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Was man bei „Hart aber fair“ vom Publikum lernen kann

28. Januar 2014

In der ARD-Sendung „Hart abert fair“ ging es am Montag um die „Gier-Falle – wer schützt uns vor Betrügern?“ und damit natürlich auch die Causa Prokon. Und wie in solchen Sendungen üblich hatten Redaktion und Moderator keine Scheu, ihre Voreingenommenheit in Themen rund um Geldanlage offen zur Schau zu stellen. Und bekommen dafür auch noch donnernden Applaus aus dem Publikum.

Eines der zentralen Güter des Journalismus ist seine Glaubwürdigkeit. Die leidet häufig dann, wenn jemand etwas liest, hört oder sieht in einem Gebiet, in dem er sich sehr gut auskennt (oder glaubt, gut auszukennen). Liest oder sieht er/sie dann Mist, wirft das unweigerlich die Frage auf, ob auch in den anderen Bereichen Mist produziert wird, in denen man es nicht beurteilen kann.

Ich nehme für mich in Anspruch, mich ein wenig im Bereich Geldanlage und Finanzmärkte auszukennen. Und vor diesem Hintergrund wundere ich mich über die Recherche und der Unterton vieler Dokumentationen, Talkshows und Verbraucherformate im öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit einer Weile. Ich habe inzwischen das Gefühl, es wird nicht mehr richtig recherchiert und aufgeklärt, sondern lediglich noch nach Darstellungformen gesucht, mit denen man das Publikum zufrieden stellen kann, unter folgenden Prämissen: Großkonzerne wie Amazon, Apple sind grundsätzlich böse, Banken noch böser, die Finanzmärkte fürchterlich, und Aktien keine taugliche Geldanlage – weiß doch jeder! Stattdessen möge man doch bitte Anleger vor jeder Form des Risikos schützen. (Es liegt auf der Hand, dass man für solche Darstellungen natürlich Applaus bekommt). Ein besonders krasser Fall war eine „Dokumentation“ über Blackrock vor zwei Wochen, in der schon der Titel keinerlei Zweifel am Inhalt aufkommen ließ.

Oder nehmen wir mal die gestrige Sendung „Hart aber fair“.

Los geht das Ganze schon mit dem Titel. Es geht um die „Gier-Falle“, und auch der ganze Verlauf der Sendung mit seinen unzähligen Einspielern legt nahe, dass natürlich jeder gierig sein muss, der nach acht Prozent Rendite strebt, die Prokon in Aussicht stellte. So ähnlich wird das ja auch seit drei Wochen munter geleitert. Und wie ich hier bereits mehrfach schrieb und gerne noch einmal wiederhole: Hätte sich die Redaktion eingehender mit Prokon-Anlegern beschäftigt, hätte sie schnell festgestellt, dass Gier nicht das zentrale Motiv der Prokon-Anleger war. Es passt aber natürlich schön ins Bild.

Geärgert habe ich mich nicht nur über diese Vereinfachung. Geärgert habe ich mich auch, dass schon gleich zu Beginn ein Anwalt – Klaus Nieding – mit erhobenem Haupt und strengem Blick sich als Unterstützer der armen Dame präsentieren darf, die bei Prokon 15.000 Euro angelegt hat. Es ginge nun drum, führte er aus, in der „Rangfolge“ nach oben zu klettern in den Forderungen. Nun ist Herr Nieding gewiss ein kompetenter Gesprächspartner, er hat in diesem ganzen Fall aber auch knallharte wirtschaftliche Interessen, was nicht zuletzt die eigens eingerichtete Seite http://www.prokon-anlagen.de/ illustriert.

Geärgert habe ich mich auch über den Moderator. An einer Stelle führt ein Diskutant – der Fondsmanager Christoph Bruns – aus, Diversifikation sei das A und O der Geldanlage. Und das wäre auch im vorgestellten Fall – eine Anlegerin hatte 15.000 Euro bei Prokon angelegt – gut und richtig gewesen. Es hätten ja unter Umständen auch 5.000 Euro in der Risikoanlage getan – und 10.000 hätte man sicher verzinst liegen lassen.

Was aber passiert? Zunächst grätscht der Moderator Frank Plasberg hinein: „15.000 Euro sind jetzt nicht die Beträge, mit denen Sie sich überhaupt beschäftigen“  – womit das alte Klischee aufgewärmt wird, ein Fondsmanager sei ein Milliardenjongleur und gute Geldanlagen nur etwas für Menschen mit sehr hohen Anlagesummen. Und fährt dann fort mit einer süffisanten Frage an die Prokon-Anlegerin: „Wie wollen Sie die denn streuen? Hätten Sie ’ne Idee, außer im Garten?“

Und das Publikum fängt an zu lachen. Es lacht so gut hörbar und lange, dass die Anlegerin nur die Schultern zuckt und den Kopf schüttelt – und die Diskussion geht weiter. Weil es scheinbar gar nicht nötig ist, eine solche „rhetorische“ Frage zu beantworten und man das Klischee einfach im Raum stehen lassen kann, das der Moderator in die Welt gesetzt hat.

Doch, Streuung ist möglich. Auch für 15.000 Euro. Das bekommt sogar die örtliche Sparkasse hin, und eine Honorarberatung oder ein einigermaßen finanziell gebildeter Mensch, wenn er es will, auch.

Wenige Minuten später darf Linken-Politiker Oskar Lafontaine loslegen. Er regt sich über die Macht der Banken in der Politik auf und schließt einen wütenden Vortrag mit dem Satz: „Solange Sie diesen mörderischen Prozess nicht durchbrechen, dass die Banken die Politik kontrollieren, solange werden Sie nie eine vernünftige Regulierung hinkriegen“ – und an dieser Stelle gibt es den zumindest für mein Empfinden lautesten Applaus der ganzen Sendung, er ist so laut und anhaltend, dass die Kamera das Publikum ins Bild nimmt, wo unter den meist jungen Menschen sichtbar Zufriedenheit herrscht, dass man es endlich ausgesprochen hat.

Das amüsante ist: Es ist ein Satz, der auch von Carsten Rodbertus, dem Prokon-Chef stammen könnte. Denn dessen Spezialität in Rundbriefen und Informationsveranstaltungen ist seit Jahren, sich über Banken und ihre Macht aufzuregen. Und es ist ein Satz, der ziemlich treffend beschreibt, was Prokon möglich gemacht hat: Nicht die Gier, sondern die Lust, Geldanlage ohne Banken zu betreiben. Dafür gibt es ein dankbares Publikum – und eine Menge potenzielle Anleger. Schade, dass darüber in der Sendung gar nicht diskutiert wurde.

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4 Kommentare
  1. Ich kann obigem Beitrag nur zustimmen!

    Mir geht es schon geraumer Zeit genau so, dass ich mich über Fernseh-Sendungen, die eigentlich der Aufklärung und Information dienen sollten, nur noch ärgern kann.
    In erster Linie über die Zeit, die ich dann mal wieder vergeudet habe.

    In der angesprochenen Sendung der Reihe „Hart aber Fair“ habe ich mich am meisten über den Moderator geärgert, der wirklich aber auch jeden Ansatz eines vernünftigen und weiterbringenden Beitrages von einem der Diskussionsteilnehmer sofort im Ansatz erstickt hat.
    So wäre es durchaus für den in Finanzfragen vielleicht nicht ganz so bewanderten Zuschauer einmal interessant gewesen, die Vorschläge des Fondsmanagers zur Streuung von Investment zu hören.
    Die Aussage von Hrn. Plasberg, man könne einen Betrag von 15.000 Euro höchstens im Garten verstreuen, habe ich nicht nur als falsch, sondern in erster Linie als höchst überheblich und abwertend gegenüber der betroffenen Anlegerin empfunden.

    Selbst der mehrfache Versuch von Oskar Lafontaine, seinen TÜV für Geldanlagen zu erläutern, konnte kein Gehör finden. Allerdings habe ich auch starke Zweifel, ob hier wirklich ein brauchbares Konzept vorhanden ist. Umso mehr wäre ich an Details interessiert gewesen.
    Und auch die wiederholten Versuche des Fondsmanagers und des Politikers, darauf hinzuweisen, dass ein Anleger ein mündiger Bürger sei und für sein Handeln auch eine gewisse Selbstverantwortung zu tragen habe, konnten kein Gehör finden.

    Aber ich denke, genau dies (die Selbstverantwortung) ist auch der entscheidende Punkt, der bei allen Beteiligten immer mehr in den Hintergrund rückt. Heute ist eher üblich, bei wirklich jedem Missgeschick, dass einem im Leben widerfährt, zunächst einmal zu fragen, wen man denn dafür verantwortlich machen könnte.
    Niemand kommt mehr auf die Idee, dass die Ursache vielleicht auch eine eigene Fehleinschätzung und unbedachtes oder falsches Handeln sein könnte.
    Und Schuldige sind je nach Sachlage immer schnell gefunden: Mal sind es die Banken, dann ausbeuterische Unternehmen, der raffgierige Staat und unfähige Politiker sowieso und wenn einem gar nichts einfällt: „Das System!“

    Ein bisschen mehr Bereitschaft, die Konsequenzen des eigenen Handelns auch mal wieder selber zu tragen, wäre schon wünschenswert.
    Dazu muss mal allerdings erst einmal in der Lage sein, sich über die Konsequenzen möglichst im Vorfeld auch klar zu werden.
    Und dazu wären dann informative und weiterbildende Fernsehbeiträge sicher sehr gut geeignet. Die Sendung „Hart aber fair“ gehört für mich nicht in diese Kategorie.

    Gruß, Der Privatier

  2. Beim der Blackrock-Doku hab ich mich auch nicht ausgekannt: ist nun Blackrock direkt an diesen (teilweise zurecht kritisierten) Unternehmen beteiligt oder über die von ihnen verwalteten Fonds, die auch hinter jeder beliebigen fondsgebundenen Versicherung stecken könnten, beteiligt.

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  1. Kleine Presseschau vom 28. Januar 2014 | Die Börsenblogger

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