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Wenn Indexfonds total versagen: Die Europa-Dividendenstrategie am (vorläufigen?) Tiefpunkt?

12. Juni 2013

Über Dividendenstrategien liest man fast immer nur gutes. Über Indexfonds auch. Also müsste die Kombination aus einem Indexfonds und der Dividendenstrategie eigentlich eine ganz gute Anlage sein. Theoretisch. Und praktisch? Entwickelte sich einer der einst populärsten Strategie-Indexfonds Europas – der Stoxx Europe Select Dividend 30 – in den letzten Jahren mit einem Wort: desaströs. Denn die Dividendenstrategie lotste Investoren „automatisch“ in die falschen Werte.

„Haste Sch*** am Fuß, haste Sch*** am Fuß“, kommentierte Fußballweltmeister Andreas Brehme einst einen schlechten Lauf seines Clubs. Und egal ob im Sport oder der Geldanlage – regelrecht Serien sind, im guten wie im schlechten, wahrscheinlicher, als man es intuitiv wahr haben will. Wofür es sogar an den Kapitalmärkten eine einfache Erklärung gibt – immer mehr Marktteilnehmer sind prozyklisch unterwegs, bekommen also die Panik, wenn die Kurse fallen und stürmen Risikopapiere, wenn es alle tun. Automatische Sicherungssysteme, die Verluste rasch begrenzen, verstärken den Trend.

Einen schier unglaublichen Negativlauf hat eine Strategie, die ich eigentlich sehr schätze – die regelbasierte Dividendenstrategie auf europäische Standardwerte, wie sie der Stoxx Europe Select Dividend 30 samt der zugehörigen Indexfonds praktiziert.

Das Prinzip ist einfach: In den Index wandern stumpf die 30 dividendenstärksten mittelgroßen und großen Aktien Europas, wobei eine Reihe von Kriterien dafür sorgen, dass keine Ausreißer in den Index aufgenommen werden: In den Index kommt nur, wer die Dividenden fünf Jahre nicht gekürzt hat und maximal 60 Prozent seines ausschüttungsfähigen Gewinns an Anleger auskehrt.

An sich eine plausible, einfache und disziplinierte Sache, und dass Indexfonds auf diesen Auswahlindex sich mit lediglich 0,3 Prozent Gebühren p.a. begnügen, macht die Sache für geduldige Anleger zusätzlich reizvoll. 2006 war der Indexfonds zeitweise der beste (!) Fonds Europas gemessen an Performance und Volatilität und erhielt einen „Fund Awards“ von Standard & Poor’s dafür. Und deutet nicht die Risikoaversion und der Riesenvorsprung der Dividendenrenditen vor den Anleihenrenditen auf eine Outperformance hin, die man erwarten könnte?

Allein – die Strategie funktioniert seit Jahren nicht mehr. In Zahlen sieht das Desaster gemessen an den reinen Kursentwicklungen wie folgt aus – 2009, im Jahr der großen Erholung, hinkte der Stoxx Europe Select Dividend 30 dem Gesamtmarkt (Stoxx 600) noch einen Prozentpunkt hinterher. 2010 waren es schon 3,5 Prozentpunkte,2011 dann 0,9 Prozentpunkte, 2012 dann 15 Prozentpunkte, im laufenden Jahr sind es nach lediglich fünf Monaten erneut 9,5 Prozentpunkte. Auf Fünfjahressicht schneidet die Dividendensstrategie 8,5 Prozentpunkte pro Jahr schlechter ab als der Gesamtmarkt, da nützen dann auch etwas höhere Dividenden nichts.

Die Gründe: Weil die Dividendenstrategie gemessen am Gesamtmarkt in jede „Falle“ getappt ist, die denkbar war: Zunächst waren im Index 2008/2009 besonders viele Banken und Versicherer vertreten, die allesamt brutal abstürzten, bevor sie aufgrund von Dividendenkürzungen ohnehin aus dem Index flogen (und sich anschließend wieder kräftig erholten). Später folgten Versorger, die nach dem Unglück von Fukushima abstürzten. Ein Dauergast im Index sind Telekommunikationswerte, die seit Jahren nicht vom Fleck kommen. Hinzu kommen Arbitrageure, die die Werte von Indexaufnahme kaufen.

Die Betrachtung zeigt klar die Grenzen mechanischer Strategien, zumal sämtliche Stoxx-Dividendenindizes auf Fünfjahressicht hinter ihren Pendants des Gesamtmarkts liegen, den man ja zu schlagen trachtet (wie übrigens auch der DivDax den Dax) Das gute Zahlenmaterial dazu ist hier frei nachzulesen.

Ich habe natürlich auch keine Ahnung, ob diese schwarze Serie der Dividendenstrategie nun in’s sechste Jahr geht. Wenn man mir nun allerdings eine Pistole an den Kopf halten würde und sagen würde: „Los, Kirchner, hier sind 1.000 Euro – wo investierst Du Sie: Stoxx 600, ein aktiver Dividendenfonds oder den Dividendenindexfonds??“ – ich würde vermutlich recht zügig: „In den Indexfonds!“ sagen, weil ich annehme, dass die Serie dann in den nächsten ein bis zwei Jahren tatsächlich mal reißen wird. (Was natürlich auch das Prinzip Hoffnung ist, denn, Disclosure: Ich bin zu einem sehr kleinen Teil seit ein paar Jahren schon in den Index investiert, und es ist der schlechtlaufendste Fonds meines Portfolios).

Aber jetzt verkaufen? Die durchschnittliche Dividendenrendite beträgt 5,8 Prozent, das Kurs-Gewinn-Verhältnis 10, das Kurs-Cash-Flow-Verhältnis lumpige 4,5 (in Worten: Vier Komma Fünf). Kann sich alles ändern, klar. Denn die Bewertung war auch schon VOR dem Absturz günstig, denn erst fielen die Kurse, dann die Cash Flows und Gewinne und Dividenden.Und steigen die Zinsen weiter, ist das für die hoch verschuldeten und im Index prominent vertretenen Versorger- und Telekomtitel vermutlich Gift.

Von der Strategie erhoffe ich mir aber letztlich auch nur ein wenig „Schutz“ vor Verlusten und würde mich auch schon zufrieden geben, wenn die Kurse langfristig mit der Inflation kletterten – also real um Null Prozent pro Jahr – und die Dividenden wenigstens konstant blieben. Da brauch es gar kein Wachstum, das wäre im zu erwartenden Börsenumfeld der kommen Jahre schon achtbar.

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3 Kommentare
  1. lollipopp permalink

    Der „Select Dividend“ Index wurde im April 2005 aufgelegt.
    Interessant ist deshalb auch wie er sich in der in der Zeit vorher „entwickelt“ hat und wie es nachher lief. Die Unterschiede sind frappieren und man fragt sich, ob die Index-Methodoligie anhand historischer Daten (vor 2005) nicht überoptimiert (Stichwort „overfitting“) wurde. Die gleiche Frage stellt sich auch beim DAX-Pendant der Dt. Börse – wobei dieser noch witzloser ist, weil er per Definition noch stärker mit dem DAX korreliert.

    • Ja, da gehe ich sehr stark von aus, dass überoptimiert wurde. In den Charts des Index ist beispielsweise der Einbruch 2000-2002 überhaupt nicht zu erkennen, stattdessen kletterte der Index munter weiter, da er ja mit den „Staubindustrien“ und dem methodischen Vermeiden der Blasensektoren optimal unterwegs war. Lediglich 2003 ging es dann mal zeitweise 20% runter. Aber ich erinnere mich genau, dass der Chart des Index 2005f rückblickend einem Wunder glich. Was zu einem weiteren Punkt führt: Eben weil der Index so verblüffend einfach gestrickt war und so einen leckeren Chart hatte, floss da richtig viel Volumen in die Indexfonds. Da waren sehr schnell Milliardensummen drin, denn der Index war 2004 oder 2005 – ich erinnere mich nicht mehr genau – besser als jeder andere aktive europäische Fonds. Dazu noch die Mittel, die dem Index folgen, ohne dass sie in den Indexfonds als AUM auftauchen. Jedenfalls brüstete sich mir gegenüber ein recht bekannter Fondsmanager seinerzeit (2006?) „off the record“, in seiner Abteilung sei es recht populär, mithilfe von Excel und Datastream binnen Minuten die Kandidaten für den Index zu identifizieren und den möglichen Auf/Abstieg schön vorab zu traden. Inzwischen ist das Volumen ja flöten, nehme aber an, auch das hat den Index zumindest zeitweise (wenngleich natürlich bei weitem nicht so viel wie die Value Traps Telco, Banken usw) einiges gekostet an Performance.

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