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Prokon ist weder ein Fall von Gier noch einer Verschwörung

12. Januar 2014

In den letzten 24 Stunden habe ich einige hundert Beiträge im Internet zur Causa Prokon gelesen. Der rote Faden der Diskussion ist der folgende: Kritiker halten Prokon-Investoren oft vor, gierig gewesen zu sein auf bis zu acht Prozent Zinsen. Viele überzeugte Prokon-Anhänger glauben hingegen, das Konzept könne ja aufgehen, gäbe es da nicht eine Kampagne von Medien, Banken, Stromkonzerne. Beide Punkte sind Unsinn.

Ich glaube, die allermeisten Menschen in diesem Land haben eine völlig falsche Vorstellung vom Inneren eines Medienbetriebs, also einer Zeitung oder Zeitschrift oder eines Internetportals. Vor ihrem geistigen Auge sehen sie Medien, in denen es Themen gibt, die tabu sind, die der Chefredakteur nicht lesen will oder gar Kampagnen, hinter denen Chefs oder gar ganze Verlage steckten. Die Causa Prokon ist derzeit ein Beispiel dafür: Ein beliebtes Argument von überzeugten Anlegern des Ökokonzerns ist, die Medien hätten das Ziel, Anleger zu verunsichern und Prokon zu zerstören, weil man den Interessen der Anzeigenkunden wie Banken und Strommultis folge. Oder die gar eine Kampagne steuerten mit dem Ziel, den aufstrebenden Prokon-Konzern zu zerstören.

Das ist natürlich Unsinn. Alleine schon deshalb, weil eine Verschwörung sowieso immer heraus kommt, sobald mehr als zwei oder drei Personen davon wissen. Es wäre ja schon wieder journalistisch reizvoll an sich (zum Beispiel für mich), genau eine solche Verschwörung offen zu legen unter Medien.

Die Theorie ist aber auch deshalb Unsinn, weil das oben skizzierte Bild vom Inneren eines Medienbetriebs Unsinn ist. Es mag gewisse „Blattlinien“ geben, politisch, auch geldpolitisch oder mit Blick auf die EU und die Schuldenkrise oder die Energiewende. Das ja. Und ich kann natürlich nicht für alle Medien sprechen.

Aber in meinen überschaubaren 15 Jahren, die ich bei diversen Blättern und Häusern zugebracht habe, hat noch nie – ich wiederhole: noch nie! – ein Vorgesetzter vor mir gestanden und mich gebeten, ein bestimmtes Thema nicht zu recherchieren, die Finger davon zu lassen oder mich auf eine Kampagne gegen ein Unternehmen zu setzen. Ganz im Gegenteil: Für kritische Recherchen aller Art gab es immer Rückendeckung, Zeit, Unterstützung. Selbst als ich noch kleiner Volontär war. Was sich in Internetforen zusammenfantasiert wird über Kampagnen und Verschwörungen ist einfach barer Unsinn. Ich schreibe das auch an die Adresse jener Prokon-Anleger, die dies fortwährend verbreiten, im Spiegel-Online-Forum Verleumdungsklagen gegen mich fordern und bin auf Wunsch auch gerne bereit, das mit Ihnen persönlich zu diskutieren, wenn Sie mich zu einer entsprechenden Veranstaltung einladen oder um eine schriftliche Stellungnahme bitten.

Es wäre schön, wenn diese Prokon-Anleger zumindest kurz auch mal drüber nachdenken würden, ob das alles wirklich Zufall ist, wenn sich das komplette Spektrum der Presse von links (TAZ) bis rechts (Welt), von Energiewendenkritikern bis Befürwortern, von werbeabhängigen Zeitschriften bis werbeunabhängigen Verbraucherschützern (Finanztest) kritisch mit Prokon auseinander setzt.

Umgekehrt ist auch ein ganz zentraler Kritikpunkt falsch, den man im Smalltalk, vielen Artikeln und Kommentaren gegenüber Prokon erhebt: Die Anleger habe die Gier in Prokon-Genussrechte getrieben. Ich glaube, sechs bis acht Prozent Zinsen sind schon einmal per se keine Rendite, die „Gier“ anspricht, zumal die Kapitalmarktzinsen ja auch erst seit vier Jahren wirklich im Keller sind (noch 2008 gab es problemlos fünf Prozent auf’s Festgeld, und Prokon gibt es auch schon seit 1995).

Vermutlich haben jene Kommentatoren, die Anlegern „Gier“ diagnostizieren aber auch noch keine Prokon-Informationsveranstaltung erlebt, die Herzstück des Prokon-Vertriebsmodells sind und zu denen man Interessenten zunächst gerne einlädt. Es geht in diesen Veranstaltungen nicht um dicke Prozente. Es geht darum, dass man dort ein Gemeinschaftsgefühl schafft bei der Geldanlage, und das kann der charismatische und gewinnende Prokon-Gründer und Chef Rodbertus ganz vorzüglich „für eine lebenswerte Zukunft“ – von seinem Vortrag bis zum Ende des Abends, wo er für jeden greif- und ansprechbar herumsteht und plaudert.

Ein Gemeinschaftsgefühl schafft man durch ähnliche Ziele – etwas gutes tun bei der Geldanlage, nämlich dreckige Stromerzeugung überflüssig machen. Ein Gemeinschaftsgefühl schafft man aber auch durch ähnliche Feinde: Banken, mächtige Stromkonzerne, sesselfurzende Politiker. Ein Gemeinschaftsgefühl schafft man durch eine ähnliche Vorgehensweise: (Vermeintlich) in Sachwerte zu investieren, die ich sehen kann, nicht in ein anonymes Konto, wo ich nicht weiß, wo das Geld landet. Es ist den Prokon-Anlegern extrem wichtig, Hallen sehen zu können und Windräder und Arbeitsplätze, die sie „mitfinanziert“ haben (obwohl sie ihnen rechtlich gar nicht gehören). Das ist quasi „das andere Ende“ eines anonymen Banksparbuchs. Und es ist ihnen wichtig, dass die Anlage im Wert nicht schwankt wie etwa Aktien.

Ein Gemeinschaftsgefühl schafft man, indem man sich auf Medien einschießt, die viele Leute nerven. So haben viele Anleger Kritik der Medien nicht als Warnung interpretiert, sondern diese hat sie in ihrer Haltung und Anlage noch bestärkt. Und ein Gemeinschaftsgefühl schafft man auch, indem man eben zusammen steht bei Schnittchen und Getränken und sich wechselseitig bestärkt, das richtige zu tun, greifbare „Partner“ zu haben, von der Geschäftsführung bis zum Mitanleger. Ich bin sicher, das Prokon-Modell hättte auch bei in Aussicht gestellten Zinsen von fünf Prozent lange Zeit hohe Mittelzuflüsse gehabt.

Den Anlegern also schlicht Gier vorzuwerfen, greift zu kurz. Ich muss leider noch ein weiteres, vermutlich gemein klingendes Urteil fällen auf Basis meines Eindrucks dieser Veranstaltungen (ich habe 2012 zwei besucht, ein Kollege zwei weitere): Die meisten (und nicht alle) Besucher dieser Veranstaltungen wirkten auf mich nicht so, also seien sie in der Lage, die Chancen und Risiken einer Prokon-Anlage vernünftig und über eben jene etwas diffuse „Gefühlswelt“ hinaus beurteilen zu können. Es waren viele ältere Menschen dabei (denen Prokon eine, so wörtlich, „Zuschussrente“ offerierte!), auch ganze Familien. Es ist für viele nun gewiss eine traurige Lage, die keinen Spott verdient. Keinesfalls hatte die Mehrheit Euro-Zeichen in den Augen.

Allerdings erklärt genau das auch, warum  von Prokon-Befürwortern nun wenige Fakten, sondern eben auch abstrakte  Argumente kommen, es sei doch alles in Ordnung, Vermögenswerte da, die Fakten auch, Prokon ganz transparent (übrigens fallen die intransparentesten Firmen stets dadurch auf, das Wort „Transparenz“ inflationär zu gebrauchen). Man muss es sich wirklich einmal vor Augen führen: Es gibt keine testierte, umfassende Konzernbilanz, aber das empfinden die meisten Anleger als unproblematisch und argumentieren, es seien doch „transparent“ die „Fakten“ da – genauer: Zahlen, die Prokon selbst „ermittelt“ hat (und die an sich schon entlarvend genug sind für das operative Geschäft!).

Und all dies erklärt auch, warum Prokon nun in seiner Verteidigungsstrategie die Lage so emotional auflädt und ein „wir müssen doch zusammen stehen“ verbreitet (und dabei überhaupt nicht auf die Idee zu kommen scheint, dass man selbst etwas verbockt haben könnte). Man muss sich das Schreiben wirklich mal in Ruhe durchlesen, es ist in all seinen Facetten ein unglaubliches Traktat, dessen Unverschämtheiten kaum in Worten zu beschreiben sind. Besonders bermerkenswert ist, dass Prokon stets argumentiert hat, das Geld der Anleger sei sicher, weil ja Vermögenswerte das eingezahlte Geld quasi „besicherten“. Nun heißt es in dem Schreiben, das sei doch nicht so sicher, weil man bei einem Verkauf gezwungen sein könnte, unter Marktwert zu verkaufen. Und das war also nicht vorher klar – oder hätte nicht entsprechende Maßnahmen erfordert, um genau für einen solchen Fall Vorkehrungen zu treffen? Aber lassen wir das….

Ich glaube jedenfalls auch nicht, dass Prokon ein auf Betrug ausgelegtes Unternehmen war oder ist. Wie in vielen ähnlichen Fällen auch ist man meiner Einschätzung nach mit hehren Zielen gestartet, stieß irgendwann auf Schwierigkeiten (Erträge unter den Erwartungen), die aber keine echten Probleme bereiteten. Es gab immer kleinere Kniffe – hier stille Reserven ausweisen, dort mal eben Laufzeiten verlängern – die das Bild verbesserten. Wir haben in einer „Capital“-Titelgeschichte darüber ausführlich berichtet, Prokon steckte ja schon einmal in Schwierigkeiten. Vor allem aber gab es lange Zeit einfach keinen Handlungsdruck, weil das Geld der Anleger nur so in die Kassen schoss. Der Druck, operative Probleme zu lösen oder Liquiditätsreserven für kurzfristige Mittelabflüsse aufzubauen oder Zinsen zu senken oder zwecks Erhöhung der Anlagefristen Fristenkongruenz herzustellen oder schlicht sich selbst zu hinterfragen – es gab ihn schlicht nicht. Dass die ersten echten größeren Abflüsse nun solche Schwierigkeiten bereiten, verwundert nicht.

(Sollte im übrigen jemand auch diesem Text zuviel These, zu wenige Fakten vorwerfen, hier und hier stehen exemplarisch die wichtigsten Erkenntnisse meiner Recherchen).

Ganz egal, wie die Causa Prokon ausgehen wird, kann man auch etwas über Geldanlage lernen. Ich glaube nämlich, dass die Art und Weise, wie Prokon Gelder eingesammelt hat – bankenunabhängig, in Sachwerten und Projekten investiert – Zukunft hat. Angesichts der Tatsache, dass das Image der Bankberater derart gelitten hat in den letzten Jahren (und kaum Erholungstendenzen zeigt), dass Versicherer immer größere Probleme haben und die Aktie auch im Jahr fünf des Bullenmarkts keinen größeren Zulauf hat, haben alternative Formen der Geldanlage beste Voraussetzungen. Erst recht in Zeiten niedriger Zinsen.

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4 Kommentare
  1. Albert Betz permalink

    Das ist doch mal ein vernünftig formuliertes Statement, dem nur noch ein paar ergänzende Fakten fehlen. So hat es Insider doch schon seit längerem verwundert, dass Gelder für „Beraterverträge“ von verantwortlichen Bediensteten in Behörden verwendet werden, die – oh Wunder – Windparks ausweisen oder genehmigen. Und in eben diesen Landkreisen bereits Millionen ausgegeben worden sind zum Bau dieser Windparks, obwohl die zuständigen Gemeinden dies ablehnen und ihre Bauleitplanung über die Dreistigkeit von Prokon verwundert nicht an diese anpassen mögen. Aber vielleicht sind das ja nur Einzelfälle eines ehrwürdig agierenden Überzeugungstäters, obwohl manche ja behaupten, man habe es mit einem Spieler zu tun, und wozu diese manchmal neigen, wisse man ja …….

    • Jochim Lohmann permalink

      Da Sie hier massiv den Vorwurf der Bestechung erheben, sollten Sie der Staatsanwaltschafr Roß
      und Reiter nennen, damit die beteffenden Bediesteten kein Weiteres Unheil mehr anrichten können mfg Lohmann

  2. AsLand24DE permalink

    Hello leute,

    es ist aktuell und interessant:

    Andreas Popp: „System vor dem Crash – Run auf Banken hat begonnen.“ DAF ! die Bananenrepublik

    …auch interessant:

    Andreas Popp hat Angst Montagsdemo komplett aus Berlin

    Jürgen Elsässer – Russlandfeindliche Politik schadet Deutschland

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    ZDF spricht Klartext: USA finanzierten bewaffneten Putsch in Kiew

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