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Warren Buffett und die nackte Steininsel in der Ägäis

20. Juli 2015

Zum Handwerkszeugs eines windigen Immobilienentwicklers gehört immer auch, permanent von Promis zu faseln, die sich schon das ein oder andere Objekt angeguckt oder gar gekauft hätten. Gelernt habe ich das im Frühjahr 2003, als ich mit der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in Dubai war und wir dort die künstliche Insel „The Palm“ besucht haben, damals noch in Bau. Die Beckhams, der Matthäus, US-Schauspieler, Tennisstars – sie alle haben angeblich schon Grundstücke gekauft und reserviert. Prüft sowieso niemand nach. Ist verkaufsfördernd.

Das ging mir durch den Kopf, als ich gestern die Meldungen las, nach denen sich Warren Buffett angeblich eine Insel unweit von Athen gekauft habe für 15 Millionen Euro, „gemeinsam mit“ einem italienischen Immobilienexperten namens Proto Organization, hinter der Alessandro Proto steht. 

Die Story enthält natürlich alles, was in diesen trubeligen Tagen ein Höchstmaß an Erregung produzieren kann: Amerikanischer Superspekulant kauft billig Insel im darbenden Griechenland, während sich viele Griechen weder Medikamente noch Essen leisten können. Klar, dass viele Kollegen drauf angesprungen sind – und die Reaktionen tobender Politiker und der Meute in Online-Foren nicht lange auf sich warten ließen. 20.400 Newsseiten findet Google dazu, die Geschichte schaffte es auf die Titelseiten großer Zeitungen.

Die Sache hat nur einen Haken: Man muss nicht sonderlich viel Recherche investieren, um zu ahnen, dass die Story vollkommen hanebüchen ist. Man braucht einfach nur ein bisschen gesunden Menschenverstand und Google, um auf so viele Merkwürdigkeiten zu stoßen, dass es einem schwindelig wird.

Merkwürdigkeit 1: Die Quellenlage war, soweit ich das beurteilen konnte, sehr dubios: Ein italienisch-britisches Unternehmen Proto stach die Transaktion „durch“, offenbar über eine Meldung auf der eigenen Seite, man habe gemeinsam mit Buffett die Insel erworben – von dort ist sie aber verschwunden. Eine griechische Tageszeitung und eine Agentur bissen an. Anschließend wollte Proto nur noch bestätigen, dass man da eine Transaktion vollzogen hätte, aus Diskretionsgründen nenne man aber keine Details. Der Rest war meist (wenngleich nicht immer, einige fragten wohl Proto, die nebulös eine Transaktion bestätigten) wieder die oft übliche Kaskade, sich auf eine lokale Nachrichtenagentur oder lokale Zeitzung zu verlassen und munter voneinander abzuschreiben in einem politisch derart heiklen Thema.

Merkwürdigkeit 2: Der Kauf weitgehend strauch- und vollständig baumloser griechischer Inseln ohne Wasser und Strom wie Agios Thomas passt nicht ganz ins Beuteschema Warren Buffetts, der cashflow-starke Substanzwerte sucht. Auch die Kaufsumme passt nicht zu Buffett, zumal 15 Millionen Euro noch unter dem Preisniveau eines (!) luxuriösen Londoner Apartments liegen. Dass Inseln ein „ultimatives Statussymbol“ seien, wie so oft genüsslich zitiert wurde, war übrigens der Werbesprech der Internetseite, auf der die Insel zum Verkauf stand.

Merkwürdigkeit 3: Es gab zwar einen wilden Aufschrei, dass nun wohl Griechenlands Staatsbesitz verscherbelt werde (und das passiert ja tatsächlich), dabei ging aber unter, dass in diesem Fall die Insel ganz offensichtlich von privat auf einer kommerziellen Plattform angeboten wurde, die ausführlichst zitiert wurde. Googelt man wiederum die Insel selbst – Agios Thomas – stellt man fest, dass die Insel mitnichten in einem „Firesale“ raus muss, sondern seit Jahren zum Verkauf steht. Meldungen lassen sich etwa aus dem Jahr 2011 finden, und damals war die Preisvorstellung VOR dem tiefen wirtschaftlichen Fall Griechenlands übrigens 10 Millionen Euro (siehe mittig im Text). Plus 50 Prozent in den Preisvorstellungen, wenn jahrelang keiner anbeißt, das Land immer ärmer wird, Kapitalverkehrskontrollen eingeführt werden – sowas gibt’s auch nur im Immobilienmarkt!

Merkwürdigkeit 4: Googelt man ein wenig „Proto Organization“, also die Firma, die diesen „Deal“ angeblich mit Buffett durchgezogen hat, stellt man rasch fest, dass das permanente In-Umlauf-Bringen von Gerüchten, für wen und mit wem man alles Immobilienprojekte realisiere oder kaufe und verkaufe, zum Geschäftsprinzip gehört. Madonna, Leonardo di Caprio, Leo Messi, George Clooney, Carlos Tevez, Johnny Depp, Justin Bieber, sie alle haben angeblich Geschäfte mit Proto gemacht – dabei ist Diskretion eigentlich üblich in diesem Metier. Proto verlinkt auf seiner Internetseite sogar munter Gossip über diese Promi-Deals als Referenz. Die „Stories“ sind immer die gleichen, irgend ein Promi interessiere sich für ein Luxusanwesen oder habe es gerade gekauft, natürlich dank/mit Proto. Und danach hört/liest man nie wieder was davon.

Merkwürdigkeit 5: Googelt man ein wenig die Figur hinter Proto, erfährt man rasch, dass er zeitweise in Untersuchungshaft saß wegen Marktmanipulation, dass er rund um den Globus für feuchte Schlüpfer sorgt, weil er den Autor zu „50 Shades of Grey“ inspiriert habe und quasi porträtiert worden sei, dass er schon einmal vor Jahren einen auf „dicke Hose“ gemacht hat, indem er sich als Großinvestor in italienische Firmen aufpumpte.

Merkwürdigkeit 6: Man muss davon ausgehen, dass auch Warren Buffett ein bisschen Recherche betreibt, mit wem er Geschäfte mit Reputationsrisiken macht wie den Kauf griechischer Inseln in diesen politisch fragilen Zeiten – und dass bei der Person Proto ein paar Warnlämpchen angehen könnten, zumal es „nur“ um 15 Millionen Euro geht. Und: Buffett mag prominenter, steinreicher Investor sein – er ist aber auch ein Philanthrop, der annähernd sein gesamtes Vermögen spenden wird nach seinem Tod. Und seit 50 Jahren im gleichen Haus wohnt. 

Merkwürdigkeit 7: Wenn sich die Dinge so zugetragen habe, wie geschildert, war Warren Buffett nicht der erste, sondern folgte mit seinem Kauf Johnny Depp, der schon tags zuvor bei einer anderen Insel „zuschlug“. Natürlich war Proto involviert!  (Bitte achten Sie auf eine Feinheit in der verlinkten Meldung: BESTÄTIGT wird lediglich das Interesse vieler Leute, nicht aber der Kauf durch Johnny Depp, man lebt ganz gut vom „nebulösen“). Das muss man sich mal vorstellen: Erst kauft also Johnny Depp, und dann erst Warren Buffett. Und Brad Pitt ist auch interessiert. Was macht eigentlich George Clooney? Der hat mit Proto in Italien Geschäfte gemacht. Wie übrigens auch Johnny Depp. Es ist ein ewiger Kreislauf.

Merkwürdigkeit 8: Viele Medien, die nicht einfach nur von lokalen Nachrichtenagenturen abschreiben, sondern Primärquellen wollen, ließen die Finger von der Geschichte.

All diese Merkwürdigkeiten habe ich heute früh in etwa 15 bis 20 Minuten gegoogelt, mit ein paar Rückwärtssuchen, Datumseinschränkungen (einfach alles über Proto bis vorvorgestern, damit man nicht erschlagen wird von den hunderten Artikeln der letzten zwei Tage). Und mir war klar, dass die Geschichte so nicht stimmen kann. Und Buffett vielleicht für eine Versicherung der Insel angefragt wurde, was ja PR-technisch immer noch als „gemeinsame Entwicklung“ interpretiert werden könnte von Proto und Buffett.

Zugleich habe ich mich aber auch geärgert, dass die Geschichte in dieser ohnehin politisch angespannten Atmosphäre „herum“ ging wie nichts trotz dubioser Quellenlagen und allerlei Merkwürdigkeiten. Proto verschwand gar aus vielen Artikeln, es ging nur noch um Buffett, der „zugeschlagen“ habe. Bildergalerien wurden gebaut, der ganze Trash der Inselvermittlungsseite ausgeschlachtet.

Der Effekt: Das alles macht Menschen wütend und traurig, für nichts und wieder nichts, nur, weil sich irgend ein Immobilienfuzzi mal aufbläst. Leider hatte ich heute zu viel zu tun beruflich, mich hinter eine Recherche zu klemmen und Anfragen zu starten. Ich habe daher meinen Verdacht nur twittern können, eine US-Korrespondentin alarmiert, einen Watchblog über meinen Verdacht informiert, um diesem sich abzeichnenden Irrsinn möglichst rasch zu objektivieren.

Nun, es ging jetzt doch alles ein wenig rascher. Hier das Dementi von Buffett.

Update: Buffett nennt die Meldungen „a total fabrication“, er habe noch nie von dem Kerl gehört, der den Inselkauf in Umlauf brachte.

Update II: Nachdem das US-Blog „Zerohedge“ die Meldung über den Kauf durch Buffett und Johnny Depp ungeprüft von Newsweek übernahm, wild ausschmückte und an eine Viertelmillion Follower twitterte, ging die Geschichte auch in den USA so richtig rum. Was Warren Buffet nötigt, eine eMail an das Wall Street Journal zu schreiben, in der er noch einmal die Geschichte als frei erfunden titulierte und erklärte, noch nie von Proto gehört zu haben.

Lustigerweise konfrontierte das WSJ Proto – und dort antwortete man, man habe nie gesagt, dass Buffett die Insel gekauft habe. Man habe Interesse gehabt, die Insel an ihn zu verkaufen. In anderen Stellungnahmen kündigte man an, Dokumente zu veröffentlichen, die die ganze Sache aufklären würden.

Update III: Der „Business Insider“ zitiert eine Sprecherin von Proto wie folgt: „… Proto was hoping to capitalize on the coverage to „get directly to Mr. Buffett.“

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