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Kauft die Luschenländer!

14. Februar 2014

Was ist die einfachste Strategie, um mit Schwellenländeraktien Geld zu verdienen? Ganz einfach: Man kaufe nicht Aktien aus den Ländern mit dem höchsten erwarteten Wirtschaftswachstum, sondern mit dem niedrigsten Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit. Ich hatte diese ebenso simple wie wirkungsvolle (und in der Praxis meist umgekehrt, also völlig falsch praktizierte) Strategie schon mehrfach angerissen – das neueste „Yearbook of Investment Returns“ der Credit Suisse belegt das ganze noch mal mit beeindruckenden Zahlen: Aus 1.000 Dollar wären so binnen knapp 40 Jahren rund 12 Millionen geworden.

In diesem Jahr widmen sich die Credit-Suisse-Kapitalmarktforscher in ihrem stets spannenden Jahrbuch ausführlich den Schwellenländern, die jüngst für gewisse Ängste sorgten. Eigentlich läuft das Spielchen wie immer – ich erinnere mich noch gut an die Jahresausblicke auf 2011 oder 2012, als man Anlegern nahelegte, bloß in Schwellenländer zu investieren, wo die Schulden viel niedriger und das Wachstum viel höher sei als in den Industrieländern. Letztlich war das keine so clevere Strategie, der Masse zu folgen.

Die Credit-Suisse-Forscher legen nun noch einmal nach. Und haben auf Basis ihrer bis 1900 zurück reichenden Datenbank noch mal errechnet, wie denn die Aktienmärkte der Schwellenländer und der entwickelten Länder seit damals gelaufen sind. Ergebnis: Die Risiken und Volatilitäten der Schwellenländer (die übrigens noch bis Anfang der 80er weniger optimistisch „weniger entwickelte Länder“ genannt wurden) wurden auf lange Sicht nicht adäquat honoriert. Aus einem im Jahr 1900 in Schwellenländeraktien investierten Dollar wurden bis heute 3400 Dollar (ein Luxusproblem, zugegeben). Aus einem in entwickelte Länder investierten Dollar hingegen 9200 Dollar. Vor allem die 40er, 80er und 90er Jahre sorgten für diese „Underperformance“. Insgesamt entwickelten sich Schwellenländeraktien aber in der 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts unter dem Strich leicht besser als die Industrieländeraktien.

Der weitaus interessanteste Punkt der Betrachtung der Credit-Suisse-Forscher findet sich etwas versteckt in der Studie auf Seite 14. Sie haben getestet, welchen Ertrag verschiedene Strategien in den letzten 110 Jahren in den Schwellenländern gebracht haben, also etwa in die stets dividendenstärksten, momentumstärksten Werte oder in die Länder mit dem höchsten Wirtschaftswachstum zu investieren.

Nimmt man das vergangene Wirtschaftswachstums als Maßstab – also das in den fünf Jahren vor einem jeweiligen Betrachtungsjahr – so erwirtschaftete man ab 1976 (hier setzt eine vernünftige, breite Datenverfügbarkeit ein) bis heute mit Aktien aus den Schwellenländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum in den Vorjahren eine jährliche Rendite von rund 14 Prozent. Steckte man sein Geld aber in Aktien jener Länder, die das niedrigste Wirtschaftswachstum in den Vorjahren aufwiesen, betrug die Rendite rund 28 Prozent pro Jahr. Der Mut zur Antizyklik wurde also reich belohnt, während man viel Geld liegen ließ, wenn man auf die Sieger von Gestern setzte.

Mit anderen Worten: Mit den wachstumsstärksten Schwellenländer der Vergangenheit hätte man seit 1976 aus 1.000 Dollar 145.000 Dollar gemacht (die Zahlen machen einen verrückt, oder?). Mit den wachstumsschwächsten hätte man hingegen aus 1.000 Dollar 11,9 Millionen Dollar gemacht (diese Zahlen machen einen noch verrückter, oder?).

Ich hatte darüber schon mal geschrieben, seinerzeit auf Basis aller Länder und nicht dezidiert der Schwellenländer, finde das Ergebnis aber so frappierend und so entlarvend für den Marketingunsinn, man müsse dem hohen Wirtschaftswachstum folgen, dass ich es eigens noch mal gesondert aufschreiben wollte! Eine womöglich einfache Erklärung: In Ländern mit sehr niedrigem Wirtschaftswachstum in der Vergangenheit liegt viel in „Trümmern“ und gibt es Aktien meist zu Schleuderpreisen. Mit den in meinem Artikel beschriebenen Ländern hat das ganze 2013 übrigens sehr gut funktioniert, die griechischen Aktien haben ein fulminantes zweites Halbjahr 2013 hingelegt (Disclaimer: Ich bin nicht investiert).

Wer sich selbst ein wenig als Analyst betätigen und antizyklische Investmentchancen sucht: Das geht mit Grundkenntnissen in Excel sehr einfach und schnell mittels der Daten des Internationalen Währungsfonds hier. (Wobei ich ausdrücklich auf die damit verbundenen Risiken hinweisen möchte und diese Strategie allenfalls für „Spielgeld“ empfehlen würde…)

 

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5 Kommentare
  1. Fabian Fritzsche permalink

    „Mit den in meinem Artikel beschriebenen Ländern hat das ganze 2013 übrigens sehr gut funktioniert, die griechischen Aktien haben ein fulminantes zweites Halbjahr 2013 hingelegt (Disclaimer: Ich bin nicht investiert).“

    Ja, aber 2011 und 2012 nicht, obwohl auch da bereits die Vorjahre (hinsichtlich BIP) schlecht waren. Wer damals eingestiegen ist, liegt immer noch deutlich im Minus. Vielleicht funktioniert das also im Durchschnitt – eine so lange Rezessionsphase wie derzeit in GR ist ja eher selten – aber vermutlich nicht in jedem Einzelfall.

    Zudem muss vermutlich beachtet werden, dass die EM in der Vergangenheit gar nicht so einfach handelbar waren und wenn mit höheren Kosten. Diese Einschränkungen gibt es heute nicht mehr ganz so ausgeprägt, aber auch heute kann nicht jeder institutionelle Investor, der grundsätzlich Aktien kauft, beliebig in EM investieren. Je mehr aber die „Handelsbarrieren“ fallen und sich die Kosten angleichen, desto weniger wird es möglicherweise derartige Muster geben.

  2. Hallo, entscheidend sind ja (s.o.) die vorangegangenen FÜNF Jahre, nicht einzelne Katastrophenjahre. Griechenland ist, wenn ich es richtig erinnerlich habe, tatsächlich auch erst per Anfang 2012 in den Kreis der Länder gerutscht, die das schlechteste Wirtschaftswachstum der vorangegangenen fünf Jahre hingelegt hatten (ich hatte die aktualisierte Rechnung seinerzeit mal für bzw. in der CAPITAL gemacht, ich meine, ein Land wäre noch schlechter gewesen). Hat damit aber ganz gut funktioniert, denn der Athex-Index hatte zum Jahresultimo 2011 schon fast „auskorrigiert“ mit 650 Punkten (kommend von über 5000 Punkten); es ging dann noch mal ein bisschen tiefer, jetzt sind wir dennoch bei 1300 Punkten.

    Das Argument der Handelbarkeit (das kritisierten auch einige auf Twitter) ist gewiss richtig. Und ganz klar: Einen solchen „First Mover Advantage“ wird es nach drei Jahrzehnten Globalisierung und Liberalisierung nicht mehr geben, das ist nicht reproduzierbar.

    Ich hoffe aber, das ist auch nicht falsch rüber gekommen: mir ging es auch nicht darum, die Strategie als Weg zur Vervielfachung darzustellen, das Ende war eher augenzwinkernd gemeint; vielmehr ist mir wichtig, zu verstehen, wie wichtig bei der Aktienanlage unbequeme und antizyklische Entscheidungen für den Anlageerfolg sind – WENN man denn taktiert.

  3. Fabian Fritzsche permalink

    „Hallo, entscheidend sind ja (s.o.) die vorangegangenen FÜNF Jahre, nicht einzelne Katastrophenjahre.“

    Klar, aber einzelne sehr schlechte Jahre ziehen ja den 5-Jahresschnitt vermutlich merklich nach unten.

    „Griechenland ist, wenn ich es richtig erinnerlich habe, tatsächlich auch erst per Anfang 2012 in den Kreis der Länder gerutscht, die das schlechteste Wirtschaftswachstum der vorangegangenen fünf Jahre hingelegt hatten“

    Echt? Kann ich kaum glauben. Schaue ich morgen mal nach. Wenn ich es richtig im Kopf habe, lag das BIP Ende 202 bereits 20% unter dem Vor-Krisen-Hoch.

    „ich hoffe aber, das ist auch nicht falsch rüber gekommen: mir ging es auch nicht darum, die Strategie als Weg zur Vervielfachung darzustellen“

    🙂 Alles ok. Ich bin nur grundsätzlich skeptisch, ob systematisch ein „Anlageerfolg“ erzielbar ist in dem Sinne, dass man den Markt regelmäßig schlägt.

    Schönen Abend noch.

    • Jetzt hat mir die Sache mit den Flopländern doch keine Ruhe gelassen und ich habe noch mal in die IWF Datenbank geschaut ;-).

      Nimmt man einfach die Veränderung punktuell, also reales GDP 2010 vs. reales GDP 2005, 2011 vs. 2006, 2012 vs. 2007 und 2013 vs. 2008, so sehen die fünf Flopländer im jeweiligen Jahr so aus (absteigend vom fünftschlechtesten zum schlechtesten). Zu beachten: Ich schaue ja jeweils am ENDE des nun genannten Jahres hin und schaue, was ich für das Folgejahr kaufe.

      2010: Irland, Bahamas, San Marino, Großbritannien, Island
      2011: Großbritannien, Bahamas, San Marino, Island, Libyen
      2012: Großbritannien, Griechenland (hier erstmals drin), Irland, San Marino, Island
      2013: Ungarn, Slowenien, Irland, San Marino, Griechenland

      Selbst wenn man es „glättet“ und die durchschnittliche prozentuale reale GDP-Veränderung der jeweiligen fünf Jahre zuvor heranzieht und dann sortiert, taucht Griechenland auch erst 2012 erstmals im Keller auf. Auch wenn das statistisch natürlich, äh, grenzwertig ist.

      2011 Georgien, Irland, Djibouti, San Marino, Mexiko
      2012: Lettland, Griechenland, Antigua, San Marino, Libyen
      2013: Kroatien, Lettland, Antigua, Griechenland, San Marino

  4. Ich glaube, die Skepsis ist in den meisten Fällen berechtigt – in diesem Falle würde ich aber glatt einen „draufsetzen“ und behaupten, dass man mit einer antizyklischen Strategie (im Sinne von: Verliereraktien, Verlierersektoren, Verliererländer) sogar mit einer HÖHEREN Wahrscheinlichkeit den Markt schlagen wird als in den vergangenen 20-30 Jahren. Wenn auch nicht in dem dramatischen Ausmaß wie in dem Beispiel. Der Grund ist, dass einfach enorm viel Geld passiv in Indexfonds oder in Fonds fließt, die so tun, als wären sie aktiv, in Wahrheit aber auch nur sehr eng am Index investieren. Die gängigen Indizes sind fast alle kapitalgewichtet – und damit schwimmt die große Masse schon mal automatisch „prozyklisch“ durch die Gegend. Dieses System verstärkt sich selbst. Vermutlich kann man die Gewichtung etwa eines DAX-Fonds oder eben des MSCI Emerging Markets auch einfach würfeln und wird damit den DAX bzw. den MSCI EM schon schlagen auf Sicht von 10 Jahren! Siehe auch hier: http://www.spiegel.de/wirtschaft/service/warum-zufallsauswahl-bei-aktien-fondsmanager-schlaegt-a-893572.html

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