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Das Zalando-Prinzip als Blaupause für Geldanlage

1. Oktober 2014

Wie oft musste man als internetaffiner Mensch den Witz heute lesen auf Twitter, Online-Portalen und in eMails: „Bitte dran denken: Zalando-Aktien kann man nicht zurückschicken und bekommt den Preis auch nicht erstattet.“ 15 Mal? 20 Mal? Sehen wir mal von der Tatsache ab, dass ein Börsengang nicht gefloppt ist, sondern wunderbar funktioniert hat, wenn der Ausgabekurs ganz offenbar die Interessen des Unternehmens (die einen möglichst hohen Erlös für die Firmenkasse wollen) und seiner neuen Aktionäre (die keinen zu hohen Preis zahlen wollen) getroffen hat. Und überlegen stattdessen, was man von Zalando lernen könnte. Zum Beispiel als Finanzdienstleister. Wie wäre es mit Aktienkauf mit Rückgaberecht?

Vielleicht kennen Sie ja den Witz mit dem Geisterfahrer, der ganz erstaunt im Radio hört, dass ihm auf seiner Autobahn ein Fahrzeug entgegen komme – und er laut brüllt: „Was heißt da einer – das sind ja Dutzende!“

So geht es mir mit den ganzen Analysen zu Zalando, in denen darauf herumgeritten wird, dass die Rückgabequote der bestellten Waren so hoch sei. 50 Prozent betrug sie im abgelaufenen Jahr. Klar: Rückgaben verursachen Kosten. Der Umsatz wird entsprechend „erkauft“. Ich weiß aber nicht, wie es Ihnen geht, aber bei mir ist die Rückgabequote (also das Zurückhängen anprobierter Ware) von Schuhen, Hemden, Anzügen und Jeans bei sehr weit über 50 Prozent, wenn ich in einem Bekleidungsgeschäft bin. Und das, obwohl ich ein Shopper bin, der zweimal im Jahr Vollgas gibt und dann binnen drei Stunden alles kauft, was er braucht.

Um so erstaunlicher ist es doch auf den ersten Blick, dass die Quote bei Zalando „nur“ 50 Prozent beträgt, oder? Also die Hälfte aller Waren gefällt und passt. Oder zumindest nicht zurück geht, obwohl sie zwickt und hässlich ist, weil der Besteller zu faul ist. Nun ist das eben nur auf den ersten Blick erstaunlich, denn letztlich ist es eine gut erforschte kaufpsychologische Erkenntnis, dass wir ungern aus der Hand geben, was uns einmal gehört oder wir in Händen halten. (Das anonyme Anprobieren von noch nicht bezahlter Bekleidung gehört da nicht ganz dazu und ist sicher von anderer Qualität als das Nach-Hause-Liefern von Ware, die händisch wieder zur Post gebracht werden muss.)

Falls Sie jedenfalls einmal über einen Souk in einem arabischen Land geschlendert sind, werden Sie rasch merken, dass man Ihnen Dinge, die Sie auch nur kurz ansehen, sofort in die Hand drücken wird, angeblich, um Sie von der Qualität zu überzeugen. Letztlich aber natürlich auch, weil die Händler den Effekt kennen, dass man Dinge ungern aus der Hand gibt.

Falls Sie einen Apple-Store in Ihrer Nähe haben, werden Sie wissen, dass die Barrieren dort sehr niedrig sind, einfach einmal ein paar Schritte hinein zu setzen und ein Ipad oder Iphone in die Hand zu nehmen.

In der Carsharing-Szene ist das Ziel der großen Autokonzerne weniger, damit viel Geld zu verdienen, sondern vor allem, dass die Menschen ohne eigenes Auto den Kontakt zum Auto (und einer Marke) nicht ganz verlieren. Und wenn Sie mal eine Weile mit einem netten BMW 1er oder einem Mini Cabrio von Drive Now  durch die Stadt gesaust sind, wollen Sie ihn vielleicht irgendwann auch mal besitzen, statt ihn ständig zurück zu geben.

Und natürlich kennen Sie den Verkaufstrick, dass man Ihnen großzügig Geld-zurück-Garantien einräumt, obwohl man es gar nicht müsste. Weil man sich bei vielen Unternehmen sicher sein kann, dass man Dinge eben lieber behält, an die man sich gewöhnt hat, als sie wieder zurück zu geben.

Und natürlich kennen Sie das Prinzip, dass man am liebsten den Status quo bewahrt auch aus Ihrem Depot, wo Sie sich auch nicht von dem Restmüll trennen können, der seit dem Ende der New Economy Blase – also geschlagene 14 Jahre – dahinsiecht. Kleines Späßchen ;-).

Nun schlagen wir mal den Bogen zur Aktienanlage (oder anderen Wertpapieren) und meinem bereits mehrfach hier geäußerten Gedanken, dass man Produkte vielleicht lieber mal so ausgestalten könnte, dass sie dem Kunden entgegen kommen, anstatt ihn zu belehren, welches Risiko er besser tragen sollte. Warum ist es denn so vollkommen irre zu glauben, dass man das Zalando-Prinzip der Rückgabe nicht auch auf Aktien übertragen könnte? Natürlich funktioniert das nicht kostenlos, sonst wäre es ja ein „Free Lunch“. Aber ich glaube, dass sich da finanzielle Kompromisse finden ließen.

Nehmen wir einmal an, ein Anleger bekommt aus einer Erbschaft, Schenkung oder ähnlichem mit einem Schlag 100.000 Euro in die Hand. Er weiß natürlich, dass es sinnvoll wäre, dieses Geld rentabel anzulegen, sofern er es langfristig nicht benötigt. Er weiß vielleicht auch, dass es möglich wäre, das Geld zu splitten in mehrere Anlagen je nach Risiko. Aber typischerweise weiß er nicht wie. Und hat Angst, von Beratern über das Ohr gehauen zu werden.

Intuitiv weiß er natürlich, dass Aktien langfristig hochrentable Anlageformen sind. Aber über allem schwebt stets die große Angst, beim Timing völlig daneben zu liegen und Teile oder gar die ganzen 100.000 Euro zu einem wirklich fürchterlichen Zeitpunkt anzulegen. Und letztlich ist ja immer ein gefürchtet schlechter Zeitpunkt: Vor fünf Jahren, beim DAX von 4000 hatten alle Angst, dass die Welt völlig aus den Fugen gerät wirtschaftlich und finanziell. Jetzt, beim DAX von 9400, glauben auch wieder viele, dass die Kurse viel zu stark gestiegen wären und der Crash unmittelbar bevor stehe.

Das ist ganz und gar kein triviales Problem, sondern eines, das jeder, der mal wirklich fünfstellige und höhere Beträge anlegen konnte, nachvollziehen kann, selbst wenn es langfristig keine Rolle spielt: Rappelt es ausgerechnet dann, wenn ich einsteige?

Lassen wir alle richtigen „Das Timing spielt doch langfristig keine Rolle“-Gedanken außen vor, dann wäre es rechnerisch problemlos möglich, Anlegern als Bank oder Fintech-Konzern eine Aktie zu verkaufen und dem Kunden eine 14-tägige Rückgabegarantie einzuräumen. Für dieses Rückgaberecht müsste er natürlich bezahlen – genauer gesagt: Eine Versicherungsprämie, deren Höhe von der Aktie, der aktuellen Nervosität, den Zinsen und einigen Parametern mehr abhängt. Es wäre schlicht ein verkapptes Optionsgeschäft, in deren Zuge ein Anleger parallel zur Aktie auch einen Put-Optionsschein erwirbt oder ein anderes Termingeschäft abschließt, wovon der Anleger aber vordergründig ja gar nichts mitbekommen müsste, solange ihm nur die Konditionen klar sind und ein entsprechend einfaches Produkt geschaffen würde.

Nehmen wir einmal an, es ginge um ein „Rückgaberecht“ für eine Investition in den DAX, so wäre diese Versicherung derzeit selbst für mehrere Wochen Laufzeit für zwei bis vier Prozent der Kaufsumme zu haben. Theoretisch kann man sich so etwas jetzt schon selbst bauen, aber die Termingeschäftsfähigkeit nebst Suche der richtigen Optionsscheine ist alles andere als trivial. Klar: In Seitwärtsmärkten und bei Kursgewinnen ist die Prämie futsch. In volatilen Zeiten wäre es noch teuerer, und selbst in eher ruhigen Zeiten ginge es um die Dividendenerträge eines Jahres.

Natürlich „passt“ das in der reinen Lehre der Geldanlage nicht zusammen – Long Aktie/Index und zugleich ein Put. Natürlich ist der Sinn einer Aktienanlage ja gerade das Erdulden kurzfristiger Schwankungen, für die ich langfristig mit attraktiven Renditen belohnt werde. Aber wie ich hier schon mehrfach schrieb, ändert die rituelle Empfehlung von Aktien und -fonds seit nunmehr fünf Jahren nichts an der skeptischen Haltung der meisten Deutschen zur Aktie, so dass clevere Finanzdienstleister besser rasch darüber nachdenken, ob sie den Kunden nicht besser ein ganz erhebliches Stück entgegen kommen sollten.

Ich bin mir jedenfalls sicher, dass es für derlei Modelle einen Markt gäbe: Aktien/Indizes/Fonds kaufen – und für eine kleine Prämie zumindest für einige Tage bis Wochen, je nach Wunsch, keine Kursrisiken tragen zu müssen, bis die Anlage ans Laufen gerät. Für einen begrenzten Zeitraum keine Angst haben, völlig falsches Timing an den Tag zu legen. Und dann greift das Prinzip: Was man einmal besitzt, gibt man ungern wieder her. (In vielen Zertifikaten findet der Gedanke der Pufferung bestimmter Verluste ja schon heute Anwendung.). Wer viel Geld anzulegen hat, würde kleinere Prämien gewiss dafür zahlen. Ich habe das heute mal spaßeshalber per Textnachricht mit einigen Freunden ausprobiert und sie gefragt, ob ihnen eine solche Konstruktion eine Aktienanlage attraktiver machen würde, und sie sagten sofort: Ja.

Blödsinn? Kann sein! Ich recherchiere derzeit jedenfalls für die kommende Ausgabe von „Capital“ die abstrusen Gebührenmodelle von einigen Investmentfonds: Performancegebühren auf Nullrenditen, Performancegebühren über 90 Prozent der aufgelaufenen Erträge, Performancegebühren für die Outperformance eines Index mit negativen Renditen – und in diesen Fonds liegen Milliardensummen, ohne, dass daran viele Anstoß nehmen würden. Ich halte das für verrückter als das Prinzip, das Timingrisiko einer Anlage zumindest für einige Tage bis Wochen zu minimieren oder gar auszuschalten für eine Mini-Prämie.

 

 

 

 

 

 

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3 Kommentare
  1. Na, wird doch was mit der Posting-Frequenz 😉

    Ich finde Ihre innovativen Ideen schlauer, als das meiste, was ich so unter der Flagge „Fintech“ lese.
    Insbesondere, wenn es um die ganzen Social-Trading-Plattformen (mach Dein Depot öffentlich) denke.
    Wir leben in einem Land, in dem die meisten Leute – wenn sie müssten – lieber ihr Schlafzimmerleben öffentlich ausbreiten würden, als Fremden ein Blick auf ihre Finanzen zu gewähren.

    Aber diese ganzen neuen Plattformen, werden alle von Bankern und BWLern gemacht. Die sind so im System verankert, dass ihnen nicht anderes einfällt, als den alten Wein iPhone-tauglich zu machen.

    Weiter so und beste Grüße
    Finanzwesir

  2. stimmt, wieso sollte der Zalando-Börsengang ein Flop gewesen sein. Ich denke es sind keine Aktien übriggeblieben.
    Versicherung für Aktienkäufe wäre unnötig, aber ein Hit, weil er vielen die Angst nehmen würde. Allerdings wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, würde man erkennen das man das Angst-des-falschen-Timings-Problem nur in die Zukunft verschiebt: „Oh nein, was ist wenn meine Aktie nach dem Versicherungszeitraum abschmiert!!“

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  1. Kleine Presseschau vom 2. Oktober 2014 | Die Börsenblogger

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