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Keine Lobby für die Aktie

1. Juli 2013

25 Jahre wird der DAX heute alt – und er ist eine Erfolgsgeschichte: Acht Prozent Rendite pro Jahr seit Auflage, und das über drei üble Crashs hinweg – wenn das mal keine Leistung ist. So richtig interessiert das aber niemanden. Warum gibt es hierzulande keine echte Aktienkultur? Warum ist die Zahl der Aktionäre so niedrig? Meine These dazu ist, dass es der Aktie einfach an guter Lobby fehlt. Ganz im Gegensatz zu allen Arten gebühren- und provisionsintensiver Finanzdienstleistungen wie Versicherungen und Fonds.

Dem gelegentlichen Leser dieses Blogs dürfte meine Affinität zu Aktien nicht neu sein. Wenn ich sage „Affinität“, dann heißt das, dass zum Beispiel ein guter Batzen meines Sparvermögens in Aktien angelegt ist. Dass ich der Meinung bin, viele Anleger könnten einen höheren Aktienanteil gebrauchen. Vor allem, dass mir die Näherung an Aktien ausschließlich von der Risikoseite her intellektuell schleierhaft ist. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Sparbuch, einer Bundesanleihe oder einer Aktie eines (fast) schuldenfreien, cash-flow starken, dividendenstarken, toll geführten Unternehmens, deren Produkte ich selbst schätze und kaufe – was gibt’s da zu überlegen, wenn die Bewertung halbwegs stimmt?

Ich gestehe natürlich jedem zu, dass Thema Bewertung und Risiko anders zu sehen, und vor allem weiß ich, dass manche Leute nervlich einer Aktienanlage einfach nicht gewachsen sind. Aber ist es nicht dennoch seltsam, dass ein langfristig fantastisch funktionierendes Produkt wie die unternehmerische Beteiligung über Aktien einen so schlechten Ruf hat? Dass das verbale „Draufdreschen“ auf die Aktie unter vielen Kommentatoren online so in Mode ist, wobei der Verweis auf die Telekom-Aktie nie fehlen darf?

Für die niedrigen Aktionärszahlen und den schlechten Ruf der Aktienanlage machen viele die Übertreibungen der Jahre 1999-2000 und die heftigen Verluste danach verantwortlich. Da ist natürlich etwas dran, ebenso wie an der Tatsache, dass sich bei vielen im Zuge der Finanzkrise die Vorstellung ins Hirn gebrannt hat, die Börse sein eine reine Zockerbude.

Ich glaube aber, dass in diesem Land die Aktie noch ein ganz anderes Problem hat: Die fehlende Lobby. Während in Frankfurt, Berlin und Brüssel hunderte Lobbyisten an den Parlamentariern zurren und zerren, den notwendigen Vermögensaufbau und die Vorsorge in ihre Produkte zu lenken, fehlt eine solche Lobby der Aktie. Lediglich das Deutsche Aktieninstitut tut mit begrenzten Mittel, was man so tun kann.

Und schlimmer noch: Die regulatorischen Entscheidungen der letzten Jahre haben die Position der Aktie nicht gestärkt, sondern geschwächt, weil Aufseher wie Politiker ein merkwürdiges Verständnis von Risiko haben. In der üblichen Rückwärtsgewandheit gelten Staatsanleihen und Bankeinlagen als gut & sicher, Aktien aufgrund der permanenten Kursfeststellung aber als riskant. Die Aktie hat für den Kapitalstock von Versicherern wie Banken relativ in den letzten fünf Jahren deutlich an Attraktivität verloren.

Auf Ebene der Privatanleger ist das am stärksten zu spüren. Hier hatte eine an sich sinnvolle Entscheidung – verpflichtend ein Beratungsprotokoll einzuführen, wenn es um Wertpapiere geht – aus meiner Sicht fatale, ja groteske Folgen: Berater meiden einfach jede Anlageform, die als riskant klassifiziert ist und ihnen ex post rechtliche Scherereien einbringen könnte. Würde ich genau so tun, alles eine Frage der Lenkungswirkung. Und so spielen Aktien oder Aktienfonds keine Rolle mehr und bringen Berater munter Bausparverträge, fondsgebundene Lebensversicherungen, Mittelstandsanleihen, Immobilienfonds und Eigentumswohnungen an den Mann bzw. die Frau. Seit Jahren fallen alle wichtigen Entscheidungen in Berlin seltsamerweise vorteilhaft für Versicherungslösungen bei der Geldanlage aus. Mir ist schon wieder fast die Zeitung aus der Hand gefallen, als ich las, dass beim Betreuungsgeld 15 Euro extra kassiert, wer sich das Geld nicht auszahlen lässt, sondern in einen Vorsorgevertrag mit einer Versicherung oder Bank steckt.

Besserung? Ist nicht in Sicht. Weit und breit nicht. Die jüngere Vergangenheit hat gezeigt, dass selbst ein Anstieg des DAX auf 8.000 Punkte bei Anleihezinsen unterhalb der Inflationsrate nicht dazu reicht, noch einmal ein wenig Aktienbegeisterung auszulösen. Im Gegenteil. Es gibt keinen Grund, warum das selbst bei 9.000 oder 10.000 Punkten anders sein sollte, erst recht nicht im aktuellen regulatorischen Umfeld.

Vielleicht an der Stelle noch ein Hinweis zum Thema „Sentimentanalyse“ – viele Kommentatoren leiten aus der Tatsache, dass die sehr guute DAX-Entwicklung an den meisten vorbei läuft insofern ab, als dass sie daraus Kurspotenzial ableiten. Nach dem Motto: Kaum jemand ist dabei, das ist ein guter Humus für eine weitere Aktienrally. Ich musste heute auch schmunzeln, dass die Deutsche Börse 25 Jahre DAX auch offenbar nur „innen drin“ in der Börse feiert, denn auf dem Börsenplatz war rein gar nichts los, außer, dass Fotografen und Kamerateams nach Motiven Ausschau hielten. Lediglich in der Fußgängerzone hampelte ein als „Supermann“ verkleidete Person herum, die den DAX symbolisieren sollte – und man konnte sich mit ihm fotografieren lassen.

Dass die fehlende Aktieneuphorie eigentlich ein Kaufgrund ist, das stimmt natürlich ein kleines bisschen, denn es laufen offenbar noch genug Leute herum, die Aktien künftig kaufen könnten. Ich glaube aber, dass in einem globalisierten Finanzmarkt es für die weitere Kursentwicklung des DAX nur eine untergeordnete Rolle spielt, ob deutsche Anleger stark in Aktien investiert sind oder nicht. Die „Kurse“ werden in den kommenden Jahren noch weniger als bisher von der Lust auf Aktien von Kleinstanlegern wie mir gemacht, sondern von der Risikofreude (oder Panik) großer Kapitalsammelstellen wie Staats- und Pensionsfonds.

Ein paar technische Gedanken noch zum Thema DAX in meinem aktuellen Stück für SPIEGEL ONLINE. Unverändert gültig: Eine nüchterne Bestandsaufnahme zum DAX. Und damit es nicht in Vergessenheit gerät: Happy birthday, DAX!

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From → Blog, SPIEGEL ONLINE

3 Kommentare
  1. Der Kreditzins, den Unternehmer für Investitionskredite an die Geschäftsbanken zahlen, besteht aus der Bankmarge und dem Guthabenzins, den die Geschäftsbanken an die Sparer zahlen. Die Bankmarge minus Risikoprämie (Kreditausfall-Versicherung) minus Personal- und Sachkosten ist der Gewinn der Geschäftsbanken vor Steuern, und der Guthabenzins der Sparer ist die Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins) plus Knappheitsaufschlag plus Inflationsaufschlag. Der Realzins (Sparer-Gewinn) ist der Guthabenzins minus Inflation.

    Die Liquiditätsverzichtsprämie ist zeitabhängig und erreicht bei langfristigen, ca. 10-jährigen Geldanlagen den vollen Urzins von etwa 4,5%, während der Knappheitsaufschlag durch das Verhältnis von Kreditangebot und Kreditnachfrage in der Volkswirtschaft bestimmt wird. Ist nach einem Krieg (umfassende Sachkapitalzerstörung) die Kreditnachfrage zur Finanzierung neuer Sachkapitalien (Häuser, Fabriken, Schiffe, etc.) deutlich größer als das Kreditangebot, steigt der Realzins für die Sparer um eine „Belohnung für Konsumverzicht“, weil in dieser Situation die Schaffung neuen Sachkapitals für die Volkswirtschaft wichtiger ist als der vorgezogene Konsum; und wenn kurz vor dem nächsten Krieg die Geldvermögen – und damit auch die (fast) spiegelbildliche Gesamtverschuldung – durch die fortlaufende Verzinsung soweit gewachsen sind, dass das Kreditangebot die Kreditnachfrage übersteigt, weil die Rentabilitätshürde des Urzinses der weiteren Vermehrung rentabler Sachkapitalien eine Grenze zieht, wird der Knappheitsaufschlag negativ und der Realzins für die Sparer vermindert sich um eine „Bestrafung für Investitionsverzicht“. Dies führt zu einer Verkürzung der durchschnittlichen Anlagedauer, weil der Realzins nun unter den vollen Urzins fällt, den die Sparer mindestens fordern, um ihre Ersparnisse langfristig zu verleihen. Aus mittel- bis kurzfristig den Geschäftsbanken überlassenen Ersparnissen können diese aber umso weniger Investitionskredite vergeben, für deren verzinste Zurückzahlung die Unternehmer etwa zehn Jahre benötigen. Die Geschäftsbanken haben mit immer größer werdenden Kreditausfall- sowie Fristentransformationsrisiken zu kämpfen und verlagern ihre Geschäftstätigkeit von der Investition auf die Spekulation (ironischerweise als „investment banking“ bezeichnet), um an Preisschwankungen zu profitieren, die wiederum umso größer und hektischer werden, je mehr die „Bestrafung für Investitionsverzicht“ den Geldkreislauf ins Stocken bringt. Am Ende gerät die Volkswirtschaft in eine Liquiditätsfalle, d. h. der Geldkreislauf – und damit die Arbeitsteilung – bricht soweit zusammen, dass die nächste umfassende Sachkapitalzerstörung unvermeidlich wird, damit es nach dem Krieg wieder eine „Belohnung für Konsumverzicht“ geben kann:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2012/07/der-zins-mythos-und-wahrheit.html

  2. Ich gehöre ja noch zu den Aktionären, die die „Geburt“ des DAX live miterlebt haben und die sich auch noch gut an die Zeit ohne den DAX erinnern können. Damals haben Zeitungen wie DIE WELT oder die FAZ ihre eigenen Indices berechnet und täglich veröffentlicht. Und es gab noch kein Internet. Damals hat mein Bankberater seine Charts noch mit Bleistift und Lineal selbst gemalt…
    Heute kaum noch vorstellbar!

    Viel hat sich seitdem geändert. An der Aktienkultur in Deutschland allerdings nicht. Es hat zwar immer mal wieder zarte Zuwächse, aber auch immer wieder herbe Rückschläge gegeben. Insofern kann ich dem obigen Beitrag nur zustimmen. Zwei Gründe für die fehlende Aktien-Affinität der Deutschen würde ich vielleicht noch ergänzen:

    Im Artikel wurde schon die Lobby-Arbeit der Versicherungsbranche und die Bevorzugung von Produkten wie Bausparverträge, fondsgebundene Lebensversicherungen, Mittelstandsanleihen, Immobilienfonds und Eigentumswohnungen bei der Vermittlung durch Bankberater erwähnt.

    Nunja – es ist eben immer eine Frage, ob jemand etwas damit verdienen kann. Und das ist bei den genannten Produkten immer der Fall. Sowohl Vermittler, als auch Anbieter dieser Produkte verdienen immer kräftig mit. Und das ist bei der Aktie nun einmal nicht der Fall. Hier gibt es niemanden, der an dem Handel verdienen könnte.
    Wer also sollte Interesse an einer Förderung haben ?

    Den zweiten Grund sehe ich – ich muss es leider sagen und meine Meinung wird dabei durch eine Vielzahl teilweise haarsträubender Kommentare (auch auf Spiegel-Online) bestätigt – in der mangelnden Bildung in finanziellen Fragen oder allgemein in wirtschaftlichen Zusammenhängen.

    Das ist aber auch kein Wunder, denn wer nicht gerade eine fachspezifische Berufsausbildung absolviert hat, bekommt weder in der Schule, noch in der Lehre und auch nicht in einem Studium mehr über finanzielle Zusammenhänge vermittelt, als alles, was über Zinsen und Zinseszins-Rechnung hinausgeht. Wobei letztere schon zur höheren Mathematik zählt und wohl nur den Studenten vorbehalten bleibt.
    Eine Aktiengesellschaft wird maximal als eine von vielen Unternehmensformen kennengelernt, deren Details sich aber niemand über die Prüfung hinaus merken will und muss.

    Wenn es eine Aktienkultur geben soll, müsste das Thema „Geld“ zum Unterrichtsfach werden. Es gäbe sehr viel zu vermitteln: Banken, Verischerungen, Anlage-Möglichkeiten, Risiken, Chancen, Inflation, Währungen, Aktien, Zertifikate, Optionen, Anleihen, vielleicht auch Themen wie Steuern etc.
    Jeder wird nach der Schule, nach der Lehre oder nach dem Studium in das Leben „entlassen“ und muss mit all diesen Fragen von heute auf morgen umgehen können, ohne auch nur einen blassen Schimmer davon zu haben, was „da draussen“ abgeht.
    Da ist ist es kein Wunder, dass sich die Menschen a) von unbekannten Dingen fernhalten und b) absonderliche Vorstellungen und Meinungen entwickeln.

    In diesem Sinne, auf die nächsten 25 Jahre DAX !

    Gruß, Peter Ranning (Der Privatier)

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  1. Kleine Presseschau vom 2. Juli 2013 | Die Börsenblogger

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