahnung, wohin die Reise mit dem DAX geht, aber mal einige Fakten zusammen getragen, die jenseits der plumpen Meinung für Anleger womöglich hilfreich sein könnten. Dazu bitte hier entlang.

Allerdings sind auch meine Gedankengänge von vor einem Jahr unverändert gültig: Vielen Investoren fehlt die Phantasie, was „nach oben“ drin sein könnte mit Aktien. Unterstellen wir, die DAX-Konzerne stellen 1) in der Breite ihre Dividendenerhöhungen ein und die Ausschüttungen stagnierten auf dem aktuellen Niveau für die kommenden Jahre und 2) auch die Aktien stellen das Klettern ein und verteuern sich real überhaupt nicht mehr, sondern halten nur noch mit einer Teuerung von im Schnitt 2 Prozent pro Jahr Schritt – in diesem Fall würde der DAX binnen 17 Jahren die Marke von 20.000 Punkten nehmen. 

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4 Kommentare
  1. Persönlich habe ich auch nicht mit einer solchen Hausse des Dax gerechnet. Doch die niedrigen Zentralbankzinsen drängen ja geradezu die Markteilnehmer in die Aktienmärkte. Bedauerlicherweise war der Privatanleger mal wieder nicht dabei….

    Bleibt nur zu hoffen, dass dieser nicht wieder viel zu spät in den Dax und in Aktien investiert!

    • Wahrscheinlich ist es genauso, wie es bereits 2000/2001 der Fall war. Am Ende war selbst die Oma von nebenan in spekulativen Aktien des Neuen Marktes… Das ist so lächerlich. Die Deutschen Anleger werden es glaub ich nicht mehr lernen!

  2. Die Massenmedien spiegeln doch nur die „Meinung der Masse“ wieder und so ist es doch rechtens, dass nur gewarnt wird. Die Deutschen sind ja bekanntlich sehr risikoscheu in ihren Geldangelegenheiten.

    So ein Gefühl habe ich zumindest, wenn ich mich der etablierten Medien behelfe.

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  1. Kleine Presseschau vom 13. Mai 2013 | Die Börsenblogger

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