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Drei Thesen zur DAX-Rally, die vermutlich in keinem (anderen) Jahresausblick stehen

19. Dezember 2013

Es gibt etwas, was ich in meiner Elternzeit überhaupt nicht vermisse: Die Jahresausblicke der „Kapitalmarktprofis“ der Banken und Fondsgesellschaften. Vermutlich hätten die Experten einiges spannendes zu erzählen, wenn man sie nur ließe. Da aber ein Jahresausblick eher der Vertriebsunterstützung denn der sinnvollen Anlegerweiterbildung dient (und sich, nebenbei bemerkt, die nachrichtenarme Zeit gut überbrücken lässt medienseitig mit solchen Themen), gleichen sich die Ausblicke: Es wimmelt vor Chancen, Aktien haben fast immer so ungefähr 10 bis 15 Prozent Potenzial, Crashs drohen natürlich keine. Und natürlich ist „Stockpicking“ angesagt. Etwas anderes würde kaum durch die Filter der Finanzdienstleister nach draußen gelangen. Wo der DAX 2014 schließt, weiß ich leider (auch) nicht – biete aber hier drei kleine Thesen zur Anlagestrategie 2014 an.

These 1: Das deutsche Anlegersentiment spielt für den DAX 2014 überhaupt keine Rolle

Wer kennt die These der „Taxifahrer- und Dienstmädchenhausse“ nicht – sobald zu viele über die Börse reden, ist das Hoch nahe. Da kann was dran sein. Weshalb sich auch viele semiprofessionelle Anleger an „Stimmungsindikatoren“ abarbeiten, an der Put-Call-Ratio, am Anteil der Bullen und Bären an der Börse Frankfurt – oder schlicht der Frage, wie so über den DAX im Frendeskreis geredet wird. Das macht vielleicht alles Spaß und klingt so, als verstünde man etwas von der Sache, blöderweise juckt das den DAX überhaupt nicht. Dessen Kurse werden längst von ausländischen Investoren „gemacht“. Ob der DAX also auf 12.000 klettert oder auf 6.000 fällt, darüber entscheiden nicht die deutschen Kleinanleger und ihre Stimmung. Sondern Unternehmensgewinne, die Geldpolitik, das Zinsniveau, die Richtung der internationalen Kapitalströme, die Anlagepolitik der Versicherer und Pensionskassen. Man sollte sich also hüten, auf Basis eines wie auch immer erhobenen rein deutschen Stimmungsindikators grundlegende Anlageentscheidungen zu fällen.

These 2: Deutsche Anleger kehren nur dann in größerem Stil zur Aktienanlage zurück, wenn der DAX FALLEN, nicht aber, wenn er Richtung 10.000 und darüber klettern wird

Auch so ein typischer Spruch unter Finanzprofis: „Jetzt gucken alle zu, aber bei 10.000 stürmen diese blöden Kleinanleger dann wieder den DAX – wenn’s zu spät ist!“. Klingt plausibel. Ist aber Blödsinn. Das angeblich so prozyklisch-dumme Anlageverhalten der deutschen Kleinanleger lässt sich schon eine ganze Weile nicht mehr in harten Zahlen messen. Ich zitiere einmal einige Zahlen aus einer Recherche von mir aus dem Sommer 2012 (und habe auch in den jüngsten Bundesbank-Daten keine Trendwende gesehen):

  • Nach einigen mehr oder weniger unspektakulären Jahren verzeichneten Aktienfonds in Deutschland in den Jahren 2006 und 2007 Abflüsse von kumuliert 22 Mrd. Euro – rückblickend eine richtige Entscheidung, markierte doch der Sommer 2007 den Wendepunkt der jüngeren Börsengeschichte, mit dem Beginn der Finanz- und Schuldenkrise weltweit und einer dramatischen Talfahrt der Kurse. 2009 wiederum, bei deutlich tieferen Kursen von im Jahresschnitt 4900 Punkten, gab es dann mit 14 Mrd. Euro die höchsten Nettozuflüsse in Aktienfonds seit dem Jahr 2000.
  • Noch deutlicher wird das veränderte Anlageverhalten in einer verfeinerten Statistik der Bundesbank, die quartalsweise ermittelt, in welchem Umfang Privatpersonen Aktien erwerben: Im Crashjahr 2008 liquidierten sie zwar netto für 9,4 Mrd. Euro Aktien, nutzten jedoch die tiefen Kurse 2009 für Nettokäufe im Wert von 16,2 Mrd. Euro – allein 11 Mrd. Euro im ersten Quartal 2009, in dem der DAX mit Kursen zwischen 3600 und 4100 Punkten sein zwischenzeitliches Tief erreicht hatte.
  • Zahlen aus dem vergangenen Jahr belegen den Trend ebenfalls: Insgesamt ist die Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland laut dem Deutschen Aktieninstitut [deren Zahlen ich inzwischen mit Vorsicht genieße] im Jahr 2011 von 3,7 auf 4,1 Millionen gestiegen. Der Zuwachs fiel indes fast komplett in das zweite Halbjahr 2011 – also jene Periode, in der sich die Schuldenkrise ab August nochmals erheblich verschärft hat und die Kurse bis in den Dezember hinein auf Talfahrt waren.

Wir sehen: Im Zuge der nunmehr seit fast fünf Jahre laufenden Hausse waren deutsche Anleger gar nicht so prozyklisch, wie man glaubt. Natürlich bunkern sie immer noch hunderte Milliarden zinslos und verschenken somit Chancen. Sie wollen aber einfach auch nicht die dummen sein, die zu Höchstkursen einsteigen und beginnen erst nach einem kräftigen Rücksetzer das Nachdenken, ob sie sich neu engagieren wollen in Aktien. Ich glaube, ein DAX-Rutsch von 1.000 bis 2.000 Punkten wird dem Aktienabsatz eher einen Schub geben – nicht aber ein Anstieg in gleicher Höhe.

These 3: Von professioneller Seite können Anleger wenig hilfreiche Tipps zur DAX-Strategie erwarten

Ende November besuchte ich einen „Geldanlagegipfel“ in Frankfurt. Die Meinung der Experten auf der Bühne war recht eindeutig: An Aktien führe nun mal in diesem Umfeld der Niedrigzinsen kein Weg vorbei. Aber das sei ja auch in Ordnung, den Firmen ginge es blendend. Und weitere Anstiege seien gesund. Sagte der Deutsche-Bank-Stratege, sagten viele andere.

Ich musste schmunzeln. Denn vor zwei Jahren besuchte ich schon einmal einen Gipfel, der nannte sich damals „Fondsmanagergipfel“ und fand in Köln statt. Zwei Experten waren auf beiden Podien vertreten. Jedenfalls standen die Diskutanten seinerseits, im November 2011, kurz vor dem Sturz ins Schwert auf der Bühne. Ich versuche mal grob zusammen zu fassen, was Konsens war: Die Schuldenorgie werde die Staaten noch 10, 15, ja 20 Jahre prägen und sei eine riesige Bürde. Allenfalls Schwellenländer könnten frei strampeln, denn die seien ja finanziell weit besser dran. Und alle saßen da und schauten schwer verängstigt, denn: Die guten  Zeiten – rum! Auf Jahrzehnte. Einzig der Fonsmanager Christoph Bruns hielt damals „dagegen“.

Jetzt, zwei Jahre später und mit einem DAX, der annährend doppelt so hoch steht wie damals, nach der Draghi-Bazooka, ist die Aktie alternativlos, dafür aber die Stimmung wieder so gut, dass man im Trüben fischen kann (Nachranganleihen und Ramschanleihen waren schwer beliebt im Small Talk und auf der Bühne vor drei Wochen)?

Kein Wunder, dass der DAX in den letzten acht Jahren ganze zwei Mal tatsächlich im Korridor der optimistischsten und der pessimistischten DAX-Prognose von Analysten landete. Was man ja überhaupt erst mal schaffen muss! Die Ausblicke verführen schlicht zu einem prozyklischen Verhalten, das die wenigsten Privatanleger weiterbringt.

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