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Der Quatsch mit dem „Chart of doom“ – oder: Wie man mit Charts lügt

20. Februar 2014

Seit Tagen herrscht helle Aufregung auf Twitter und in vielen Finanzmedien: Ein schauriger Chart zeigt auch für Laien gut erkennbar Parallelen in der Kursentwicklung des Dow Jones-Index in den Jahren 1928-1930 und 2012 bis heute. Der Chart suggeriert, dass wir kurz vor einem dramatischen Kurssturz wie einst im Oktober 1929 stehen. Ich habe mir die zugrunde liegenden Daten mal angesehen – und festgestellt, dass man den „Chart of doom“, wie er genannt wird, bestenfalls als Volksverdummung, schlimmstenfalls als Manipulation bezeichnen kann.

Fangen wir einfach an: Wo kommt der „Chart of doom“ eigentlich her, der uns den baldigen Absturz der Kurse und vielleicht der Banker aus dem Fenster wie einst 1929 nahe legt? Wenn meine (zugegeben oberflächliche) Googelei richtig war, hat ihn der Analyst Tom DeMark erstmals „gebastelt“, eine Publikation im McClellan Marktreport in den USA hat ihn dann bereits im November 2013 so richtig populär gemacht.

Auf dieser Seite hier ist der Chart in seiner Version von November 2013 auch zu sehen.

Ich habe mir mal die täglichen Indexschlussstände des Dow Jones einmal „gezogen“ (das geht übrigens kostenlos und bis 1896 zurück hier). Und geschaut, wie denn die Parallelen der Jahre 1928-1930 und 2012-2014 aussehen.

Würde ich nun gerne mit einem Beitrag ein wenig Angst schüren, weil ich sowieso seit Jahren skeptisch bin, was Aktien angeht, würde ich den Chart auf Basis der Daten wie folgt reproduzieren und ein wenig über die Parallelen philosophieren.

doom_1

(Man bekommt die Parallelen durch ein bisschen Spielerei bestimmt noch frappierender hin, doch dazu gleich mehr).

Wenn Sie, liebe Leser, den „Chart of doom“ irgendwo sehen, achten Sie bitte genau auf die Beschriftung der X-Achse, also dem Zeitverlauf horizontal. Hier geht’s schon los, dass manche zwecks Konstruktion einer Parallele den Chart im Januar 1928 „loslaufen“ lassen, andere im Mai, andere im Juni. Denn blöderweise hätte es in früheren Versionen schon im Januar 2014 übel rappeln müssen. Also muss man „vorne“ (im Jahr 2012) kürzen, damit man „hinten“ (aktuell, im obigen Chart in der roten Linie) Zeit gewinnt, bis es dann aber wirklich kracht. Der Chart wandert dann gewissermaßen etwas nach links. Meistens steht überhaupt nichts genaues dabei, nur ein grobes Jahr („2012“ zu Beginn z.B.).

Das ist aber eigentlich noch zu verschmerzen, zumal es für eine gewisse Stauchung sogar einen Grund gibt: In den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts wurde an fast 300 Tagen im Jahr gehandelt, heute nur an gut 250. Lassen wir auch beiseite, dass der Dow Jones vollkommen antiquiert berechnet wird und Unternehmen mit einem nominal hohen Aktienkurs in Dollar den Index stark beeinflussen, ganz unabhängig von ihrer tatsächlichen Marktkapitalisierung – und die Kursentwicklungen schon daher bestenfalls als grobe Indikation dienen und Parallelen im Feinen reine Zufallsprodukte sind.

Die eigentliche technische Sauerei ist die Skalierung der beiden Achsen, die allen „Charts of Doom“ gemein ist. Eine Veränderung um einen Punkt oder um ein Prozent auf dem Chart aus den 20er Jahren entspricht so optisch nicht einer Veränderung um einen Punkt oder um ein Prozent in dem Chart der letzten zwei Jahre.

Konkret: Der Chart suggeriert dem eiligen Leser, dass wir in den vergangenen Jahren einen Kursanstieg gesehen haben, der das gleiche Ausmaß und einen ähnlichen Verlauf genommen hat wie 1928 und 1929 unmittelbar vor dem Crash im Oktober 1929.

Doch genau das stimmt überhaupt nicht. Und das Ausmaß stimmt erst recht nicht. 1928 und 1929 schossen die Kurse, wie man auch überschlagsmäßig mit Blick auf Chart und Skala schnell ermitteln kann, um knapp 70 Prozent nach oben. Der Anstieg 2012/2013 fiel prozentual nicht einmal halb so stark aus! Und das heißt auch in der Ableitung: geht die Parallele wirklich weiter, droht letztlich „nur“ ein Rutsch um rund 20 Prozent für den Dow Jones – keine schöne Vorstellung, aber sieht so ein „Untergang“ aus?

Eine „faire“ Betrachtung der Börsenphasen muss daher die prozentualen Kursveränderungen berücksichtigen, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, mit Gewalt und statistischen Tricks Parallelen konstruieren zu wollen. Das geht zum Beispiel ganz einfach, indem man die Indexstände umrechnet auf eine Entwicklung, wenn der erste Tag der Betrachtung sowohl 1928 und 2012 einem Indexstand von 100 entspricht.

Ich habe das einmal gemacht und dabei – wie noch bis vor einigen Tagen in den anderen Doom-Charts üblich – den Start im Mai 2012 gewählt. Hier das Ergebnis: doom_2

Zu sehen sind bestenfalls mit sehr viel Phantasie Parallelen. Gut zu sehen ist aber, was schon der „Chart of Doom“ nur bei näherem Hinsehen und Nachrechnen zeigt: Dass der Kursanstieg 1928 und 1929 erheblich steiler ausfiel als in den Jahren 2012 und 2013 – und das, obwohl sich der Dow Jones bereits zwischen 1922 und 1928 annähernd verdreifacht hatte.

Ich bin übrigens kein „Lästerer“, wenn es um technische Analyse von Kursen geht.Sich an Charts zu orientieren, kann auch einen Privatanleger ohne den Hang zum kurzfristigen Zocken disziplinieren – fallen Aktien in einer Tour, gibt es dafür womöglich Gründe, die man fundamental erst nachgeliefert bekommt. Steigen sie, sollte es einen umgekehrt nicht irritieren, wenn man von allen Seiten (so wie jetzt) erklärt bekommt, es müsse bald rappeln. Da Disziplinlosigkeiten der größte Feind einer vernünftigen Geldanlage sind, halte ich eine zumindest rudimentäre Beschäftigung mit Charttechnik für eine lohnenswerte Sache. Und ich glaube auch, dass man durchaus aus Parallelen lernen kann, etwa mit Blick auf die empirische Kapitalmarktforschung, aber dann sollte die Betrachtung nicht Nonsens-Niveau haben. Denn wenn man die Freiheit hat, die Zeitachse munter zu verschieben und die Skalierungen beliebig zu ändern, wird man für jede Börsenphase eine beeindruckende historische Parallele mit dem gewünschten Ausgang finden.

Ich kann aber auch gut verstehen, wieso der „Chart of doom“ derzeit Karriere macht: Nach nunmehr fast fünf Jahren Bullenmarkt herrscht natürlich eine irre „Jetzt MUSS es doch bald rappeln!“-Stimmung unter vielen Anlegern. Da werden Belege genau dafür gierig aufgesogen. Verteilt werden sie wiederum gerne von jenen Leuten, die der Rally seit Jahren schon misstrauen und nun froh sind, mal wieder einen Grund zu haben, warum sie eigentlich doch Recht haben mit ihrer Skepsis.

Dass letztlich niemand weiß, ob der nächste Crash in drei Stunden, drei Tagen, drei Monaten oder vielleicht gar nicht in den nächsten drei Jahren kommt, ist keine schöne Vorstellung. Aber Crashgurus – egal, ob sie sich der technischen Analyse oder der Fundamentalanalyse oder der Stimmung bedienen – sind nun mal ein Produkt des Zufalls.

Man kann den „Chart of doom“ eine nette Spielerei nennen, ein bisschen „Börsenvermischtes“ – klar. Und natürlich kann es in den kommenden Wochen an den Börsen übel „krachen“, dann aber bestimmt nicht, weil die Zeiten mit 1929 vergleichbar wären oder ein Schrottindex wie der Dow Jones nach vielerlei Hin- und Herstauchereien eine Parallele gezeigt hat. Ich halte den „Untergangschart“ aber schlicht für Verdummung der ohnehin ängstlichen und skeptischen deutschen Anleger, und dazu stehe ich auch, selbst wenn es morgen krachen sollte.

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2 Kommentare
  1. Fabian Fritzsche permalink

    ach danke. Ich Hab mich auch mal wieder über derartige Nonsense-Charts geärgert.

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  1. Kleine Presseschau vom 21. Februar 2014 | Die Börsenblogger

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