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Click, Daddel & Spar

23. September 2014

Nicht nur die Anlagekultur in Deutschland ist in der Krise – die Anlageberatung und der Anlagejournalismus sind es fraglos auch. Eine kleine Vision, wie Geldanlage im Zeitalter der „Digital Natives“ im Jahr 2024 aussehen kann.

Am vergangenen Montag war ich auf der Tagung der Eigner der Dekabank in Düsseldorf. Einen ganzen Tag lang wurde dort darüber debattiert, wie man in Deutschland wieder eine Anlagen- und Aktienkultur etablieren kann. Weg vom Sparbuch- und Tagesgeldfetisch, weg von der stets komplett risiko- und damit auch renditefreien Anlage. Hin zu rentablen Anlageformen.

Ich habe spannende Erkenntnisse gewonnen, und dennoch bleibt ein schaler Beigeschmack. Denn die Ratschläge der Anlagestrategen fallen nun seit einigen Jahren gleich aus – es müssen mehr Aktien in die Vermögensplanung – ohne dass dies nennenswerte Zuflüsse in Aktien oder Aktienfonds zur Folge gehabt hätte. Die Zahl der direkten und indirekten Aktionäre sinkt, auch wenn man mit befragungsbasierten Umfragen zur Geldanlage Vorsicht walten lassen muss (nur die wenigsten wissen, was genau sie überhaupt besitzen oder besparen an Geldanlagen). Und echte Aufbruchsstimmung war nicht spürbar. Wie auch, wenn selbst fünf Jahre Hausse keine Stimmung aufkommen lassen?

Obendrein erweckten die anwesenden Vertreter von Finanzministerium (dem die Risikoaversion der privaten und institutionellen Anleger über Niedrigzinsen natürlich in die Hände spielt) und Verbraucherschutzministerium (im Herbst gibt es einen runden Tisch zum Beratungsprotokoll) nicht den Eindruck, als plane man in der näheren und mittleren Zukunft Maßnahmen, den Deutschen wieder mehr Lust auf rentablere Anlageformen zu machen.

Wie so oft beschuldigen sich Akteure wechselseitig, für die Anlagemisere verantwortlich zu sein, in deren Zuge das Privatvermögen in anderen Ländern weit rascher steigt als in Deutschland: Die Banken schimpfen auf Regulierung und Regulierer, die Anleihen und sichere Sparformen begünstigten. Die Regulierer schimpfen auf Falschberatung der Banken. Alle schimpfen auf den Staat, der nicht genug für die Finanzbildung mache.

Gefühlt habe ich das schon drei Dutzend Male in Gesprächen und Diskussionen gehört, und angesichts der Tatsache, dass der Bullenmarkt an der Börse nunmehr fünfeinhalb Jahre läuft, ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sich im laufenden Börsen- und Konjunkturzyklus die grundlegenden Einstellungen der Deutschen zu Geldanlagen noch einmal ändert. Das ist ja auch ein freies Land, und wenn jemand zufrieden ist mit hohen Cashbeständen, ist das ja auch vielleicht besser so. Der messianische Eifer, Menschen sichere Anlagen ausreden zu wollen, ist jedenfalls gescheitert. Allenfalls über Mischfonds wandert derzeit noch etwas Risiko und Rendite gleichermaßen in die Portfolios.

Womit wir beim Punkt wären: Geldanlage hat viel zu oft mit Umerziehung zu tun. Aktien sind langfristig rentabel – also sieh‘ bitte ein, dass Du Aktien zehn bis fünfzehn Jahre halten musst, damit die Rechnung aufgeht, lieber Anleger. Und gute Anlagestrategien haben stets auch damit zu tun, sie durch Krisenzeiten durchzuhalten, also sieh‘ bitte ein, dass Du Aktien auch dann halten und idealerweise nachkaufen musst, sollte Wladimir Putin tatsächlich einmal drüber nachdenken, binnen zwei Tagen nach Warschau oder Riga zu marschieren.

Jeder einigermaßen erfahrene Anleger weiß, wie furchtbar schlau gute und antizyklische Anlagen in der Theorie sind, aber schwierig sie in der Praxis umzusetzen sind. 100.000 Euro optimal anlegen, das können Strategen und Journalisten auf dem Papier oft clever. Aber 100.000 Euro in Händen halten und dann – auch bei Jahrzehnten Geduld – sie ganz oder teilweise in den DAX zu schieben, das ist eine ganz andere Sache, als darüber zu schreiben.

Was aber wäre, wenn man den Spieß mal umdreht um 180 Grad? Und nicht Produkte entwickelt, die zwar gängigen Kapitalmarkterkenntnissen folgen und nebenher auch ein paar Erträge für die Anbieter abwerfen, sondern mit eiserner Konsequenz an Kundeninteressen ausgerichtet sind? Selbst wenn sie finanzmathematisch Quatsch sind? Schließlich erfreuen sich auch eine ganze Reihe anderer Dinge großer Beliebtheit bei Kunden, selbst wenn sie Quatsch sind, von der hohen Zahl an privaten PKWs über Zigaretten bis hin zu der Tatsache, dass wir natürlich alle mehr Sport machen müssten, aber dennoch zu gerne Buttercroissants und Sahnetorten futtern.

Wie würden Buttercroissants, Sahnetorten und Zigaretten wohl in Form Finanzprodukten aussehen, die Menschen wirklich wollen?

Ich glaube, der Schlüssel dazu liegt in den Theorien der „Nudges“ von Richard Thaler. Den kleinen Anreizen, etwas zu tun. So wie die Mücke im Urinal, die Männer dazu animiert, besser zu zielen (ja, die gibt es, liebe weiblichen Leserinnen).

Es gibt sie bereits, die Finanzprodukte, die vielleicht sachlich Quatsch sind, aber dennoch populär, weil sie genau auf die kleinen „Nudges“ setzen: Nehmen wir das „PS-Sparen“ oder „Prämiensparen“ der Sparkassen und Genobanken: Acht Euro werden gespart auf einem kaum verzinsten Sparbuch, zwei Euro wandern in ein Los, mit dem man Geldbeträge oder Autos gewinnen kann. In Großbritannien sind „Premium Bonds“ sehr beliebt, die ähnlich funktionieren: Der Staat garantiert hier die Rückzahlung mit einer Frist von einer Woche, und die Käufer haben die Chance auf Geldgewinne, die obendrein steuerfrei bleiben.

Mathematiker und nölende Journalisten wie ich raufen sich die Haare, weil der Erwartungswert dieser Sparformen natürlich mickrig ist und in der Regel unterhalb dessen, was man mit anderen risikofreien Formen erzielen kann. Aber die Leute machen es trotzdem. Weil sie sich damit wohl fühlen und ein bisschen Spaß und Nervenkitzel haben. Das ist – trotz aller regulatorischer Hürden –ausbaufähig in Deutschland. Gerade weil Anleger über den Zins kaum noch incentiviert werden, zu sparen oder vorzusorgen.

Oder nehmen wir den Fall der Aktienanlage. Ich glaube, mit einer Reihe Kniffe könnte man den Anreiz erhöhen, Geld in Aktien anzulegen. Wie wäre es beispielsweise mit folgendem finanzmathematisch und regulatorisch vermutlich katastrophalen, aber für viele vielleicht gar nicht so unattraktiven Angebot: Ein Finanzdienstleister bietet eine Anlage in Aktien bereits ab 100 Euro an. Für jeden gewählten Betrag erhält der Anleger entsprechende Anteile an einem Aktienbesitz von einen oder mehreren Aktien. Die eine Aktie oder den Korb der Titel kann er natürlich frei wählen, da er eine gewisse Identifikation mit seiner Anlage braucht und nicht in einen abstrakten, anonymen Index oder Fonds investieren will.

Er kann jederzeit jeden Betrag von diesem kontogleichen Aktienbesitz einzahlen oder abheben, die Gewichtungen verändern. Ob zehn Cent oder 10.000 Euro, egal. Über sein Smartphone kann sich der Anleger jederzeit über den Stand der Dinge informieren, Informationen einholen, Anpassungen vornehmen. Dividenden werden ihm weit regelmäßiger als nur im Jahresturnus gutgeschrieben, was diese Art der Ausschüttung glättet und Anreize schafft. Anleger können sich zudem jederzeit konkrete Ziele setzen und unterschiedliche Unterdepots und Strategien anlegen – etwa für den Nachwuchs oder den Partner oder unterschiedliche Ziele.

Nicht nur über größere Einmalbeträge oder regelmäßige Sparraten, sondern auch (oder auch nur) durch viele Mini-Transaktionen kann er sein Guthaben in dieser Sparform erhöhen. Er kann seine Paybackpunkte in Guthaben wandeln und erhält für den Einsatz seiner Kreditkarte einen Bruchteil der Kartenumsätze als Kickback in Form von Guthaben. Er kann an der Kasse im Supermarkt auf Zuruf oder durch eine entsprechende Voreinstellung automatisch seine Zahlung auf den nächsthöheren vollen Eurobetrag oder Zehnerbetrag aufrunden lassen und die Differenz zum tatsächlich zu entrichtenden Preis wird automatisch seinem Aktienkonto gutgeschrieben und „kauft“ wieder ein bisschen mehr Anteile an seinen Lieblingsaktien. Er kann mit dem Sparen Flugmeilen oder Bahnmeilen sammeln oder mit dem Fliegen und Bahnfahren Aktienguthaben erwerben, je nach Präferenz. Der Sparer erhält Hinweise, wenn seine Wertpapiere derzeit besonders billig sind – absolut oder relativ gesehen – und sich die Anlage oder ein kleiner Nachschuss vielleicht besonders lohnt. Ohnehin daddelt er sehr gerne und häufig in seinem digitalen Depot herum und freut sich über Zuwächse. Natürlich kann er das ganzeh auch mit voreingestellten, diversifizierten Körben von Wertpapieren machen, statt selbst eine Auswahl zu treffen. Oder voreingestellten Körben seine persönlichen Favoriten beimischen und jeder gewünschten Gewichtung.

Umgekehrt trägt die Anlageform auch dem Sicherheitsbedürfnis Rechnung, wenn es der Anleger wünscht. Mit einem Schieberegler auf dem Smartphone und einem einfachen Knopfdruck kann der Anleger jederzeit das Sicherungsniveau seiner Anlagen wählen – zwischen vollem Marktrisiko, der Grundeinstellung, die auch empfehlenswert ist, und einem hohen Sicherungsniveau, in dem das digitale Aktienkonto vor Verlusten geschützt ist über entsprechende Absicherungsgeschäfte im Hintergrund oder dem temporären Wechsel in Cash. Diese (Ver-)Sicherung kostet natürlich, zehrt von der Substanz der Anlage – gibt dem Anleger aber auch jederzeit das Gefühl, die Kontrolle zu haben oder auf Veränderungen der persönlichen Lebenssituation reagieren zu können.

Natürlich ist dieses Modell auch für risikolosere Anlageformen grundsätzlich denkbar, die schlicht das Zurücklegen von Geld incentivieren.

Kurz gefasst: Man lässt den Kunden damit – auch wenn ich die regulatorischen Hürden natürlich kenne – so ziemlich jeden Unsinn machen, den er eigentlich lassen soll, wenn es nach seinem Bank oder seinem Berater geht. Und dafür lässt man ihn (natürlich) auch bezahlen. Man weiß es einfach mal nicht besser, winkt auch nicht mit günstigen, langfristig rentablen Anlageformen, sondern kommt dem Daddler und Sammler mal entgegen, entstaubt den Mief von Anlageberatung, Fondsmanager, ETFs (welche die meisten Anleger dem Namen nach eher an einen Rettungsfonds erinnern denn eine günstige Geldanlage), der so viele Leute abschreckt. Ob die Ergebnisse unter dem Strich wohl wirklich so katastrophal ausfallen würden wie für so manches professionelles „Vermögensmandat“ von Banken oder Dachfonds, die mir im Laufe der Jahre so von finanziell eher unbeleckten Freunden gezeigt wurden?

Ich glaube, dass der ganze Komplex Geldanlage für einen Menschen mit einer auch nur durchschnittlichen Auffassungsgabe innerhalb weniger Stunden zu verstehen ist – und überhaupt viele Menschen ein intuitiv richtiges Verständnis von Chancen und Risiken und vor allem Eigenverantwortung haben. Und man es Menschen attraktiver machen muss, diese Stunden zu investieren und loszulegen – erst Recht in einer Zeit, in der unstete Erwerbsbiografien und fluktuierende Einkommensströme das klassische, regelmäßige Sparen oder die mutige Einmalanlage über zwei Jahrzehnte oder gar länger hinweg eher die Ausnahme denn die Regel sein werden.

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From → Blog

3 Kommentare
  1. Hallo,
    das ist mein Lieblingsartikel für den Wochenrückblick-Finanzbloggosphäre geworden. (http://www.finanzwesir.com/blog/wochenueberblick-kw39)
    Na ja, es war schon immer einfacher Menschen zu verführen, als sie zu belehren.

    Gruß
    Finanzwesir

    PS: Es wäre schön, wenn Sie die Postingfrequenz erhöhen würden. Ihre Artikel sind echte Artikel und nicht nur umgeschriebene Pressemeldungen. Die mag ich lesen.

    • Vielen Dank. Ich habe ja noch in der gedruckten Ausgabe von Capital eine gewisse „Postingfrequenz“, da ist nicht immer so viel Zeit nebenher…;-)

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