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Was genau ist eigentlich das Problem in China?

27. Juni 2013

An den Kapitalmärkten sind es selten die „erwarteten“ Probleme, die für scharfe Kursrückgänge sorgen, sondern eher diejenigen, die wenige auf dem Radar haben. Und so sorge ich mich auch mehr um die Rolle Chinas denn das nahende Ende des Anleihenaufkaufprogramms der Fed, das die Zinsen hat klettern lassen. Aus Anlass der doch etwas diffusen Nachrichtenlage rund um „faule Kredite“ einmal der Versuch der Klärung, wo genau das Problem mit Chinas Schattenbankensystem und Kreditausfällen liegt.

Das chinesische Banken- und Kreditsystems hat eigentlich zwei Probleme: Zum einen die völlig unglaubwürdige offizielle Zahlen und zum anderen der seit Jahren herrschende Anlagenotstand. Während die unglaubwürdigen Zahlen dafür sorgen, dass das wahre Ausmaß der Schwierigkeiten chinesischer Banken und Schattenbanken (dazu später mehr) kaum abzuschätzen ist, sorgt der Anlagenotstand dafür, dass das Geld auf Nimmerwiedersehen in teils groteske Projekte mäandert.

Fangen wir vielleicht so herum an: Die in Hongkong beheimateten Fondsmanager- und Fondsmanagerinnen reden „off the record“ schon mal Klartext, dass die offiziellen chinesischen Daten zu Inflation und Krediten und Ausfällen Nonsens sind – sie seien bestenfalls indikativ zu sehen.

Hinzu kommt, dass China eine „Vergangenheit“ hat in Sachen faule Kredite: Schon einmal, Ende der 90er Jahre, hatte China ein Problem mit den zuvor üppig vergebenen Darlehen. Die offiziell angegebenen Ausfallraten erwiesen sich als getürkt, doch die Trickserei hatte ein Ende, als das Land sein Bankensystem zum Beitritt in die Welthandelsorganisation WTO fit machen musste.

Selbst in den offiziellen Statistiken schwoll damals (2000) die Quote an faulen Krediten bei Banken auf rund 30 Prozent an, eine schwindelerregende Summe angesichts der Tatsache, dass schon mittlere einstellige Ausfallraten Banken ins Trudeln bringen können. Inoffiziell hielt man das aber schon damals für zu niedrig gegriffen, die Runde machte, dass rund 50 Prozent der Kredite faul waren.

Weil aber nicht sein kann, was nicht sein darf, löste man das Problem auf eine Art, die an die „quantitative Lockerung“ der vergangenen Jahre erinnert: Die Notenbank kaufte den Banken die faulen Kredite kurzerhand zum Nennwert ab, seinerzeit Darlehen über rund 250 Mrd. Dollar. Was die Banken sanierte.

Und welche Qualität diese Kreditforderungen hatten, zeigte sich bei der Verwertung: 2001 kamen gerade einmal 20 Prozent des Nennwerts zusammen (die Zahlen stammen, ohne, dass ich sie noch mal erneut prüfe, aus einem älteren FTD-Artikel von mir).

Kurzfristig war das Problem gelöst. Mittelfristig nicht, denn die Banken vergaben – zentral angewiesen, das Wirtschaftswachstum zu befeuern – weiter munter Kredite. Im Jahr 2006 warnte die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in einer Studie, dass chinesische Banken erneut 900 Mrd. Dollar an faulen Krediten aufgetürmt hätten. Die chinesische Notenbank tobte, und Ernst & Young zog die Studie wieder zurück – es hätte Rechenfehler gegeben, so die offizielle Begründung. Ein merkwürdiger Zufall angesichts der Tatsache, dass Prüfer ja eigentlich den Umgang mit genauen Zahlen gewohnt sind. Hier noch einmal zum Nachlesen die Quintessenz des Reports.  Und hier der Rückzieher.

Zwei Jahre später schließlich drohte China vom globalen Abschwung erfasst zu werden – ein zu niedriges Wachstumstempo fürchtet man aber in China, weil es soziale Unruhen schüren könnte. Daher pumpte man im Zuge eines gigantischen Konjunkturprogramms  über 2500 Mrd. Dollar in den Jahren 2008/2009 in die Wirtschaft, um das Wachstum über sieben bis acht Prozent pro Jahr zu halten.

Offiziell ist die Zahl der faulen Kredite noch immer bei nicht einmal einem Prozent. Bei inzwischen vervielfachten Kreditsummen, über die wir reden. Inoffiziell gehen die Schätzungen von 10 bis 30 Prozent aus. Das ist aber nur der „offzielle“ Teil des Kreditwesens. Wie groß der inoffizielle ist, lässt sich nur grob schätzen.

Denn: Nun schließt sich aber der Kreis zum Thema Anlagenotstand, denn zum einen unterliegen Banken auch in China trotz dieser immensen Kreditschübe Restriktionen bei der Kreditvergabe, zum anderen wissen viele Chinesen nicht, wohin mit dem Geld. Bei den Banken gibt es in der Regel geringere Anlagezinsen als die Teuerung auffrisst – eine Zutat, die schon zeitweise für einen irren Aktienboom und einen irren Goldboom gesorgt hat in China. Oder zum daddeln einlädt. Doch wir erinnern uns: Hohe Zinsen müssen ja irgendwie irgendwo auch verdient werden.

Das „Problem“ des Anlagenotstands lösten viele chinesische Städte und Kommunen auf kreative Art und Weise und nutzten es zugleich für sich aus: Sie gründeten Gesellschaften, die im wesentlichen das Ziel haben, die Gelder von Anlegern einzusammeln und als Kredit für größere Infrastruktur- und sonstigen Investitionsprojekte auszureichen. Erst einmal ist das eine Win-Win-Win-Win-Situation: Die Kreditquoten der Banken sind nicht gefährdet. Die Kreditquoten der Städte und Kommunen werden nicht überschritten. Die Anleger bekommen ein bisschen Extrarendite in Aussicht gestellt. Und nicht zuletzt stehen Menschen in Lohn und Brot, für die Kredite auch etwas zu erbauen.

Kleiner Haken: Irgendwann muss natürlich auch mal Geld zurück fließen, damit das Geld getilgt werden kann. Und vor allem: Einen rechten Überblick, wo genau das Geld hingeflossen ist, hat niemand, da China sehr lange beide Augen zugedrückt hat, wenn es um solche Zweckgesellschaften geht, deren Zahl auf über 10.000 geschätzt wird. Probleme haben alle, die in das System „eingezahlt“ haben – die Banken in Form offizieller Kredite, die faulen. Und natürlich auch Privatanleger, die in Zweckgesellschaften investiert haben. Banken droht eine Unterkapitalisierung, Investoren schwindendes Vermögen.

Nun ist das nur eine sehr oberflächliche Betrachtung, und Volkswirte haben gewiss auch gute Schätzungen darüber parat, wie groß denn der Schattenkreditmarkt ist und wie hoch eine Quote von faulen Krediten tatsächlich ist. Es geht mir aber auch im Kern nur darum, den ein oder anderen Leser zu sensibilisieren für drohende Probleme, und dass das Mammutprogramm für die Konjunkttur 2008/2009 noch ein langes Echo haben wird, liegt auf der Hand. Der erste „Zahler“ steht ja schon fest, es sind die Aktionäre, denn der chinesische Aktienmarkt kommt seit drei Jahren nicht aus dem Quark.

Mir fiel jedenfalls heute noch mal ein, mit welchem Argument der chinesische Notenbankpräsident 2011 Bedenken beiseite wischte, die faulen Kredite könnten ein Problem darstellen. Im Interview mit der „Financial Times“ meinte er: „„Jeder weiß, dass die Chinesen eine Tradition haben, ihre Schulden zurückzuzahlen, und sie sich nur leihen, was sie auch künftig zurückzahlen können.“Man darf gespannt sein.

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3 Kommentare
  1. Sehr interessante Sichtweise. Allerdings würde ich das Ganze etwas entspannter sehen, aufgrund der Tatsache, das keine Bank auch nur im geringsten in privater Hand ist und immer noch der Staat jedwede Bewegung überwacht. Ein Zusammenbruch würde die Innere Sicherheit gefährden und das ist immer noch Nummer 1 auf der KP Agenda. Brüchige innere Sicherheit kann nämlich ganz schnell den Zentralkomitee aushebeln.
    In Shanghai wurden jüngst 6 Menschen erschossen, ein sehr seltenes Ereignis in dem Land, aufgrund der Waffengesetze. Auslöser war neben der Tatsache das der Täter Choleriker war, ein Absturz seiner Börsen Investments. So etwas kann die KP gar nicht gebrauchen, weshalb es auch bisher noch zu keinem Platzen der Immobilienblase gekommen ist. Genau in der liegen die Großteile der privaten Investments und wehe dem, wenn die unter gehen…

  2. Das Problem Chinas hat noch einige Facetten mehr, z.B. die Demografie, Lohn/Preis-Spirale, die Bau-Blase sowie die Abwertung des Yen:

    http://www.kaufkraftschutz.de/china-vor-wirtschafts-und-finanzkrise/798

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  1. Kleine Presseschau vom 28. Juni 2013 | Die Börsenblogger

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