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Fanal am deutschen Zertifikatemarkt: Die RBS verabschiedet sich

14. Juni 2013

Im täglichen Nachrichtengewusel geht so eine Meldung schnell unter – dennoch war ich gestern bass erstaunt, als ich las, dass sich die Royal Bank of Scotland aus dem Zertifikatemarkt verabschiedet. Die Bank ist hierzulande  immerhin die Nummer 8 nach Marktanteilen. Was nach einem Nischenanbieter klingt. Tatsächlich war das RBS-Vorgängerhaus ABN Amro über viele Jahre ein Innovationstreiber im Zertifikatemarkt. Der Abschied lässt für die gesamte Zertfikatebranche nichts Gutes erahnen, denn die RBS war der größte Anbieter ohne eigenes Filialnetz.

Gleich ein Geständnis: Ich habe die Meldung nicht überprüft, aber sie klingt glaubhaft und ist undementiert: RBS macht Schluss mit dem Zertifikategeschäft. Wie in solchen Fällen in der Vergangenheit üblich werden weiter Kurse gestellt und findet sich womöglich auch Käufer für das ausstehende Volumen an Zertifikaten. Aber bei Käufen sollte man sich natürlich zurück halten. (Investierte finden hier modellhaft womöglich Hilfe.)

Der Schritt mag strategisch begründet sein und eher innerbetriebliche Ursachen haben, etwa, was die Rentabilität angeht oder den Wunsch, die Bilanzsumme zu verringen. Dennoch dürfte der Vorgang in diesen Tagen das Tischgespräch bei vielen Bankern sein.

Hintergrund: Die RBS war ein so genannter „Vollanbieter“, die alle Arten von Zertifikaten anbot. Vor allem aber war ihr Vorgängerinstitut – die niederländische ABN Amro, die in der RBS aufging  – in der Branche über viele Jahre lang ein Innovationstreiber, und das bei sinnvollen Produkten. ABN Amro forcierte schon Ende der 90er Jahre unter anderem das Geschäft mit einfach gestrickten Indexzertifikaten ohne Laufzeitbegrenzung und Gebühren, führte die so genannten „Turbos“ im Markt für Hebelprodukte ein (bei denen die Volatilität in der Preisbildung keine Rolle spielte) und war Vorreiter bei Rohstoffzertifikaten, und das lange bevor das große Gerede vom Superzyklus der Rohstoffe einsetzte.

Überdies war das Haus eine Talentschmiede und brachte zahlreiche Persönlichkeiten hervor, die in der Finanzszene Karriere machten. Aus journalistischer Sicht fand ich immer interessant, dass in dem Haus nicht die typischen stromlinienförmigen, blaubehemdeten und glattrasierten Banker mit gestelzter PR-Sprache am Werk waren, sondern auch Studienabbbrecher Verantwortung übernahmen, offen Selbstkritik geübt wurde und eine „Hands On“-Atmosphäre zu herrschen schien.

Dass das Zertifikategeschäft nun nicht mehr interessant ist für die RBS, bestätigt einen seit einer Weile laufenden Trend: In der Außendarstellung bemühen sich Emittenten, Verbände und sonstige Experten gerne daran, Zertifikate als Produkte für Selbstentscheider darzustellen – also Menschen mit hohem Fachwissen, die Anlageentscheidungen ohne Berater treffen. Und dabei oft auch bei Zertifikaten landeten.

Tatsächlich wird der Zertifikatemarkt produktseitig von Garantiezertifikaten und strukturierten Anleihen dominiert. Sie stellen rund 70 Prozent des Gesamtmarkts von knapp 100 Mrd. Euro. Und Garantiezertifikate sind klassische Vertriebsprodukte, nicht die Zertifikate, die sich ein klassischer Selbstentscheider aussucht – der greift eher zu Discount- und Bonuszertifikaten, deren Marktanteil aber sinkt.

Warum das so ist: Weil ein eigener Vertrieb in Filialen „kriegsentscheidend“ im Zertifikatemarkt ist: Betrachtet man die Marktanteile, so stellt man fest, dass die Nummern eins bis sieben im Markt allesamt über eigene Vertriebsnetze verfügen. Sie sind in der Lage, über hauseigene Filialen die Produkte an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Die RBS war/ist mit 3,6 Prozent Marktanteil der größte Anbieter ohne eigenes Netz in Deutschland.

Spinnt man die Entwicklung weiter und hat überdies im Hinterkopf, dass schon mit Sal. Oppenheim ein einst prominenter und großer Emittent ohne echten eigenen Vertrieb (das Private Banking mal außen vor) im Zertifikatemarkt hingeschmissen hat, dürften sich bald noch mehr kleinere Häuser ohne eigenen Vertrieb verabschieden: Zumal der Zertifikatemarkt insgesamt langsam, aber beständig schrumpft – um rund fünf Prozent alleine in den letzten zwölf Monaten, und das trotz der sehr starken Börsenentwicklung. Am Ende bleibt womöglich ein langweiliger Markt übrig, in dem Häuser mit eigenen Filialen munter Garantiezertifikate an die eigenen Kunden verkaufen (wofür, nebenbei bemerkt, auch Haftungsgründe sprechen – die Banken bevorzugen hauseigene Produkte, die sie kennen.)

Das ist insofern schade, als dass Zertifikate eine sehr schöne taktische Möglichkeit für gut informierte Anleger sind, Marktmeinungen umzusetzen und Renditen auch in schwachen Börsenlagen und bei sehr niedrigen Zinsen zu vereinnahmen. Ich kann jedem Anleger nur raten, sich ein klein wenig in die Materie einzulesen. HSBC stellt etwa kostenlose Informationsmaterialen zur Verfügung.

Es reicht vollkommen, sich auf die einfachsten Zertifikatekonstruktionen zu beschränken: Garantie, Bonus, Discount – das reicht. Indexzertifikate waren einst innovativ und praktisch, im Zeitalter der Indexfonds gibt es aber keinen Grund mehr, zu rechtlich unsicheren Indexzertifikaten zu greifen (es handelt sich um Inhaberschuldverschreibungen der Bank), wenn es inzwischen auf fast alle Indizes und Strategien Indexfonds mit konsequent voller Dividendenberücksichtigung gibt.

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3 Kommentare
  1. Wenn es denn wirklich ein „Fanal“ wäre, dass sich die RBS aus dem Zertifikatemarkt verabschiedet, dann wäre dies wirklich zu bedauern. Aber dann eben nicht wegen der RBS selber, sondern vielmehr wegen der angeblichen Signalwirkung und den Folgen für den gesamten Zertifikatemarkt.
    Aber ich habe da so meine Zweifel. Sicher hat(te) die RBS ihren Platz in diesem Segment, aber zu den wirklich wichtigen Emittenten hat sie für mich nie gehört. Das war bei ABN Amro in der Tat schon anders. Wie im obigen Artikel richtig beschrieben, war sie für mich lange Jahre DER Anbieter von Zertifikaten im Rohstoffsektor.

    Was mich ein wenig erstaunt hat, ist die Aussage, dass der Zertifkatemarkt insgesamt rückläufig sei. Ich habe mich zwar nie um konkrete Zahlen gekümmert, aber mein Eindruck war eigentlich immer umgekehrt. Nun ja – vielleicht war er ja falsch. Der Eindruck.

    Wenn ich bei mir selber einmal genau hinschaue, dann kann ich den Rückgang der Zertifikate allerdings bestätigen. War ich vor ein paar Jahren noch ein 100%iger Zertifikate-Fan, der schon fast alles andere aus dem Depot verbannt hatte, bin ich dann durch den Kollaps von Lehman Brothers doch etwas vorsichtiger geworden und schaue seitdem auch schon mal auf das Emittenten-Risiko.
    Naja – und Indexzertifikate muss ich auch nicht mehr haben. Wie im Beitrag schon richtig geschrieben: Da greife ich doch lieber zum ETF.

    Was ich aber nach wie vor zu schätzen weiß, sind Aktienanleihen! Wenn sie vielleicht auch nur selten die „Hammer“-Rendite bringen, so haben sie einen unschätzbaren Vorteil: Die Stückzinsen.

    Stückzinsen haben die tolle Eigenschaft, dass ich sie jederzeit dann kassieren kann, wann ich will. Ich muss nicht ein Jahr lang auf eine Dividende oder einen Bonus warten, die dann vielleicht doch nicht kommen. Und mit Stückzinsen kann man so wunderbar Steuern hin- und herschieben, wie ich das in meinem Artikel über die demnächst verfallenden Altverluste (siehe „http://der-privatier.com/altverluste-verfallen/“ ) kurz angedeutet habe.
    Und das breite Angebots-Spektrum liefert wirklich für jede Risiko-Klasse ein passendes Produkt. Angefangen vom Tagesgeld-Ersatz bis hin zum Zockerpapier ist alles dabei. Ausserdem gehören Aktienanleihen für mich in die Kategorie der einfach zu verstehenden Zertifikaten (solange sie sich nur auf eine Aktie beziehen und nicht auf undurchsichtige Körbe o.ä.) und im schlimmsten Fall bekommt man eine Aktie ins Depot eingebucht, die man vielleicht nicht wirklich haben wollte und die man dann wohl auch zu teuer eingekauft hat.

    Mein Fazit: Ich denke, uns werden die Zertifikate auch weiterhin erhalten bleiben. Insofern ist es zwar schade, wenn die Auswahl an Angeboten nun durch den Abschied von RBS etwas dünner wird, aber die Welt geht davon nicht unter.

    Gruß, Der Privatier

  2. Der Artikel ist wirklich sehr interessant. Ich habe mit in jüngster Vergangenheit ebenfalls mit dieser Thematik, vor allem mit den Zertifkaten beschäftigt. Aufgrund ihrer Beschaffenheit, können Zertifikate eine günstige und renditestärke Alternative zu den herkömmlichen Möglichkeiten der Geldanlage darstellen. Je nach Risikotyp kann auf unterschiedliche Zertifikatarten zurück greifen. Dieser Vorteil macht sie vor allem im Bereich der Retail-Produkte sehr beliebt. Im Gegensatz zu anderen Produkten, hier vor allem Fonds, darf man jedoch auf gewisse Risiken nicht vergessen. Die grundsätzlichen Risiken sind maßgeblich vom Zertifikatetyp abhängig. Ein Risiko betrifft jedoch alle – das Emittentenrisiko. Wenn man sich dessen Risiko bewusst ist, können Zertifikate als sehr gutes sowie auch renditestarkes Anlageinstrument dienen.

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  1. Kleine Presseschau vom 14. Juni 2013 | Die Börsenblogger

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