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Japanische Aktien sind außer Rand & Band

17. Mai 2013

Wenig Zeit? Dann bitte hier entlang zu einem kurzen Stück von mir dazu bei Spiegel Online. Mehr Zeit und Lust, ein paar grundlegende Dinge über japanische Aktien, den Yen-Abwertungswetttlauf zu lernen? Bitte….

Ich glaube, der Brief der Bank traf im Herbst 1995 bei mir ein. „Sehr geehrter Herr Kirchner, Ihr Optionschein XYZ läuft bald aus, bitte geben Sie uns Nachricht, ob wir ihn bestens verkaufen sollen, andersfalls erfolgt zum Laufzeitende automatisch…..“ – es spielte eigentlich keine Rolle mehr, ob er nun für 10 Pfennig glattgestellt wurde oder nicht. Meine Kohle war futsch, und zwar komplett.

Ich hatte im Herbst 1994 begonnen, eine Position in einem Optionsschein auf japanische Standardwerte aufzubauen. Da seinerzeit keine Bank eine Lizenz auf die Ausgabe von Optionsscheinen auf den Nikkei hatte, handelte es sich um einen Optionsschein auf einen Korb japanischer Standardwerte, ausgegeben vom Schweizerischen Bankverein, einem UBS-Vorläufer. Denn: Optionsscheine waren damals en vogue – und Spekulieren mit Japan erst Recht. Denn nach zwei Drittel Kursverlust ab Herbst 1989 im Nikkei musste ja irgendwann das Comeback kommen.

Zu meinem Erstaunen hielt sich der Nikkei-Index damals, im Januar 1995, noch recht stabil nach dem Erdbeben von Kobe. Ich interpretierte das als Zeichen der Stärke, als nahenden Wendepunkt und butterte mein letztes Geld, ich glaube 2500 Mark, in den Optionsschein, der schon 20 Prozent unter Wasser war. Der Einbruch folgte erst einige Tage später – wie sich später herausstellte, war es Nick Leeson, der bei der Barings Bank kurz vor deren Ende verzweifelt versuchte, den Nikkei über Future-Käufe stabil zu halten. Statt glattzustellen, begann ich zu hoffen – und das Geld war im Herbst 1995 futsch. Lektion gelernt!

Derart erblich (oder erheblich? 😉 ) vorbelastet hatte ich Japan lange Jahre wenig Beachtung geschenkt. Weder journalistisch noch in der Geldanlage. Und tatsächlich passierte ja auch unglaubliche weitere 16 Jahre unter dem Strich nichts am japanischen Aktienmarkt. Man konnte die japanische Volkswirtschaft lediglich als kleines Versuchlabor betrachten, um zu lernen, dass ultraniedrige Zinsen noch lange nicht automatisch den Konsum und den Aktienmarkt befeuern – und was passiert, wenn eine Gesellschaft altert.

Mein Interesse wurde dann aber gegen Ende 2010 geweckt, denn einige Profis, deren Aktionen ich unregelmäßig verfolge, begannen plötzlich Positionen in japanischen Aktien aufzubauen, namentlich Klaus Kaldemorgen von der DWS, Peter Huber von Starcapital und Celine Piquemal-Prade von Comgest (deren Fonds übrigens mMn zu Unrecht kaum bekannt ist in Deutschland. Die Manager beeindruckte vor allem die historisch extrem niedrigen fundamentalen Bewertungen.

Besonders ein Interview mit Piquemal-Prade fand ich sehr interessant seinerzeit. Die Managerin gab mir Einblicke in die enge Vernetzung Japans im asiatischen Wirtschaftskreislauf, die Marktführerschaft vieler kaum bekannter japanischer Unternehmen und die fundamentalen Bewertungen. Ein Drittel ihres globalen Aktienfonds steckte (und steckt bis heute!) in japanischen Werten. (Zum Interview bitte hier entlang)

Die Erholungstendenzen des japanischen Aktienmarkts machte dann die Katastrophe von Fukushima kurzfristig zunichte – und doch markierte das Unglück vielleicht doch einen Wendepunkt. Denn es sorgte mit dafür, dass sich Japan für einen radikalen Weg entschieden, hat, die Wirtschaft nach 20 Jahren anzukurbeln: Mit massenhaftem Gelddrucken und der damit verbundenen dramatischen Abwertung des zuvor starken Yen. 45 Mrd. Euro druckt die Notenbank nun umgerechnet pro Monat über die nächsten zwei Jahre, kauft Wertpapiere, assistiert der Regierung. „Abenomics“ nennt sich dieses Experiment nach dem regierenden Premierminister Shinzo Abe.

Und nun ist richtig Musik im japanischen Aktienmarkt – 75 Prozent Plus stehen für den Nikkei zu Buche seit letzten Herbst, und die gestern veröffentlichten Konjunkturdaten stützen den Weg: Um 3,5 Prozent wuchs die japanische Wirtschaft im ersten Quartal, getragen vor allem vom Konsum.

Ist so eine Bewegung nachhaltig? Und welche Rolle spielt überhaupt die Abwertung der Währung?

Der Reihe nach: Die Gelddruckorgie der Notenbank hat zunächst den gewünschten Effekt gehabt – der Yen verliert gegenüber anderen Währungen wie dem Dollar oder dem Euro an Wert, genauer gesagt: Über 30 Prozent binnen gut eines halben Jahres. Darüber freuen sich japanische Unternehmen, die exportieren – denn entweder steigen ihre Gewinne – oder sie werden wettbewerbsfähiger, wenn sie ihre Autos und Maschinen und Elektronikprodukte im Ausland verkaufen.

Warum das so ist, soll folgendes Rechenbeispiel illustrieren, wie die gewollte Abwertung des Yen die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Firmen beeinflusst: Seit Oktober des vergangenen Jahres hat der Yen je über 30 Prozent gegenüber dem Euro und dem US-Dollar abgewertet. Unterstellen wir, ein japanischer Autohersteller sei in der Lage, ein Auto für Vollkosten von 1,9 Millionen Yen zu bauen. Erlösen möchte er zwei Millionen Yen. Das entsprach im vergangenen Herbst gut 25.000 US-Dollar.

Nach der Abwertung sieht die Rechnung wie folgt aus: Verlangt der Konzern weiterhin 25.000 Dollar für sein Fahrzeug, entspricht das nach dem Tausch des Verkaufserlöses in die Heimatwährung heute 2,6 Millionen Yen – der Gewinn hat sich also etwa versiebenfacht. Gibt er sich mit hingegen mit dem kleinen Profit zufrieden, den er mit den zwei Millionen Yen erlöst, kann er das Auto im US-Dollar-Raum statt für über 25.000 Dollar für nur noch knapp 20.000 Dollar anbieten – und so die Konkurrenz aus dem Feld schlagen bei identischem Profit.

Unter dem Strich hat eine Yen-Abwertung um 10 Prozent historisch die Wirtschaft Japans so rund 0,3 Prozentpunkte beflügelt, wie die Analysten der österreichischen Raiffeisen-Bank vorgerechnet haben. Und unter dem Strich ist das übrigens auch kein Grund zum Jammern für deutsche Firmen, wie die Deutsche Bank errechnet hat.

Natürlich bergen derlei Abwertungsexperimente auch immense Risiken: Für die importierten Güter muss Japan mehr an heimischen Yen auf den Tisch legen, folglich steigen die Kosten der Firmen. Und die Abwertung nagt an den Kursgewinnen und hat seit Herbst aus Sicht eines deutschen Investors gut die Hälfte des Nikkei-Anstiegs aufgezehrt. Bei immer noch netto über 30 Prozent Plus brauch man aber nicht jammern. Und wie man es dreht und wendet: Bis hierher hat das Experiment der „Abenomics“ geklappt – Wirtschaftswachstum, Konsumentenvertrauen und natürlich auch Aktien steigen. Und zwar kräftig.

Man sollte meiner Meinung nach diese Rally nicht als Luftblase abtun. Und das aus mehreren Gründen

  • Gemessen am Substanzwert / Buchwert sind japanische Firmen keineswegs teuer. Und das weder im Vergleich zur eigenen Historie noch zu anderen Ländern, das Kurs-Buchwert-Verhältnis liegt bei rund 1,6 – und hier war ein „Abrutschen“ unter den Wert von 1 ein verlässliches Kaufsignal 2010/2011
  • Regierung wie Notenbank haben das Ziel, die Inflation auf 2,0 Prozent zu treiben. Zuvor betrug das Inflationsziel 1,0 Prozent, wurde aber jahrelang verfehlt. Wie hier in diesem Blog schon mehrfach geschrieben wurde – und wissenschaftlich unstrittig ist – zieht ein starkes Anziehen der Inflation auf Raten von acht Prozent und mehr p.a. in der Regel einen Kurseinbruch nach sich – weil man Aktien nur noch niedrigere Bewertungen zubilligt. Es gibt indes eine „Wohlfühlzone“ für Aktien, was die Inflation angeht – und das sind ziemlich genau jene 2,0 Prozent, die die Notenbank nun erreichen will. In diesem Bereich billigt man Aktien die höchste Bewertung zu historisch.
  • Japan hat schon erheblich länger Probleme mit seinem Bankensystem gehabt – und nach jahrelangem Zögern durchgegriffen. Vor knapp zwei Jahren wies mich der britische Fondsmanager Robert Brooke darauf hin, dass die Aktienkurse eines Landes auf lange Sicht sehr häufig eine Funktion des Kreditzyklus im jeweiligen Land seien (und dieser wiederum natürlich eine Funktion des Bankensystems). Er sah Japan hier am Ende eines rund 20jährigen Abwärtszyklus, während er Europa und den USA mit Blick auf Banken entsprechend noch 15 weitere Jahre in einem Prozess der stärkeren Regulierung, Bilanzverkleinerung und schrumpfender Kreditvergabe sah. (Zum Porträt hier entlang; allerdings ist der Part nicht enthalten).
  • Bislang wird die Rally des Nikkei-Index von Spekulanten getragen. Investoren zögern noch. Gut erkennbar ist das an der Fondsmanagerbefragung der Bank of America – hier sind die meisten Profis zuletzt in Japan noch immer untergewichtet gewesen.
  • Viele Firmen Japans sind Marktführer in ihren Gebieten
  • Wenn Asien weiter so fulminant wächst, ist das gut für Japan, denn das Land exportiert mehr als 50 Prozent seiner Waren in asiatische Länder

Nun muss man nicht studiert haben für die Erkenntnis, dass es ein gefährliches Experiment ist, mit massenhaftem Drucken von Geld Wirtschaft und Börse zu stimulieren. Und tatsächlich gibt es ein interessantes Indiz, dass der Weg nicht ungefährlich ist: Trotz des Aufkaufprogramms für Anleihen sind die Renditen japanischer Staatsanleihen (Maßstab: 10 Jahre Laufzeit) seit der Ankündigung der japanischen Notenbank, die monetäre Basis dramatisch auszuweiten, gestiegen, weil ihre Kurse gefallen sind. Optimistisch interpretiert heißt das, dass Akteure glauben, dass die Notenbank das Inflationsziel von 2 Prozent erreichen wird; entsprechend müssen auch die Renditen der Staatsanleihen etwas klettern, weil die Halter fürchten müssen, ansonsten stark negative Zinsen hinnehmen zu müssen. Pessimistisch interpretiert heißt das: Wenn die Renditen trotz des Aufkaufs steigen, hat die Notenbank womöglich die (gewünschte) Kontrolle über die Zinsen verloren – und auch weltweit klettern interessanterweise seit Wochen die Kapitalmarktzinsen leicht.

Nun gibt es hier in diesem Blog keine Tipps – und für jemanden, der in Aktien nicht investiert ist, wären japanische Aktien vermutlich ein schlechter Einstieg. Wer allerdings eine gewisse Affinität auch zu einer Aktienanlage hat, findet in Japan nun aber ein spannendes Betätigungsfeld – sowohl als Spekulant als auch Investor.

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From → Blog, SPIEGEL ONLINE

3 Kommentare
  1. Peter Ranning permalink

    Ich habe bereits Mitte bis Ende 2006 damit begonnen, über einen Sparplan mit monatlich festen Beträgen in einen Indexfonds auf den Nikkei225 zu investieren, Zu früh, wie ich im Nachhinein sagen würde, Und so sind noch einige Anteile in meinem Depot, die ich bei einem Index von 17.000 – 18.000 gekauft habe. Aber danach ging es abwärts und so gibt es eben auch viele Anteile, die sich – zu einem Kurs zwischen 8.000 und 10.000 eingekauft – inzwischen bald der 100% Gewinn-Marke nähern.

    Und auch wenn der Blick auf die kurzfristige Chartentwicklung (letztes Jahr) eher beängstigend wirkt, werde ich erst einmal „die Gewinne laufen lassen“ und vielleicht höchstens einmal einen kleinen Teil verkaufen. Dies aber eher, um den Anteil der Position im Gesamt-Depot nicht überproportional anwachsen zu lassen.

    Die im obigen Beitrag erwähnten Währungsprobleme (sehr anschaulich dargestellt an dem Beispiel des Autoherstellers!) entfallen übrigens bei einer Investition in den Nikkei-Index.

    Gruß, Der Privatier

  2. Das Timing dieses Beitrags kann nur als sensationell bezeichnet werden! Im Ernst: Dass eine derart fulminante Rally auch zu bösartigen Korrekturen führen kann, liegt auf der Hand. Ich habe privat ein wenig Geld in einem Fonds investiert (und bespare diesen monatlich), der rund 45% seines Vermögens in japanische Aktien gesteckt hat. Damit fühle ich mich weiter pudelwohl. Im Sinne der Transparenz: Dabei handelt es sich um den Warburg Value Fund. Über ein paar Nikkei-ETFs denke ich momentan nach, bin aber ansonsten nicht der Freund taktischer Geldanlage, das ist doch ein bisschen zu volatil alles derzeit.

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  1. Kleine Presseschau vom 21. Mai 2013 | Die Börsenblogger

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