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Profitabler als Drogenhandel

22. Oktober 2015

In der heute erscheinenden Ausgabe von „Capital“ habe ich mal den „Lebenszyklus“ eines realen Pennystocks nachgezeichnet. (Kleiner Kauftipp ;-)) Doch warum geraten gerade solche Zockeraktien irgendwie nie aus der Mode?

Anleger nehmen Aktien mit extrem niedrigen Kursen als „billig“ war und extrapolieren daraus große Renditechancen, sie schlagen sie meist auch ganz realistisch dem „Risikobudget“ ihrer Anlagen zu oder sehen es schlicht als Lottospiel (siehe auch hier). Viele werden auch schlicht mit psychologischen Tricks, dem so genannten „Cold Calling“, telefonisch dazu gebracht, bestimmte Aktien zu kaufen. Um hier einmal eine Aufsichtsperson zu zitieren, die ich im Artikel für meine Recherche nicht namentlich nennen konnte: „Es gibt Menschen, die über die Gabe verfügen, anderen am Telefon fast alles verkaufen zu können, die so gut in der Lage sind, je nach Gesprächspartner mit Druck, Autorität oder auch Humor und Kumpelhaftigkeit zu arbeiten oder Einfühlsamkeit – da haben viele Menschen kaum eine Chance, sich zu wehren und kaufen dann tatsächlich Pennystocks“ [man erinnere sich an den „Wolf of Wall Street!].

Das ist die Seite der Käufer, in der potenzielle Käufer nie knapp werden.

Man sollte sich allerdings auch einmal die Seite der Verkäufer vor Augen führen. Was viele unterschätzen ist die Tatsache, dass Abzocke mit wertlosen Pennystocks ein Geschäft ist, das irrsinnig hohe Margen abwirft.

Vereinfacht gesprochen reichen umgerechnet rund 100.000 Euro, einen von über 10.000 leeren Börsenmänteln in Nordamerika eine „Geschichte“ einzuhauchen oder eine neue Firma zu gründen, ihr ein Börsenlisting zu besorgen und auch hier in Deutschland als Zweitlisting einzuführen. Sie können die Dienstleistungen drumherum übrigens auch leicht googeln.

Nun muss man sich folgendes vor Augen führen. Eine an sich wertlose Firma, die nur aus heißer Luft besteht, kostet so gut wie nichts im „Unterhalt“. Und die Aktie einer Firma, die nur aus heißer Luft besteht, ist auch nichts Wert. Null! Das heißt aber auch in der Ableitung, dass jeder Cent, den ein Anleger in die Aktien investiert, futsch ist (es sei denn, er findet noch einen Deppen, dem er sie weiterverkaufen kann) und, viel wichtiger, jeder Cent, den er den Altaktionären bzw. Initiatoren beim Kauf für die wertlosen Aktien bezahlt, nach Begleichung der Fixkosten der Reingewinn eben jener Altaktionäre ist.

Ein Geschäft, in dem Umsatz gleich Gewinn ist, wo gibt es das sonst noch?

Üblicherweise vollziehen die Initiatoren von Schrottaktien Kapitalerhöhungen oder Privatplatzierungen zum Dumpingpreis oder gewähren sich massenhaft Optionen, mit denen man dafür sorgt, dass am Ende Millionen – sagen wir: 10 Millionen – Aktien zu einem Preis von, sagen wir, fünf Cent ausstehend sind. Die gehören natürlich alle vor der Börseneinführung den Initiatoren. Es gibt keinen Aktienverkauf zum Börsengang, sondern lediglich eine Handelseinführung, in der man entsprechend natürlich auch den ersten Preis für die erste Transaktion aus Verkäufersicht frei gestalten kann.

In diesem Rechenbeispiel – 10 Millionen Aktien zu je 5 Cent zum Zeitpunkt des Handelsstarts – läge also der Börsenwert bei mikroskopischen 500.000 Euro. Aus diesem niedrigen Börsenwert wird dann ja auch die Legende der Chancen gestrickt: Bei dem vielen Öl, Gold und Kupfer, das man bestimmt bald fördern werde, da sei doch ein Börsenwert von mehreren Millionen drin, die Aktie mithin ein Vervielfacher.

Wie eingangs erwähnt müssen nun wenigstens 100.000 Euro in die Aktie fließen, damit die Fixkosten gedeckt sind, also Kaufinteressenten wenigstens Schrottaktien im Wert von 100.000 Euro kaufen, wobei der Kurs keine Rolle spielt. In der Regel versucht man, mit einem starken anfänglichen Kursanstieg das Interesse zu locken, im Beispiel auf 20 Cent und einen Börsenwert von 2 Millionen Euro.

Sind diese 100.000 Euro erwirtschaftet, sind alle weiteren Aktienumsätze (Verkäufe der Initiatoren, ggf. über Dritte) via Insiderverkäufe sofort „gewinnwirksam“, denn die Aktie ist und bleibt ja Schrott und nichts Wert, irgend ein Depp (oder Betrogener) zahlt aber dennoch irgend einen Betrag für sie, und ob der Kurs dann bei 5 Cent oder 20 Cent oder einem Euro liegt, spielt gar keine Rolle, jeder investierte Euro, 1.000 oder 10.000 oder 100.000 Euro, der nicht von anderen Verkäufern (die es im frühen Stadium kaum gibt bzw,. geben kann) bedient wird, entspricht dem Reingewinn.

Das erklärt auch, warum sich das „Streubombenmarketing“ über Faxe, Newsletter, Spam-eMails und Co. lohnt für Schrottaktien; selbst wenn nur ganz wenige angepingte Leser anbeißen, reicht das schon, für ihre Anlagen gilt: Umsatz minus (geringe) Marketingkosten = Gewinn.

Vielleicht hilft das zu verstehen, warum diese Pennystock-Pushs erstens nicht aussterben – und zweitens es auch ein schwaches Argument ist, ein Wert habe ja einen so kleinen Börsenwert und so geringe Umsätze, dass sich die Höhe des Schadens in Grenzen hielte. Hier macht’s die Masse an Schrottaktien – und die Tatsache, dass die Margen exorbitant hoch sind!

(Siehe auch Bafin-Warnliste http://www.bafin.de/DE/Verbraucher/Aktuelles/ListeVerbrauchermitteilungen/VerbraucherMarktmanipulation/liste_meldungenVerbraucher_node.html)

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