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Juckt Ihnen auch der Finger in Sachen Öl?

11. Dezember 2014

Der Ölpreis bricht ein: Um 40 Prozent ging es seit Sommer abwärts auf nunmehr unter 60 US-Dollar für ein Fass der Sorte WTI. Der geneigte Investor beginnt da natürlich zu grübeln, ob ein derart panikartiger Einbruch keine formidable Einstiegsgelegenheit wäre – vor allem, wenn man den Dauersound der Nuller Jahre im Ohr hat, wie wertvoll Rohstoffe zur Depotdiversifikation sind? Ein Rat: Lassen Sie es bleiben!

Wer sich bereits ein wenig länger als nur seit der Finanzkrise mit Finanzmärkten beschäftigt, kann sich mit Sicherheit an eines der ganz großen Trendthemen der Nuller Jahre erinnern: Rohstoffe. Tatsächlich gibt es eine Reihe guter Gründe für eine Anlage in Rohstoffe: Langfristig sind (oder sagen wir: waren sie) sie schwach mit Aktien und Anleihen korreliert und bieten so willkommene Diversifikationseffekte. Dass eine wachsende Weltbevölkerung und hier vor allem das Wirtschaftswachstum und der wachsende Konsum in den Schwellenländern preistreibend wirken dürften, klingt dabei ebenso plausibel wie die Vorstellung, dass Rohstoffe nur begrenzt verfügbar sind, mithin also die ein oder andere Knappheit für Preissteigerungen sorgen dürfte. (Lassen wir die moralischen Aspekte mal außen vor.)

Da klingt auch ein Engagement in Öl derzeit spannend angesichts des dramatischen Preiseinbruchs, der so gar nicht zu einer Weltwirtschaft passt, der es gewiss besser gehen könnte, aber letztlich doch wächst.

Machen wir hier mal eine Ausnahme in dem ansonsten zurückhaltenden Ton konkreter Tipps: Lassen Sie die Finger von Rohstoffengagements, die über eine Beimischung von Gold hinausgehen. Und wenn Sie doch von der segensreichen Wirkung von Rohstoffen profitieren wollen, überlassen Sie Ihr Geld einem Rohstoffprofi (über Fonds) oder greifen noch besser zu einem breiten Korb an Rohstoffaktien über Indexfonds, von denen es Dutzende gibt. Denn im Reich der Rohstoffe funktioniert kein „Kaufen und Halten“ wie in anderen Bereichen der Kapitalmärkte. Also etwa jetzt Öl zu kaufen und einfach zu warten, bis der Preis mal wieder steigt.

Hier meine Gründe

  • Mit den angeblichen schwachen Korrelationen ist es so eine Sache: Zwei Anlageklassen können zehn oder gar zwanzig Jahre schwach miteinander korreliert sein und somit ideale Depotergänzungen. Dummerweise können beide dann aber im Fall der Fälle, nämlich dann, wenn man eine schwache Korrelation dringend brauch, urplötzlich dramatisch stark miteinander korrelieren. Diese Erfahrung mussten viele Anleger mit Rohstoffen in der Finanzkrise machen, als etwa der Ölpreis von über 150 auf 40 US-Dollar einbrach. Das gilt umso stärker in einer Ära, in der Rohstoffe und auch viele andere einst diversifizierende Anlagen sehr einfach über Indexfonds oder andere Vehikel investierbar sind. Und entsprechend auch „liquidierbar“. Womit wir auch die Erklärung dafür haben, wieso der Ölpreis wider so manche fundamentale Logik in den letzten knapp 20 Jahren meist prozyklisch zwischen 12 und 150 Dollar fluktuierte je Fass. Und wenn der Konsens genau „wusste“, dass es tiefer nicht geht, ging es noch mal 50% tiefer. Und umgekehrt.
  • Für meisten Rohstoffe fallen Lagerkosten an. Das heißt, wer nun auf einen steigenden Ölpreis setzt, der bunkert sich den Rohstoff nicht fassweise, sondern kauft vermutlich ein Anlagevehikel, das auf einem Terminkontrakt fußt, der zu einer künftigen Lieferung von Öl berechtigt. Das spart die Lager- und Lieferdebatte. Kostet aber. Ein Fass zur sofortigen Lieferung kostet derzeit 60 US-Dollar. Ein Fass zur Lieferung Ende 2016 hingegen knapp 70 US-Dollar. Was wiederum bedeutet: Der Ölpreis muss schon binnen zwei Jahren wieder um mindestens 10 US-Dollar steigen, damit ich überhaupt eine schwarze Null schaffe. In vielen Rohstoffanlagen führt dies zur „Rollproblematik“, die Rohstoff-Indexfonds oder –zertifikate investieren stets in den nächsten, fälligen Kontrakt, verkaufen diesen kurz vor Lieferung und „rollen“ in den nächsten. Da diese aber im Rohstoffmarkt meistens etwas teurer sind, nagt die Preisdifferenz fortlaufend am Wert meines Rohstoffprodukts. Das heißt auch: Man kann sich eben nicht wie im Aktien- oder Anleihenmarkt mit einem geduldigen Kaufen und liegen lassen dem nervösen Gezuckele entziehen, sondern finanziert es mit.
  • Über die Renditen von Rohstoffen herrscht ein großes, großes Missverständnis, von dem ich immer noch glaube, dass es die allerwenigsten Privatanleger verstanden haben. Denn der größte Teil der ausgewiesenen Rendite einer Rohstoffinvestition kommt nicht von der Preisentwicklung der Rohstoffe, sondern ganz banal den Zinseinnahmen, die bei einem Rohstoffengagement über den Terminmarkt für die Sicherheiten entstehen. Leicht festzumachen ist das am Rohstoffindex GSCI, der einst von Goldman Sachs initiiert und nunmehr von S&P berechnet wird. Es gibt drei wesentliche Rohstoffindizes des GSCI: Den GSCI Spot Return (der die Preisveränderungen der Rohstoffe zur sofortigen Lieferung misst), den GSCI Excess Return (der die Preisveränderungen am Terminmarkt misst) und den GSCI Total Return (der die Preisveränderungen am Terminmarkt einschließlich der fälligen Zinseinnahmen misst). Die Zinseinnahmen fallen an, weil ein Rohstoffkäufer lediglich einen Bruchteil der Anlagesumme benötigt am Terminmarkt, um einen Öl- oder Kupferkontrakt oder einen anderen Rohstoff zu kaufen. Der Rest wird verzinst als Sicherheit hinterlegt. Die Zinsen orientieren sich an den kurzfristigen US-Staatsanleihen. Auf der Hand liegt, dass der „Spot Return“ Index nicht investierbar ist, denn hier müssten die Anbieter von Anlageprodukten ja direkt physisch handeln. Der GSCI Spot Return brachte seit 1973 achtbare 3,8 Prozent pro Jahr ein. Der GSCI Excess Return ist investierbar – er brachte wegen der oben beschriebenen Rollproblematik am Terminmarkt aber lediglich 3,0 Prozent Rendite pro Jahr ein – nominal wohlgemerkt. Der GSCI Total Return brachte hingegen 9 Prozent pro Jahr ein – und diese Mehrrendite ist ausschließlich auf die lange Zeit üppigen Zinsen auf kurzfristige US-Staatsanleihen zurück zu führen, in welche die Sicherheiten investiert wurden. Diese Sicherheiten werden aber derzeit kaum noch verzinst. Die hohen, ausgewiesenen Rohstoffrenditen waren und sind also in erster Linie nicht mehr als ein weiteres Ergebnis des seit nunmehr über 30 Jahre laufenden Superbullenmarkts der Anleihen. Weshalb ein Chefanlagestratege einer großen Schweizer Bank in einem kommende Woche in Capital erscheinenden Interview auch zu Recht anmerkt, dass aktiengleiche Schwankungen bei anleihengleichen Renditen, wie man sie bei Rohstoffen sehe, keine tolle Kobination seien – und er folglich zu einer taktischen Nullgewichtung der (stark eingebrochenen!) Rohstoffe in Portfolios rät. Und der Herr gibt den Takt für etwa zwei Billionen Fränkli vor.
  • Müssen Rohstoffpreise angesichts der wachsenden Weltbevölkerung nicht quasi automatisch steigen, weil die Chinesen und Inder so viel Öl, Weizen, Kupfer brauchen? Nein, das müssen sie nicht: Obwohl die Weltbevölkerung rasant wächst, sind die realen – also inflationsbereinigten – Rohstoffpreise in den letzten 100 Jahren um rund vier Fünftel gefallen.

Ich bin mir übrigens auch ziemlich sicher, dass der dramatische Einbruch der Ölpreise auf mittlere Sicht erheblich größere geopolitische Risiken birgt, als uns das billigere Öl kurzfristig wirtschaftlich nutzt. Insofern: Hauen Sie sich ruhig die Heizöltanks voll, treten Sie ganz unökologisch auf’s Gas, wenn Sie wollen, beschimpfen Sie die Lufthansa, dass sie die Kerosinzuschläge nicht senkt, kaufen Sie ruhig auch ein paar Ölaktien, wenn Sie den Preis für übertrieben niedrig halten. Aber überlassen Sie das Öl-Zocken den Öl-Zockern.

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5 Kommentare
  1. Francois permalink

    Der Großteil der verfügbaren Produkte (Derivate) in Deutschland, die man für eine Ölwette nutzen könnte, macht nur die Verkäufer bzw. Emittenten reich.

    Ich gehe davon aus, dass Öl- bzw. Energieunternehmen wie Shell, Statoil etc. andere Wege finden werden, Gewinne zu erzielen und so oder so mit „Hedges“ arbeiten.

    Von daher habe ich diese Woche – bestimmt wie so oft zu früh – einen ETF auf Ölaktien gekauft. Die ca. 5% Dividendenrendite lassen mich gelassen warten, was die nächsten 10 Jahre in dem Bereich passieren wird.

  2. Ein – für mich – sehr erhellender und dankbar gelesener Beitrag.

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