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Ich investiere in…

8. April 2014

Die comdirect vergibt im Mai wieder den Finanzblog Award und hat im Vorgriff auf die Preisvergabe zu einer kleinen Blogparade aufgrufen – es geht um einen Besinnungsaufsatz zum Thema „Ich investiere in…“. Dem Wunsch komme ich gerne nach.

Ich muss nicht lange überlegen, was der eigentliche Grund für die Anlagemisere in Deutschland ist. Denn ich erkenne ihn auch in mir selbst: Es ist die Tatsache, dass klassische Spar- und Vorsorgeprodukte wie Lebens- und Rentenversicherungen, Riesterpolicen oder Aktien und Fondssparpläne auf – erstens – regelmäßige Beiträge in ähnlicher Höhe und – zweitens – eine Ansparphase beziehungsweise Haltedauer von 20 und mehr Jahren ausgelegt sind. Beides hat mit den typischen Erwerbsbiografien und Lebensplanungen von Menschen zwischen 25 und 55 wenig gemein, und das im positiven wie im negativen Sinne: Einerseits gibt es heute weitaus häufiger als früher biografische Brüche rund um Arbeitsplatzwechsel, Sabbaticals, Scheidungen, Phasen der beruflichen Neuorientierung mit entsprechenden Fluktuationen im Einkommen. Andererseits ist der Wohlstand heute für die allermeisten (leider nicht alle) hoch und rollt eine Welle an Erbschaften von Immobilien- und Sparvermögen auf die „Generation Mitte“ in ihren 20ern, 30ern und 40ern zu, denen man so dringlich zur Altersvorsorge rät.

In die investiere ich (39) ehrlich gesagt auch erst, seit ich Anfang 30 bin. Ich hatte zwar ab dem Alter von 16 stets irgend einen oder auch mal zwei Nebenjobs. Das verdiente Geld habe ich aber zunächst auf den Kopf gehauen für Weggehen, Urlaub, kurz: kurzfristigen Konsum. Mit dem ersten festen Job standen dann für mich auch erst mal zwei, drei Fernreisen und die Substitution des studentischen Mobiliars oben auf der Agenda. Die Kohle verbraten – das würde ich, dem ganzen Gerede von frühem Start und dem tollen Zinseszinseffekt zum Trotz, auch jederzeit in meinen 20ern wieder tun.

Die lukrativste Investition ist und bleibt natürlich jenseits von Familie und Kindern Bildung. Ich habe mir mit meinem Studium Zeit gelassen, weil ich stets viel nebenher gearbeitet, viele Praktika absolviert habe, ein Jahr in den USA war. Diese Investitionen zahlen eine lebenslange Dividende. Fachlich wie sozial. Solche Zusammenhänge sind ja auch gut erforscht: Dass Bildung die beste Versicherungen gegen Armut und Arbeitslosigkeit ist.

Ich relativiere darüber hinaus alle meine monetären Investitionen wie auch mein Einkommen mit einem vermutlich objektiv übertriebenen Zweckpessimismus. Meine Maßgabe ist, dass ich auch mit einem deutlich geringeren Einkommen und einem womöglich über Nacht halbierten Sparvermögen ein glückliches Leben führen können möchte. Ich wohne zufrieden zur Miete (muss also keine Immobilienschulden tilgen), meine Mobilität wird von der Bahn, dem Fahrrad und Mietwagen abgedeckt (muss also weder ein Auto abbezahlen noch unterhalten). Ich bin gottlob gesund, kann mir gute Lebensmittel, essen gehen und gelegentlichen Urlaub leisten und jederzeit Familie und Freunde besuchen. Das reicht. Ich habe derzeit keinen unerfüllten, größeren Konsum- oder Investitionswunsch.

Auch meine Vorsorgestrategie ist im Kern von Pessimismus geprägt – dem Pessimismus, dass ich letztlich auch keine Ahnung habe, wie die finanzielle Welt in 20 Jahren aussieht und man darüber bestenfalls Annahmen treffen kann, aber nie gesicherte Wahrheiten hat. Zwei Totalverluste mit überschaubaren Zockbeträgen in den 90ern waren hier hilfreich für mich, was ich frei jeder Ironie meine. Auf zwei Vorsorgewege – die gesetzliche Rente und eine berufsständische Vorsorge – habe ich ohnehin keinen Einfluss. Ich nutze darüber hinaus eine betriebliche Altersvorsorge über eine Direktversicherung, die bei Auszahlung steuerfrei ist, deren Einzahlungen sozialversicherungsfrei sind und noch 3,25 Prozent Garantiezins auf den Sparbeitrag garantiert. Hinzu kommt ein Riester-Vertrag (mit erfreulicherweise seit 2006 und bis heute 100 Prozent Aktienquote) sowie ein paar Edelmetallmünzen im Bankschließfach.

Ich mache mir indes keine Illusionen, dass meine Überlegungen etwa zur betrieblichen Altersvorsorge und zur Riester-Rente die kommenden Jahrzehnte bis zu meiner Rente zu den aktuellen Bedingungen überdauern könnten. Ein Handstreich des Gesetzgebers in zehn Jahren – zack, sind Steuerfreiheit, Garantiezins weg. Weil der Staat klamm ist, weil die Niedrigzinsen anhalten. Aber darüber dann ärgern? Die Geschichte der Geldanlage ist immer auch eine Geschichte staatlicher Zu- und Übergriffe, und das wird sie auch künftig wieder sein angesichts der ausufernden Schulden weltweit. Aber das heißt ja nicht, gar nichts zu tun oder nur noch Goldmünzen im Garten zu vergraben.

Natürlich – ich sage natürlich wegen meines Berufs – führe ich noch ein Wertpapierdepot. Wenn mir eines vollkommen unverständlich ist, dann die Tatsache, dass es in Deutschland so wenige Aktionäre gibt. Viele Menschen sind überzeugt von unserer Wirtschaftskraft und vom Mittelstand, wollen aber nicht Miteigentümer dieser für sie so tollen Wirtschaft sein. Sie fahren vielleicht total begeistert BMWs, futtern wöchentlich bei McDonalds, finden Pampers-Windeln gut, kämen aber nie auf die Idee, Aktien von BMW, McDonalds oder Procter&Gamble zu kaufen. Wieso bloß?

Hinzu kommt, dass eine gute Geldanlage in den letzten 20 Jahren unglaublich günstig geworden ist. Eine Pizza, ein Glas Bier oder eine Mietwohnung in einer Großstadt kosten heute doppelt oder dreimal so viel wie noch Anfang der 90er Jahre. Eine Wertpapierorder hingegen nicht mal halb so viel, ein guter, diversifizierter Indexfonds nicht mal ein Zehntel der Gebühren, die noch vor 20 Jahren für schlecht laufende „Hausfonds“ der deutschen Banken aufgerufen wurden. Ein gut diversifiziertes Depot aufzubauen kostet heute vielleicht einmalig 50 Euro an Ordergebühren, anschließend fallen keine Depotgebühren mehr wie früher an, und die laufenden Kosten betragen maximal 0,3 Prozent etwa für Indexfonds. Das war vor 20 Jahren undenkbar.

Die naive Begeisterung, die ich einst mit vielleicht zehn oder elf Jahren hatte bei der Vorstellung, mit ein bisschen eigenem Geld Miteigentümer großer Firmen zu werden, die ist mir seltsamerweise über die 30 Jahre seitdem und zwei Totalverluste hinweg nie flöten gegangen. Das gleiche gilt für die Vorstellung, dass aus meiner Sicht überzeugende Fondsmanager oder Indexfondsanbieter Geld für mich verwalten, selbst wenn ich nur 100 Euro anlegen will.

Und so besteht mein Depot derzeit aus 14 Einzeltiteln, Indexfonds und aktiv verwalteten Fonds. Die Einzeltitel sind Konzerne, deren Produkte ich selbst nutze und mit denen ich seit Jahren sehr zufrieden bin (ein Autovermieter, eine Kaffeehauskette, ein Sportartikelhersteller, Konsumgüterkonzern). Der Rest sind Standard-Indexfonds sowie zwei aktive Fonds, von deren Anlagestrategie ich langfristig überzeugt bin und mit der ich mich identifizieren kann.

Das mag alles keine optimale Strategie sein, aber es ist eine, die mir Spaß macht und die mich beruhigt schlafen lässt. Und letztlich geht es darum: Gut schlafen zu können, mit sich und dem, was man tut, im Reinen zu sein in Sachen Geld. Denn das zahlt eine unbezahlbare emotionale Dividende, ganz egal, ob man ein reiner Sparbuchfetischist, eine Hauseigentümer oder überzeugter Aktionär ist. Denn „hinten raus“, also auf Sicht von 10, 15 oder gar 20 Jahren, werden die Dinge sowieso kaum vorhersehbar.

 

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3 Kommentare
  1. Christoph Stein permalink

    Lieber Christian Kirchner,

    eine „emotionale Dividende“ über eine finanzielle Verdienstmöglichkeit zu stellen, noch zudem in einem Portal, dass sich vornehemlich mit solchen Themen beschäftigt, verdient Anerkennung.

    Letztendlich teile ich voll und ganz deine Ansichten, denn ich profitiere ebenso nahezu täglich von dieser emotionalen Rendite.

    Unter dem Strich ist es schön zu sehen, dass manche Menschen auch im Laufe der Zeit sowohl durch ihr Umfeld als auch durch die veränderten Bedürfnisse im Leben den ein oder anderen guten Charakterzug nicht verlieren.

    Weiter so!

    Mit besten Grüßen

    Ein alter Weggefährte

  2. Danke, Steino, wird Zeit, bald noch mal Konsum zu frönen… Schiffchen oder Meph oder so ;-))

  3. Die naive Begeisterung einen Teil einer Firma zu besitzen ist sicher auch nicht schlecht. Natuerlich ist es in der tatsaechlichen Auswirkung ein grosser Unterschied, ob ich 5 Mc Donalds Aktien habe oder 5000.

    Aber runtergebrochen wachsten bei einem Gewinnzuwachs von 10% meine potentiellen Aktiengewinne bei 5 oder 5000 Aktien um 10%.

    Die Zukunft nicht zu kennen ist eine gute Einsicht Deswegen sollte man an der Lebensqualitaet auch nicht umbedingt sparen, dafuer ist die Zukunft wohl zu unsicher.

    Dennoch wuensche ich Ihnen viel Glueck.

    Gruss Ulrich

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