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Guten Tag, hier spricht der Mainstream-Finanzjournalist

27. November 2014

Das Buch von Udo Ulfkotte über korrupte Journalisten ist ein Verkaufsschlager. Was die Frage aufwirft: Wie korrupt sind eigentlich Finanzjournalisten?

Gleich ein Geständnis: Ich habe das Buch Ulfkottes noch gar nicht gelesen, sondern lediglich die Debatten darüber verfolgt. Die Tatsache aber, dass sich das Buch hervorragend verkauft und überwiegend positive Rezensionen bei Amazon erhält, braucht unabhängig vom Wahrheitsgehalt eine Einordnung. Denn ganz offenbar trifft Ulfkotte auch einen Nerv bei seinen Lesern, die der Branche der Journalisten schon länger kritisch gegenüber stehen, wie einschlägige Rankings des Ansehens von Berufen nahe legen.

Ich kann aus erster Hand nur über meine eigenen Erfahrungen mit dem Thema Korruption und „Gängelung von oben“ schreiben und mich darüber hinaus auf den offenen Austausch mit gewiss zwei Dutzend Kollegen stützen. Das Bild, das sich mir zeichnet, ist allerdings weit unspektakulärer, als mancher Verschwörungstheoretiker glauben mag und soll ein wenig helfen, auch den Anlagejournalismus besser einzuordnen.

Beginnen wir einmal mit der Frage, ob und inwiefern Thesen „von oben herab“ von Chefredakteuren vorgegeben oder gekippt oder Recherchen unterbunden werden. Nun, in meinen überschaubaren 13 Jahren im Finanzjournalismus hat kein einziges Mal ein Ressortleiter oder Chefredakteur neben mir gestanden und eine These oder eine Recherche verboten (die sich, zugegeben, auch mit dem Finanz/Nutzwertjournalismus meistens in einem eher wenig sensiblen/kontroversen Bereich bewegen). Darüber diskutiert, ja. Aber nie unterbunden.

Natürlich kommt hier eine „weiche“ Komponente zum Tragen: Wenn jemand weiß, dass der Chefredakteur ein Anhänger der österreichischen Schule ist, den Aufkauf von Staatsanleihen durch die Notenbank verteufelt und strikte Austerität von südeuropäischen Staaten fordert, dann wird sich jeder Redakteur dreimal überlegen, eine gegenteilige These zu vertreten. Wenn der Ressortleiter dafür bekannt ist, alle vier Wochen einen Wutanfall über den „Krippenwahn“ in Deutschland zu veröffentlichen, wird sich ein Redakteur dreimal überlegen, ob er eine Geschichte über die positiven Effekte des Krippenausbaus vorschlägt. Das ist nicht unbedingt schön, nur stehen Zeitungen und Zeitschriften ja häufig für eine gewisse Haltung, die auch die Redakteure selten überraschen kann. Und ich hatte bislang das Glück, in Redaktionen zu volontieren und zu arbeiten, in denen unter den meisten Chefs ein freier Geist wehte.

Entscheidend ist ohnehin der Umgang mit kritischen Recherchen. Mir ist kein einziger Fall eines Rechercheverbots oder Maulkorbs bekannt. Das kann alleine deshalb schon nicht funktionieren, weil ein ambitionierter Journalist, der will, dass die Wahrheit ans Licht kommt von einem Sachverhalt, sich ohnehin nie damit abfinden würde, eine Sache nicht „anfassen“ zu dürfen. Er würde die Recherche entweder privat weiterführen, vielleicht unter Pseudonym veröffentlichen oder gleich die Publikation wechseln. Oder einfach einem gut befreundeten Kollegen einen Tipp geben.

Dennoch hält sich gerade in Online-Foren und Leserkommentaren hartnäckig das Gerücht, in Deutschland gebe es ganz offenbar so etwas wie eine Politik-Brüssel-Berlin-Journalismus-Connection, die kritische Themen unterbinde oder in bestimmten großen Fragen „auf einer Linie“ sei. Das ist insofern ein ärgerlicher Vorwurf, als dass es genügend Länder gibt, in denen es wirklich keine Pressefreiheit gibt und kritische Journalisten über den Haufen geschossen werden. Hier ist die Pressefreiheit hingegen ein sehr hohes Gut.

Die Behauptung ist auch deshalb merkwürdig, weil er häufig keinerlei Beweises brauch. „Darüber liest man eben nichts in den Mainstream-Medien“ ist so ein klassisches Argument, mit dem jeder noch so groteske Hokuspokus aufgewertet wird – gerade so, als wisse ohnehin jeder, wie die Dinge liefen. Dem „gefühlten“ und so verhassten Medien-Mainstream stellen Foristen und Kommentatoren inzwischen meiner Beobachtung nach oft einen „Anti-Mainstream“ gegenüber, in dem ein Mob über Autoren und Thesen herfällt, und das vor allem bei Grundsatzthemen wie dem Euro, der Krisenpolitik oder gerade der Geldanlage.

Wenn man einigermaßen im Thema ist – wie ich etwa in Fragen der Altersvorsorge – erfasst mich häufig eine Fassungslosigkeit über die Irreführung der Leser durch Kommentatoren, jüngst etwa an diesem Wochenende im Zuge eines Artikels über die Riester-Rente auf Spiegel Online von Hermann-Josef Tenhagen. Ich glaube, es ist dringend Zeit für mehr Studien, inwiefern Leserkommentare inzwischen die Wahrnehmung von Artikel verändern – und auch die Gedankengänge der Autoren. (Ich habe hier dazu schon letztes Jahr einige Gedanken aufgeschrieben.)

Völlig aus der Luft gegriffen sind aber einige Vorwürfe, die Ulfkotte laut Rezensionen erhebt, dennoch nicht. Das gilt beispielsweise für das Thema Nebentätigkeiten. Die Finanzdienstleistungsbranche ist häufig scharf darauf, fest angestellte (und eben keine freien) Redakteure für Gastbeiträge in hauseigenen Publikationen oder etwa für Moderationen zu gewinnen. Natürlich gegen gute Bezahlung. Da sagen viele manche Kollegen nicht nein. (Disclaimer: Ich nehme kein Geld für Gastbeiträge und Moderationen.)

Zudem sollten Leser hier stets auch im Hinterkopf behalten, dass im Journalismus der Trend stark wächst, nur noch mit kleinen, festen Redaktionsteams viele freie Journalisten zu beschäftigen, um bei den Kosten flexibel zu bleiben. Von den Honoraren, die Zeitungen und Magazine heute den freien Journalisten zahlen, kann kaum ein freier Journalist seinen Lebensunterhalt bestreiten. Die „Freien“ sind daher meist darauf angewiesen, auch journalistische PR-Tätigkeiten anzunehmen, um ihr Auskommen zu bestreiten. Und das tun die meisten mir bekannten auch sehr verantwortungsvoll und können trennen. Für Nebentätigkeiten festangestellter Kollegen fehlt mir hingegen die Phantasie, aber das muss jeder für sich selbst und mit seinem Chef entscheiden.

Oder nehmen wir das Thema Informationsreisen. Mal veranstaltet eine Fondsgesellschaft eine Konferenz in London (welche meistens journalistisch sehr produktiv sind), mal stellt ein Initiator Geschlossener Fonds Immobilien im Ausland vor (was seltener produktiv ist), mal lädt ein merkwürdiger Explorerkonzern zur Minenbesichtigung in Südostasien (was nie produktiv ist). Mal sind die Anbieter bei den Flügen oder dem Hotel oder dem Transfers „behilflich“, manchmal für ein langes Wochenende.

Diese Dinge sind – auch aus Compliancegründen – deutlich weniger geworden. Aber es gibt sie noch. Und ich kann darüber frei schreiben, weil ich noch nie derartige Angebote annehmen musste, sondern stets einen Verlag im Rücken hatte, der die Reise bezahlt hat, wenn sie journalistisch sinnvoll klang. Das ist ein Umstand, der mich derzeit auch in der Debatte über meinen Arbeitgeber Gruner + Jahr sehr ärgert, denn seit nunmehr sechs Jahren dort hat mir noch nie ein Vorgesetzter erklärt, ich möge doch bitte eine Einladung annehmen, weil man die Reisekosten nicht tragen könne oder wolle.

Auch daraus ergibt sich ein Spannungsfeld, das oberflächliche Leser schwer erkennen können. Geht es etwa um Moderationen und Gastbeiträge, rümpfen freie Journalisten zu Recht die Nase, wenn die fest angestellten Kollegen sich zu ihrem häufig nicht eben schmalen Gehalt etwas dazuverdienen. Denn eigentlich brechen sie damit ja in die Domäne der „Freien“ ein. Bei vielen Luxusthemen verhält es sich oft umgekehrt. Ein freier Journalist hat – oftmals aus ganz naheliegenden wirtschaftlichen Gründen – kein Problem, sich ein Luxusauto auf einem zugefrorenen See in Lappland präsentieren zu lassen, ein 5-Sterne-Hotel auf den Malediven zu testen oder mal mit einem Luxuszug quer durch Afrika zu gondeln. Solche Reisen und Präsentationen wären schließlich zu den üblichen Honoraren seiner Abnehmer niemals vernünftig refinanzierbar.

Ein fest angestellter Kollege gerät hier moralisch in Schwierigkeiten und hat oft schlicht auch nicht die Zeit für derlei Trips. Nun kristallisieren sich in der Medienpraxis meiner Beobachtung nach zwei Dinge heraus: Zum einen gehen viele Zeitungen und Magazine erfreulicherweise dazu über, auf Einladungen basierende Rezensionen von Reisen oder Autos als solche kenntlich zu machen. Ich habe das etwa im Manager Magazin schon oft gelesen, auch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Das ist fair gegenüber dem Leser (nachdem die Argumentation früher meist war: „Das weiß der Leser doch sowieso, dass das Einladungsreisen sind“). Merkwürdigerweise sind in den vergangenen Jahren aber auch zahlreiche „Agenturen“ entstanden, die alle Seiten bedienen: Artikel schreiben für Medien, Firmen beraten über PR-Strategien, Reisen und Präsentationen mitnehmen.

Es gibt mit Sicherheit Grenzbereiche: Zum Beispiel, wenn ein Vorstandschef lediglich am Rande eines Formel-1-Rennens für Interviews zur Verfügung steht, wie ich es einmal 2007 erlebt habe. Was tun? Absagen aus Prinzip? Nach dem Interview verschwinden? (Ich habe es wahrgenommen und bin nicht sofort verschwunden, würde das aber heute auch anders handhaben.)

Ich glaube aber, dass dies noch nicht einmal der Punkt ist. Die Gefahr gerade in Sachen Finanzjournalismus kriecht subtiler in unsere Hirne als Redakteure. Wir haben es den ganzen Tag, die ganze Woche, das ganze Jahr über meist mit Menschen zu tun, die ihr Geld damit verdienen, Menschen von der Sinnhaftigkeit von Sparen und Vorsorge zu überzeugen. Oder besser gesagt: Von rentablem Sparen und zusätzlicher Vorsorge. Denn wenn Leute ihr Geld auf den Kopf hauen, sich ein Eigenheim finanzieren oder schlicht auf die gesetzliche oder allenfalls berufsständische Rente verlassen, verdienen Fondsgesellschaften, Versicherer, Berater, Depotbanken, Verbände kein Geld.

Viele Branchenvertreter wollen ganz bewusst eine Art „Clubatmosphäre“ schüren. Den Eindruck erwecken, man sei doch auf derselben Seite als Journalist – der Seite der Vernunft, mehr für’s Alter zu tun und vor allem mehr aus dem Sparguthaben. Und wenn man jahrelang die Argumente um die Ohren gehauen bekommt, warum das so gut ist, glaubt man tatsächlich ein kleines bisschen dran. Die Minderheitsmeinung hört man ja eher selten. Beziehungsweise die der schweigenden Mehrheit, die wenig bis gar nichts tut in Sachen rentablem Vermögensaufbau. Unsere Herausforderung als Journalist ist es daher jeden Tag auf’s neue, sich mit keiner Sache gemein zu machen – auch nicht mit einer guten, wie der Journalist Hajo Friedrichs einst riet.

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16 Kommentare
  1. Udo permalink

    Hallo Herr Kirchner,

    ich komme über den Bildblog.

    Damit will ich sagen, Sie sind mir gerade nicht bekannt, kann sein ich habe schon etwas gelesen von Ihnen, ich widerstehe hier aber der Versuchung auf „Der Autor“ zu klicken. Es geht mir um eine zufällige Probe.

    Bin darüber hinaus von der Ausbildung her Techniker. Dennoch interessiert mich ein großes Thema wie die Eurokrise natürlich.

    Ich würde mal die Frage stellen, ab wann Sie das Auseinanderlaufen der Wettbewerbsfähigkeit bzgl. der Eurokrise thematisieren, wenn ja mit welcher Diagnose und welchem Therapievorschlag ?
    Wann wurde zuletzt über eine Volkswirtschaftliche Ausrichtung gemäß Angebots- oder Nachfragetheorie in diesem Zusammenhang im Mainstream gestritten.
    Wurde je die Frage diskutiert, ob es überhaupt soetwas wie Lohnpolitik je gab, gibt oder geben sollte, mit welchem Ergebnis?

    Wie gesagt, Ihre Arbeiten kenne ich nicht, das Thema ist ggf. etwas zu allgemein. Ich akzeptiere auch gerne Links von solchen Darstellungen Ihrer Kollegen aus dem „Mainstream“ die auch Ihre Meinung repräsentieren.

    Zu einer umfassenden, regelmäßigen Presseschau bin ich nicht in der Lage, lese jedoch wohl mehr als meine näheren Mitmenschen.

    Die angesprochenen Unterthemen oder vor allem die dahinter liegenden Gedankengänge meine ich wären mir aufgefallen. In jedem Fall vermisse ich sie bereits seit langem oder können Sie die Ehre des Mainstream auch gegenüber mir retten ?

    Mit besten Grüßen

    Udo

    • Hallo,
      mein Schwerpunkt in den vergangenen Jahren war die private Geldanlage und zeitweise die Finanzmärkte. Die volkswirtschaftlichen Analysen überlasse ich den Leuten, die sich damit auskennen. Aber damit will ich mich nicht aus der Verantwortung stehlen: Das Auseinanderlaufen der Wettbewerbsfähigkeit der Eurozone wurde meiner Erinnerung nach bereits 2006 und 2007 und somit selbst vor der Finanzkrise und Jahre vor der „Eskalation“ der Schuldenkrise thematisiert. Thomas Fricke hat das in der (inzwischen eingestellten) FTD ebenso getan wie Melvyn Krauss, auch die Beiträge von Herrn Sinn dazu waren doch immer wieder Gegenstand auch Berichterstattung in den großen Medien FTD, Handelsblatt und Co.. Die gigantischen Überschüsse Deutschlands und die Folgen fehlender Anpassungsmechanismen waren ein Leib- u. Magenthema des damaligen Chefökonomen der FTD Fricke. Ich kann mich auch noch an den Anlass erinnern: Etwa 2003ff gab es ja einen Boom der Bücher, die den Abstieg Deutschlands zum kranken Mann Europas thematisieren. Es kam ja dann doch anders (warum, darüber kann man streiten), und im Zuge der Aufarbeitung dieses „Es kam ja doch anders zuletzt“ kam das Thema Wettbewerbsfähigkeit und auch Lohnpolitik auf. Mir dem einfachen Kniff, unter Eingabe der von Ihnen genannten Schlagwörter in die Google-Suche samt der Namen von „Mainstream“-Publikationen und einer Einschränkung der Suchtreffer auf den Zeitraum bis 2007/2008 lässt sich eine Auswahl der Artikel auch wieder an die Oberfläche befördern. Auch viele Stücke über eine drohende US-Häuserkrise. Ich will hier nicht behaupten, dass sich weite Teile des Wirtschaftsjournalismus damit schmücken könnten, Probleme rechtzeitig antizipiert zu haben, weder vor 2000 noch vor 2008 noch vor der Eurokrise 2011. Das haben wir in der Breite bestimmt nicht. Aber es ist auch nicht so, dass die Debatten nie stattgefunden hätten, sie haben seinerzeit eben nur wenige Leute interessiert. Viele Grüße, Ihr Christian Kirchner

    • Sommer permalink

      Hallo Udo,
      in den deutschen Mainstream Medien wird recht wenig über Nachfrageorientierte Wirtschafts-
      politik veröffentlicht, da muss man sich schon die Blogs durchlesen wie von Heiner Flassbeck , sowie die Nachdenkseiten de .

      • Herr Flassbeck hat fortlaufend Beiträge etwa in der FTD veröffentlicht, mindestens ein halbes Dutzend pro Jahr. Und Gastbeiträge bei ZEIT Online, in der vor allem in der Haltung unverdächtigen Börsenzeitung und Capital. Mit sehr pointierten Thesen. Die sind doch sogar noch alle bei ihm auf der Seite nachzulesen mit Quellenangabe. Und seine Kernthese, dass Deutschland ein „Exportjunkie“ sei und das Kern des Problems sei, war der rote Faden der ökonomischen Haltung der FTD (ohne, dass ich dies beurteilen will) über JAHRE und „Leiterlinie“. Einer Zeitung, der man beim Untergang in Kommentaren gerne hinterhergeworfen hat, dass das die gerechte Strafe für so ein neoliberales Blatt sei.

        Dass man es mit dieser „Linie“ nicht in die FAZ oder die WELT schafft, mag sein. Aber es stimmt einfach nicht, dass man nur durch Blogs darüber erfährt. Genau das meine ich mit dieser Legendenbildung: Schon mit der bloßen Behauptung, dass „Mainstream-Medien“ über Dinge nicht berichteten, wird der gefühlte Wahrheitsgehalt der Thesen oder die Vermutung, sie würden gewiss „unterdrückt“, genährt.

  2. Daniel permalink

    Guter Artikel. Ich habe auch das Gefühl, dass vieles, was von Lesern als Verschwörung durch Interessengemeinschaften empfunden wird, _eher_ die Folge von Journalistischen Trends ist: Alle hauen eben auf Putin drauf, Israel ist halt das Opfer, etc.

    Allerdings muss man hier 1. Die Qualtität von Journalismus hinterfragen dürfen (und da ist es mir lieber, „sinnlose“ Verschwörungsrufe in den Kommentarzeilen zu lesen als „Ja und Amen“.

    2. ganz klar feststellen, dass es in unseren Medien mittlerweile eine erschreckende Anzahl von Propaganda-Artikeln gibt. Wer genau hinschaut, entdeckt viele Artikel, die im Schein sehr neutral und liberal sind, allerdings an bestimmten Stellen nicht mit Propaganda Stilmitteln geizen. Ein Bespiel für einen nicht nur auf den zweiten Blick als Propaganda erkennbaren Artikel: Spiegel: „Stoppt Putin Jetzt“.

    3. heißt das nicht, dass es solche Interessenvertretungen in großen Redatkionen gar nicht gibt. Natürlich wird vieles von Trends entschieden, natürlich steckt nicht hinter JEDEM Artikel der einseitig über ein Thema berichtet irgend ein Superbrain, welches alle Journalisten kontrolliert. Aber es ist auch naiv anzunehmen, dass Zeitungen generell frei von Lobbies sind.

    • Richtig. Und ich betrachte das Ganze ja auch aus der Perspektive eines Journalisten, dessen „Geschäftsbereich“ weit weniger polarisiert als etwa die Politik (Ukraine-Konflikt, Außenpolitik, Verh. zu USA/Russland) oder die Ökonomie (Krisenpolitik der EZB/EU). Gut möglich, dass man dort auch zu anderen Schlüssen kommt. Maße mir ja auch nicht an, darüber zu urteilen, sondern kann lediglich von meinen Erfahrungen und Beobachtungen berichten. Dank einer sehr bunten Blogwelt, den Foren den sozialen Medien und Leserkommentaren steht die Arbeit ja tatsächlich nun unter weit schärferer öffentl. Beobachtung als früher, was per se sehr gut ist.

  3. Herr Kirchner,

    Sie sprechen eine Sache an, die mir schon lange auf den Herzen liegt. Ich lese seit Jahren viele Kommentare bei SPON, FAZ.net und Handelsblatt Online. Ich sehe es mit großer Besorgnis, dass so viele Menschen sich an ihre Vorurteile klammern: Aktien total böse, der Kleinanleger würde nur abgezockt, die Medien wären kleichgeschaltet usw.

    Die Leute lesen bestimmte Blogs, lesen das Magazin vom Elsässer, hören KenFM und haben Dirk Müllers Börsenbrief abonniert. Da bekommen sie ihre Bestätigung, alles andere wird ignoriert oer man erstellt pauschal, von den Amis gekauft zu sein (Nun geben Sie es zu, Herr Kirchner. :-)). Da braut sich eine gefährliche Mischung aus Antiamerikanismus, Antisemitismus und Antikapitlismus zusammen.

    Viele sagen, die Medien seien in der Angelegenheit Putin gleichgeschaltet. Kann ich nicht erkennen. Ich habe bisher immer entgegnet, dass die deutschen Medien so unterschiedliche Zeitungen umfassen wie FAZ, SZ, taz, Welt, sogar das Neue Deutschland und die nehmen unterschiedlich Stellung zum Konflikt in der Ukraine. Wo ist die Gleichschaltung? Warum misstraut man den deutschen Medien mehr als den russischen? Denn da wird im Kreml entschieden, wie berichtet und kommentiert wird.Auf meinen Hinweis bekam ich von einem Putin-Versteher noch nie eine Anmerkung.

    Anstatt sich zu fragen, warum Elsässer, Ken Jebsen und mittlerweile auch Dirk Müller in den ordentlichen Medien kaum noch eine Rolle spielen, sieht man deren Auftreten bei Russia Today als Bestätigung, dass bei uns Zensur herrsche.

    Viele Grüße

    Ein Couponschneider

  4. Tim Broich permalink

    Ich gebe es zu: Bei mir hat ein Vertrauensverlust in die deutschen Medien stattgefunden. Nicht, da ich wie Ulfkotte bezahlten Auftragsjournalismus hinter jeder Ecke vermute, sondern dadurch dass in bestimmten Themenbereichen keine Meinungspluralitaet besteht. Zu Ihrem Themenbereich Geldanlage kann ich da wenig sagen, zumindest im Bereich Makrooekonomie sehe ich eine solche Pluralitaet durchaus gegeben, kann man doch in Spiegel oder SZ haeufiger eurofreundliche Artikel lesen, die argumentieren dass Deutschland mehr konsumieren muss, und generell solidarischer mit Europa sein muss, waehrend dies in Zeitungen wie FAZ und Welt tendenziell anders gesehen wird.

    Ich denke das Thema, das am meisten zum Unmut beigetragen hat (auch bei mir), ist die Auslandsberichterstattung sowohl zur Syrienkrise als auch aktuell zur Ukrainekrise da in diesem Themenbereich diese Meinungspluralitaet abhanden gekommen ist und viele Medienkonsumenten das Gefühl einer tendenziösen Berichterstattung haben während ihnen von den in Meinungsspalten betroffenen Blaettern gene mit Ulfkottischen Pauschalvermutungen wie ‚Putinversteher‘, Verschwoerungstheoretiker, oder gar von ‚Putin bezahlte Trolle‘ begegnet wird. Hier gibt es offenbar eine Dissonanz zwischen der breiten Mehrheit der Medien und einem zumindest in Leserbriefspalten nicht unwesentlichen Teil der Leserschaft. Dass das Argument der Realitaetsverweigerung der Leser etwas zu kurz gegriffen ist zeigt der Vergleich mit der Presse des deutschsprachigen Auslandes in der ein deutlich differenzierteres Bild der Konflikte existiert.

    Das Ulfkotte Buch kommt in diesem Sinne einfach nur zu einer (fuer Herrn Ulfkotte) idealen Zeit und bedient aktuelle Frustrationen mit veralgemeinernden Thesen.

    Die berechtigte Frage ist allerdings wieso in bestimmten Themen ein Meinungskonformismus der Medien besteht, welcher der Meinungspluralitaet unter der Medienkonsumenten nicht gerecht wird.

    Ein Grund könnte hier die vornehmend im kalten Krieg sozialisierte Medienelite sein, für welche die transatlantische Vernetzung vermutlich nur das Symptom und nicht Ursache der einseitigen Sichtweise ist. Und wie sie treffend schreiben, wird ein Journalist in diesen Redaktionen eher dazu neigen die Sicht des Chefradakteurs zu teilen (soweit er bei einer in vorigen Positionen geauesserten gänzlich anderen Sicht überhaupt erst eine Anstellung findet).

    In diesem Sinne, Herr Kirchner genießen Journalisten individuell durchaus noch meinen Respekt, allerdings befriedigen sie als ganzes Mediensystem in diesem Themenbereich nicht mein Bedürfnis unabhängig und umfassend informiert zu werden.

  5. Lieber Christian,

    es geht auch so: Das Technik&Wissen-Ressort der WirtschaftsWoche hat vor ein paar Jahren intensiv damit begonnen, Artikel zu Nachhaltigkeitsfragen und zur Machbarkeit der Energiewende zu verfassen.

    Die waren fast sämtlich nicht auf der Linie des (damaligen) Chefredakteurs. Das hat – natürlich – zu kontroversen Diskussionen geführt. Die aber regelmäßig in Aussage wie dieser gipfelten: „Ihr wisst ja, dass ich Eure Position für falsch halte. Aber wenn die Stücke fundiert und belegt sind, dann schreibt sie auf; die Gegenthese schreibe ich dann selbst.“

    Das passt natürlich gar nicht ins Bild der Verschwörungsfans. Aber da zählen Fakten ja eh nicht, sondern nur (Vor-) Urteile.

    Gruß
    Thomas

  6. M.Groenewold permalink

    Sehr geehrter Herr Kirchner,

    auch ich „stolpere“ über den Bildblog zu ihnen. Ich finde durchaus das sie Recht haben, denke aber das ihre Kritik viel zu Allgemein gehalten ist und das sie die Kritiker/Kommentatoren von Artikeln in eine Schuhblade ablegen, ein Urteil fällen und es sich damit etwas leicht machen.
    Als Beispiel nehme ich mich und das Finanzwesen. Ich bin nicht repräsentativ, nicht objektiv, aber ich kann mindestens eine möglichst ehrliche Stellungnahme zum Thema abgeben.
    Denn auch ich schreibe Kommentare unter Artikel. Und ich gebe zu das ich durchaus mal persönlich geworden bin und so manchem Journalisten so einiges attestierte. (Blind, Ahnungslos, Verantwortungslos, Naiv usw.)
    Einen Tag später erschreckt mich dann der Tonfall meines Kommentars selber.
    Was mich ehrlicherweise nicht immer davon abgehalten hat, eine gewisse Zeit später wieder ähnliche Kommentare zu verfassen.
    Das hat aber auch seinen Grund, denn ihre Artikel und die Artikel ihrer Kollegen beeinflussen das Leben der Menschen in Deutschland sicher mindestens ebenso, wie die Kommentare zu diesen Artikeln deren Glaubwürdigkeit beeinflussen können.
    Um nicht auszuufern und weil sie vom Fach sind, nehme ich jetzt den Finanzjournalismus als Beispiel.
    Zu meiner Person. Ich bin für den Euro, halte nicht viel von Gold, aber viel von Aktien, wenn auch nicht als Altersvorsorge. Die private Altersvorsorge halte ich nur für Menschen Sinnvoll, die zumindest mit großer Wahrscheinlichkeit im hohen Alter keine zusätzliche Altersvorsorge brauchen.
    Meine Haltung zu diesem Themenkomplex, ist also zumindest etwas Komplexer, als das klare Bild des „Dagegen Kommentators“, das sie zeichnen, ihnen aber zweifelsohne häufig begegnen mag.
    Meine persönliche Erfahrung die mich Emotional werden läßt…
    Es waren Journalisten die in meiner Wahrnehmung teils massiv für die private Altersvorsorge und auch für die Riesterrente „warben“. Sie setzten sich u.a. massiv für Reformen des Rentensystems ein. Etwa mit der Begründung des demographischen Wandels.
    Vieles von dem was dort geschrieben wurde halte ich für falsch. Trotzdem kamen diese Reformen, die in meinen Augen eben auch relativ unreflektiert herbei geschrieben wurden.
    Freunde und Verwandte von mir, schlossen daraufhin auch einige Verträge hab. Auch weil sie gelesen hatten wie wichtig das für ihre Zukunft ist.
    Die Menschen vertrauten den Politikern, den Finanzdienstleistern und den Journalist und liefen Massenhaft in „die Falle“. Wie etwa ein sehr guter Freund, der eine betriebliche Altersvorsorge abgeschlossen hat. Denn wie gut das ist, konnte er in der Zeitung lesen.
    Wie schlecht für ihn selber dieser Vertrag war, merkte er erst später. Ich kann nicht sagen warum andere Menschen in Kommentaren journalistische Beiträge Zereisen und persönlich werden. Ich tue es, weil ich der Meinung bin, das viele Journalisten dabei geholfen haben, Menschen die mir am Herzen liegen, zu übervorteilen.
    Menschen die ihren Finanzberatern gegenübersaßen und nicht einmal die Hälfte von dem Verstanden haben, was sie da eigentlich genau unterschrieben haben.
    Man kann diesen Menschen dabei durchaus vorwerfen Naiv gewesen zu sein, aber sie handelten im guten Glauben. Gerade die Riesterrente und die bAV Rente leben auch von der Glaubwürdigkeit des Staates und von Beiträgen der Medien die Vorteile der privaten Fürsorge gepriesen haben.
    In gewisser Weise wurden diese Menschen mit den Finanzdienstleistern alleine gelassen.
    Wie sie sich denken können, lehne ich die Riesterrente und die bAV ab. Ich bin der Meinung dafür gute Argumente zu haben und das sie und ihre Kollegen eher schlechtere Argumente ins Feld führen können. Speziell den Menschen denen Altersarmut droht, nutzt die private Altersvorsorge wenig.
    Deshalb werde ich manchmal emotional wenn ich Artikel lesen, die die Vorzüge der privaten Altersvorsorge preisen.
    Ich bitte das nicht als Rechtfertigung zu verstehen. Noch behaupte ich in diesem Fall Objektiv zu sein. Ich lege nur meine Motive dar.
    Das ich dabei manchmal persönlich geworden bin, tut mir ehrlich leid. Aber ich habe dafür Gründe. Vielleicht keine die gut genug sind um das zu rechtfertigen, aber sie sind trotzdem da.
    MfG
    Marco Groenewold

    PS

    Ich bitte Syntax, Orthographie und Interpunktion zu entschuldigen. Ich schreibe nicht so gut wie ein professioneller Journalist.
    Auf Wunsch kann ich noch präziser bei meinem Beispiel werden oder genauer Erleutern warum ich gegen die Riesterrente bin. Und um eines noch zu sagen. Ich habe einen Riester Vertrag abgeschlossen. Für mich lohnt es sich.

    • Hallo, Herr Groenewold,
      ich hoffe, Sie unterliegen keinem Missverständnis, ich habe überhaupt keine Probleme damit, wenn Menschen (auch anonym) in Foren und über Leserkommentare Dampf ablassen bis hin zu Beschimpfungen der Autoren. Wir Journalisten arbeiten in einer Branche, die vorzüglich „austeilen“ und aburteilen kann, da sollte man nicht so empfindlich sein, wenn es mal Echo gibt. Das betrachte ich mit meinem Gehalt als abgegolten, solange die Dinge einigermaßen im Rahmen bleiben. Ausfälle sagen ja meist mehr über den Absender als den Empfänger.

      Worüber ich mich sorge ist die Frage, inwiefern eine recht uniforme Meinung von typischen Kommentatoren die Wahrnehmung von Artikeln beeinflusst. Sie haben mit Riester da ein gutes Besipiel gewählt, wo das Urteil der Kommentatoren sehr einseitig ausfällt, obwohl viele Journalisten (und übrigens auch ich) zu anderen Ergebnissen kommen als die große, große Mehrheit der Leserkommentatoren. Und wenn hier fast jeder kommentierbare Artikel mit einem Teppich an Kritik versehen wird mit den immergleichen Argumenten („Wird gegen die Grundsicherung gerechnet! NICHT machen!“ beziehungsweise „Rechnet sich nur, wenn man 102 Jahre alt wird!“), bleibt dies nicht ohne Wirkung beim Leser, der den Schluss ziehen muss, die „Schwarmintelligenz“ wisse doch bestimmt mehr.

      Insofern adressieren Sie auch mich mit Ihrer Kritik, der ich mich gerne stelle. Ich halte sowohl die betriebliche Altersvorsorge als auch Riester für grundsätzlich empfehlenswerte Instrumente der Vorsorge. Mit vielen Haken (teils viel zu hohe Gebühren und Provisionen), fraglos. Das habe ich so auch schon oft geschrieben.

      Es gibt Angebote der betrieblichen Altersvorsorge, die unter Rendite/Kostenaspekten nicht attraktiv sind, weil der Anbieter wenig taugt beziehungsweise das Produkt, für das sich der Arbeitgeber entschieden hat. Und es gibt Riester-Verträge, für die das gleiche gilt, weil der Anleger kaum Chancen hat, der Gebührenspirale zu entkommen. Gerade bei Riester haben sich die meisten Anleger aus Gründen, die nicht im Journalismus, sondern in den gewachsenen Vertriebsstrukturen zu suchen sind, mehrheitlich für Rentenversicherubgsmodelle entschieden statt für gebührenschonende Sparplanmodelle (die nun ihrerseits Probleme haben mit den Niedrigzinsen) oder Fondslösungen (welche mehrheitlich ganz hervorragend abgeschnitten haben).

      Die grundsätzliche Kritik an Riester (die politisch irrsinnige Anrechnung gegen die Grundsicherung oder die Tatsache, dass sie eine Zwangsverrentung von 70% der Beiträge vorsieht u. sich mithin für mich nur rechnet, wenn ich recht alt werde) wird wieder und wieder neu aufgekocht, macht das Produkt aber per se nicht schlecht. Auch wenn ich beide Dinge für problematisch halte.

      Ich lese aus Ihren Zeilen aber ein etwas merkwürdiges Verständnis von „Verantwortung“ für die Abschlüsse Ihrer Freunde und Bekannte heraus. Wenn sich jemand für einen Riester-Vertrag oder eine betriebliche Altersvorsorge entscheidet, so ist dies ein Vorgang, bei dem es recht schnell um hohe fünf- oder gar sechsstellige Anlagesummen über mehrere Jahrzehnte geht. Soweit ich weiß, leben wir immer noch in einem freien Land, in dem niemand zu Abschlüssen gezwungen wird und jeder für seine Abschlüsse selbst verantwortlich ist. Wenn jemand sich entscheidet, langfristig derart hohe Beträge anzulegen, sind einige Stunden Beratung oder Selbststudium sehr, sehr gut angelegt, um daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Offen gestanden kann ich schon Ihrem grundlegenden Vorwurf nicht folgen, es gebe hier eine merkwürdige Allianz aus Medien udn Finanzdienstleistern, da sich viele Medien höchst kritisch mit Riester und der baV auseinander setzen, nehmen wir hier exemplarisch den „Stern“ oder die „WirtschaftsWoche“.

      Und: Zum Abschluss eines Produkts, welches sich im Nachhinein als schlecht heraus stellt, gehören in allererster Linie zwei: Anbieter und Kunde. Die mir privat und persönlich bekannten Fälle von „Problemen“ aus Schrott-Rietseprodukten oder fondsgebundenden Policen fußen in den seltensten Fällen darauf, dass ein Kunde einer konkreten Produktempfehlung der „Presse“ gefolgt ist, sondern er/sie einer womöglich grundsätzlichen Haltung gefolgt ist („Riester/baV/fondsgebundene Police kann gut sein / ist gut) und die Dinge anschließend in einem etwa halbstündigen Beratungsgespräch „hinter sich gebracht hat“. Sehen Sie es mir nach, wenn ich da auch einmal auf Basis anekdotischer Evidenz plakativ bin.

      Davon unabhängig würde ich mich natürlich sehr freuen, wenn 1) mehr Menschen in diesem Land die Dinge selbst in die Hand nähmen und sich schlau machten in Sachen baV und Riester und private Vorsorge und 2) der Staat und die Aufseher dafür sorgen würden, dass die Gebührenstrukturen so gestalten, dass sie der Herausforderung der Niedrigzinsära angemessen sind. Hier gibt es hervorragende Vorbilder in Schweden, den Niederlanden oder Großbritannien. Allein, da fehlt mir der Glaube.

      Ich vertiefe das Thema gerne hier,
      beste Grüße,
      Ihr
      Christian Kirchner

      • M.Groenewold permalink

        Sehr geehrter Herr Kirchner,

        meine Antipathie gegenüber der Riesterrente (nachfolgend RR) und der bAV) fußt auf zwei Säulen. Zum einem halte ich das Konzept aus volkswirtschaftlicher Sicht für problematisch, diesen Aspekt möchte ich aber erst mal aus Gründen der Übersicht außen vor lassen.
        Zum anderen gibt es da den betriebswirtschaftlichen Aspekt. Er ist in meinen Augen der wesentlich komplexere. Denn jeder muß für sich herausfinden, was das passende Produkt für ihn ist und dabei sämtliche Vor und Nachteile berücksichtigen.

        Das wir in einem freien Land leben und jeder für sich selber verantwortlich ist, halte ich in etwa für ein ähnlich gutes (totschlags) Argument, wie dieses Argument mancher Leser auf ihre Artikel “Wird gegen die Grundsicherung gerechnet! NICHT machen!” .

        Denn sehr viele Menschen sind nicht in der Lage, die Verträge die sie unterschreiben wirklich zu verstehen. Das Abwägen der individuellen Vor und Nachteile kann sehr komplex sein und viele Überfordern.
        Das umfasst die teils absurd komplexen Gebührenstrukturen vieler Verträge, oder vereinbarte Bonus/Treuezahlungen deren Bedingungen nur schwer zu erfassen sind.
        Sind Risiko und Rendite „ausgeglichen, welche weiteren rechtlichen und sozialstaatlichen Auswirkungen hat der Vertrag auf mich und ab wann lohnt sich der Vertrag jetzt für mich und ab wann nicht?

        Das sind alles sehr komplexe Fragestellungen, die nur Experten beantworten können. Selbst die Damen und Herren von der Stiftung Warentest oder sie und ihre Kollegen bei speziellen Produktempfehlungen stoßen da an ihre Grenzen. Denn sie können nur die einzelnen Produkte bewerten, nicht aber die individuelle Ausgangssituation des Ratsuchenden.

        Einige Stunden Beratung oder Selbststudium reichen nicht aus.
        Zum einem haben wir in Deutschland aus meiner Sicht ein kulturelles Problem mit dem Thema Geld. In recht vielen Familien ist es immer noch ein Tabu Thema und in der Schule ein klassisches Randthema. Ein Nebenfach.
        Wenn sie einfache Menschen auf der Straße Frage würden, was der Unterschied zwischen nominalen und realem Wachstum des BIP ist, würde ich behaupten, das viele Befragten schon mit dieser einfachen Frage überfordert wären.
        Ich habe diese Frage mal einer Abi Abschlussklasse gestellt, auch wenn das Ergebnis nicht repräsentativ gewesen sein mag, hatte über die Hälfte Probleme mit der Antwort.

        Zum anderen stehen diese Menschen dann einer viel zahl von Experten gegenüber. Verwandten, Bekannten, Finanzberatern, Journalisten, Kommentatoren (ihre Befürchtung) von Artikeln, usw.
        Wenn man selber keine Ahnung hat, ist es schwer vertrauenswürdige Quellen, Halbwahrheiten und Lügen auseinander zu halten.
        Weil sie in ihrem Blog das Thema Gold erwähnten, darf ich z.B. darauf hinweisen das viele ihrer Kollegen ausgesprochene Fans dieser „Geldanlage“ sind.

        Natürlich habe sie Recht. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und wer Blind einen Vertrag unterschreibt, trägt dann logischerweise auch Verantwortung. Aber es gibt nun einmal auch den Aspekt, das viele mit dem Thema schlicht überfordert sind und das der Gesetzgeber den Finanzdienstleistern viele Möglichkeiten gelassen hat, um die Kunden über den Tisch zu ziehen.

        Wie komplex die Auswirkungen sein können, möchte ich jetzt am Beispiel der bAV deutlich machen. Hier ist im ersten Augenblick das Kernproblem, das mein Arbeitgeber einen Vertrag für mich aussucht. Das halte ich aus vielen Gründen für sehr problematisch. Denn das Vertragsangebot ist damit logischerweise limitiert. Es ist dabei durchaus möglich das ein und derselbe Vertrag für den einen Arbeitnehmer ein „Segen“ ist, während er für den anderen zum „Fluch“ mutiert. (Grauzone eingeschlossen)

        In meinen Augen ist gerade bei kleineren und mittleren Betrieben die Gefahr groß, das es zu Absprachen zwischen Arbeitgeber und Finanzdienstleister kommen kann.

        Gerade bei der bAV finde ich es unglaublich schwer zu ermitteln, wie sinnvoll sie für den einzelnen ist. Vor allem da die reale Rendite schwer zu errechnen ist.

        – Sie wissen nicht genau wie die Besteuerung bei Auszahlung aussieht.

        – Beitragssatz der Krankenkasse, Pflegeversicherung müssen abgezogen werden.

        – Durch Endgeldumwandlung reduziert sich die Rentenanwartschaften bei der gesetzlichen
        Rentenversicherung. Sie müssen also den „Verlust“ mit ihrer Rendite verrechnen.

        – Im Falle der Arbeitslosigkeit weniger ALG1

        – Wechseln sie häufiger den Arbeitsplatz? Natürlich kann man den Altvertrag mitnehmen, aber der zukünftige Betrieb ist nicht verpflichtet das gleiche dazu zu steuern, wie der alte Betrieb.
        Man kann auch den Arbeitgeberanteil übernehmen, aber kann man sich das leisten?

        – Muß ich mit Arbeitslosigkeit im Alter rechnen? Wie viele Jahre muß ich mindestens in den Vertrag einzahlen damit die Kosten des Vertrages nicht meine Rendite auffressen?

        – Frau mit Kinderwunsch? Wie sieht hier die Zukunft aus? Elterngeld, da vom Bruttolohn abhängig, fällt geringer aus.

        -Gesundheit. Wenn ich länger Krank bin, erhalte ich auch weniger Krankengeld im Krankheitsfall.

        In meinen Augen gleicht das Abschließen einer bAV eine Wette auf die Zukunft, die sich nur für Menschen lohnt, die einen Verlust entsprechend gut verschmerzen können.
        Gerade einkommensschwache Arbeitnehmer, werden die evtl. negativen Auswirkungen zu einem späteren Zeitpunkt besonders drastisch zu spüren bekommen.
        Arbeitnehmer die häufig ihren Arbeitsplatz wechseln, oder den Wunsch hegen später mal Kinder zu bekommen, müssen mit einer ständigen Unsicherheit rechnen, ob sich das Produkt für sie wirklich lohnt oder nicht.
        Alleine schon die Tatsache das bei dieser komplexen Grundsituation, der Arbeitgeber meist nur ein bis zwei verschiedene Verträge anbieten, sorgt dafür, das die bAV zwangsläufig viele Verlierer „produziert“.

        Gerade Menschen mit einem hohen Einkommen, profitieren hingegen eher von der bAV. Speziell solche die eine private Krankenversicherung abgeschlossen haben und die beim Wechsel des Arbeitgebers eher dazu in der Lage sind den Arbeitgeberanteil notfalls selber zu übernehmen.
        Sie sind im Allgemeinen auch besser im Ernstfall Versichert, als Arbeitnehmer die über weniger zur Verfügung stehende Einkommen verfügen.

        Die bAV ist in meinen Augen daher ein äußerst ungeeignetes Instrument zur Altersabsicherung für Menschen, die besonders von Altersarmut bedroht sind.
        Ob sich der Abschluss einer bAV lohnt, ist aufgrund vieler Faktoren schwer vorherzusagen.
        Gerade bei der bAV halte ich deshalb eher Produkte mit einer hohen Rendite und entsprechend größerem Risiko für sinnvoller. Nicht im Sinne des Erfinders für mein dafürhalten.

        Hinzu kommt noch ein anderer Faktor. Gerade Menschen mit einem niedrigen Einkommen, leben in einer anderen Realität als die Politiker, die die private Rentenvorsorge in ihrer jetzigen Form eingeführt haben.
        Viele Menschen mit einem geringen Einkommen, sind häufig verschuldet. Der Dispokredit läßt an dieser Stelle grüßen. Oder das schlecht kalkulierte Eigenheim belastet die finanzielle Situation einer Familie, etwa weil ein Einkommen weggebrochen ist.
        Leider neigen einige Politiker, Journalisten und auch Kommentatoren von Artikeln dazu, diesen Menschen selber Schuld an dieser Miesere zu gben. Das ist in meinen Augen aber etwas zu einfach,wenn auch sicher manchmal zutreffend. Schon ein kleiner Umzug, kann einen schwachen Haushalt völlig aus dem Gleichgewicht werfen und in die Überschuldung führen.

        Und gerade diese Menschen, die ein Soll auf ihrem Konto haben, zwacken von ihrem ohnehin schon geringen Einkommen jetzt noch etwas für die Altersvorsorge ab.
        So können schon 50 € pro Monat zu einer starken finanziellen Belastung werden, für die man dann auch noch einen Soll Zins zahlen muß.
        Setzten die Betroffenen ihre Verträge aus, macht sich das am Ende entsprechend negativ bei der Auszahlung bemerkbar und beeinflußt natürlich auch das individuelle Kosten/Nutzen Verhältnis des Vertrages.

        Ob nun RR oder die bAV. Beide sollen Menschen dafür schützen im hohen Alter mit mehr oder weniger leeren Händen dazustehen. Und ich glaube beide Produktgruppen versagen in der Breite gerade bei den Menschen, die von Altersarmut am meisten bedroht sind.
        Je größer das Einkommen (und bei der RR die Anzahl der Kinder), desto größer auch die Chance, das sich das Produkt betriebswirtschaftlich rechnet.

        Allerdings kommen dann auch noch die volkswirtschaftlichen Auswirkungen zum Tragen, die man einkalkulieren müßte. Sie selbst haben ja auch z.B. den Niedrigzins abgesprochen.

        Unter dem Strich wäre es wirklich wünschenswert wenn mehr Menschen die Dinge selbst in die Hand nähmen und sich schlau machten in Sachen baV und Rieste und der Staat die Gebührenstrukturen übersichtlicher gestalten würde. Beides reicht aber für mein Dafürhalten nicht aus. Bei weitem nicht.

        Das etwas merkwürdige Verständnis von Verantwortung, das sie aus meinen Zeilen herauslesen, fußt u.a. darauf, das ich früher (als ich noch jung und naiv war 😉 auch einigen Personen in meinem unmittelbaren privaten Umfeld (allgemein) zur privaten Altersvorsorge geraten habe, bei denen ich es nicht hätte tun sollen.

        Es tut mir leid das der Text so lang geworden ist, ich habe schon schwer gekürzt.
        Ich vertiefe das Thema auch gerne weiter.

        MfG

        M. Groenewold

  7. Herr Groenewold, das sind alles valide Punkte. Ich habe sie ja selbst schon in zwei längeren Beiträgen in den letzten Wochen hier angeschnitten. Aber sehen Sie es mir nach, die Antwort auf die Komplexität kann nicht die Kapitulation davor sein, indem ich sage: Das ist für einen Menschen im Selbststudium nicht lösbar oder alternativ etwas „blind“ unterschreibe, weil ich der Sache thematisch nicht Herr werde. Und nochmals: Finanzielle Allgemeinbildung ist ein Problem – und die Wurzeln liegen in der Tat meist in der Familie. Und dagegen muss dringend etwas getan werden, Vorsorge vereinfacht, Gebühren gedeckelt werden. Wenn man verhindern will, dass dem Staat die Menschen in 10, 20 oder 30 Jahren vor die Füße fallen (und hier vor allem Geringverdiener). Aber das ganze Leben ist eine Kette von Zufällen und Annahmen. Das gilt für eine Heirat ebenso wie für meine Fahrt nach Hamburg am Wochenende (Zug? Bahn? Auto? Flieger?) oder den Immobilienerwerb oder dem Kinderkriegen oder das vierte Bier, das ich trinke oder nicht. Da unterscheidet sich die Überlegung baV oder nicht nicht von einfacheren Dinge, es ist nur wichtiger und weitreichender und lohnt daher die Auseinandersetzung.

    Draußen laufen viele Lumpen herum, denen es nur um den „Abschluss“ geht. Denen viele Geringverdiener auf den Leim gehen. Alles richtig. Aber das ist doch auch laufend das Thema von Verbraucherzentralen und Reportagen und Dokumentationen? Wieso fällt wieder und wieder rituell der Hinweis, man müsse sich die Lebenswirklichkeit der Geringverdiener vor Augen führen, wenn man zur „Vorsorge“ aufruft? Ich verstehe auch schon den Grundgedanken nicht, (auch) die Politik habe da eine Haltung und rufe zu mehr Vorsorge auf. Der Politik ist dieses Thema doch vollkommen wurscht derzeit, denn die hat zum einen Interesse an mehr Konsum statt Vorsorge und greift zum anderen beherzt in die Rentenkasse für Wahlversprechen.

    Ich hoffe dennoch, dass ich mit meinen Beiträgen zum Diskurs beitrage und zum Nachdenken anrege, und ich bin eben auch journalistisch nicht bereit, vor der Komplexität zu kapitulieren. Und auch wenn ich mich da schon wieder wiederhole: Ich finde die Haltung der Presse zur betrieblichen und geförderten Vorsorge weit heterogener als die der öffentlichen Meinung im Internet.

    Beste Grüße,
    Ihr
    Christian Kirchner

    • M.Groenewold permalink

      Sehr geehrter Herr Kirchner,

      sie haben durchaus recht damit, das die Haltung der Presse zur betrieblichen und geförderten Vorsorge weit heterogener als die Öffentlichkeit wahrnimmt. Allerdings nur Betriebswirtschaftlich betrachtet.

      Nur wenn es schon viele ihrer Kollegen nicht schaffen (auf Beispiele verzichte ich, liefere sie aber gerne nach) objektiv und kritisch beim Thema bAV zu sein, wie so sollen es dann die Otto Normalverbraucher können? Ich kenne regelrechte „Jubelartikel“ aus „Qualitätsmedien“, die geradezu enthusiastisch von der bAV schwärmen und ihre Vorzüge lobpreisen. (als Beispiel)

      Ich denke solche Artikel bleiben beim Leser eher hängen und vielleicht neigen einige dazu deshalb alles über einen Kamm zu scheren. Ausgewogene und differenzierte Haltungen gehen meist etwas unter. Die Informationsvielfalt hat eben auch ihre Schattenseiten und um Objektivität und Abstraktionsvermögen ist es bei Menschen generell eher schlecht bestellt.

      Bei allem anderen stimme ich ansonsten mit ihnen über ein. Auch wenn ich glaube das eher die Schule und weniger das Elternhaus verstärkt auf das Finanzwesen und seine Fallstricke eingehen sollte.

      Wie oben schon erwähnt, sehe ich das aber beim volkswirtschaftlichen Aspekt grundlegend anders und würde unterstellen das es zumindest vor einigen Jahren eine erstaunlich reflektionsarme und einseitige Berichterstattung zum Thema Rente, demografischer Wandel und privater Vorsorge gab.

      Bis dato habe ich nur diesen und den verlinkten Blogeintrag von Ihnen gelesen. Werde das nachhohlen. Ihre Artikel für Spon und den Spiegel sind mir aber durchaus bekannt und sie tragen meines erachtens durchaus zum betriebswirtschaftlichen Diskurs bezüglich der privaten Altersvorsorge bei .

      MfG

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  2. Artikel über Wirtschaft, Finanzen und Devisen - 30. November 2014 | Pipsologie

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