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Ich bin (doch) blöd

21. Dezember 2015

Der härteste und teuerste Teil in Sachen „Gewinne mitnehmen“ ist nicht „Gewinne mitnehmen“. Es ist der Wiedereinstieg. Er fällt schwer, wenn die Kurse weiter sinken. Er ist psychologisch annähernd unmöglich, wenn die Kurse weiter klettern. Woher ich das weiß? Weil ich selbst regelmäßig daran scheitere. Ein Blick in mein Riester-Orderbuch.

In der Theorie hört es sich ganz einfach an (und erklärt auch die Popularität vieler Mischfonds): Warum nicht einfach mal ein paar Gewinne mitnehmen am Aktienmarkt und in Cash umschichten, wenn der Markt gut gelaufen ist und/oder ins Taumeln gerät? Das war hier schon oft Thema, aber ich möchte es einmal an einem praktischen Beispiel erläutern – mir selbst.

Diese Strategie des „Markttimings“ ist langfristig einem Kaufen&Halten dramatisch unterlegen, auch wenn es kontraintuitiv wirkt. Und zwar nicht wegen des Prozesses des Verkaufs. Sondern wegen des Wiedereinstiegs.

Unterstellen wir, jemand liquidiert seinen Dax-Indexfonds bei einem Stand von 11.000 Punkten, weil er der gut sechsjährigen Rally misstraut. Anschließend rutscht der DAX tatsächlich durch auf 8.000 Punkte.

Eigentlich hätte der Anleger einen Riesenjob gemacht. Er könnte sich bei 8.000 Punkten seinen Dax-Indexfonds billiger zurück kaufen. In der Praxis wird aber die Stimmung nach dem Rutsch so katastrophal sein, dass der Anleger mutmaßlich zaudern und zögern wird, ob es nicht noch weiter runtergeht – oder er tapst nur mit einem Teilrückkauf zurück.

Langfristig steigen Aktienmärkte aber nun mal. Das heißt, mit einer Wahrscheinlichkeit von knapp 70 Prozent (denn so groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Aktienmarkt ein positives Jahr erzielt, und zwar ganz unabhängig davon, ob es zuvor rauf oder runter ging) wird der Dax dem Anleger nicht den Gefallen tun, zu sinken, sondern vielleicht auf 12.000 oder 13.000 Punkte zu klettern. Und dann?

Ich behaupte, ohne dass ich dazu Zahlenmaterial zur Hand habe, dass 99 Prozent der Privatanleger psychologisch nicht in der Lage sind, sich den Dax-Indexfonds (oder eben auch Aktien) teurer zurück zu kaufen, den sie zuvor zu 11.000 Punkten versilbert haben. Stattdessen redet man sich ein, dass der Verkauf richtig gewesen sei, der Markt „durchdrehe“, völlig irrational sei – und nimmt sich vor, erst dann wieder einzusteigen, wenn er mal wieder deutlich auf unter 11.000 Punkte rutscht, mithin er also vom Markt „Recht“ bekommt. Was womöglich nie mehr passiert.

Und schon haben wir den Schlüssel zur Frage, warum Markttiming zum Scheitern verurteilt ist, Markttimer eine weitaus größere Trefferquote als 50 Prozent benötigen, um hohe Renditen zu erzielen – und warum ich auch die Artikel merkwürdig und praxisfern finde, die zu „Gewinnmitnahmen“ raten. Verkaufen ist der leichte Teil. Der Rückkauf aber fast unmöglich.

Einen schönen Eindruck von der typischen Unfähigkeit in Sachen Markttiming bekomme ich, wenn ich meinen eigenen Riester-Fondssparplan betrachte. (Falls Ihr Puls nun hochgeht: Das Für und Wider von Riester und meine Haltung steht länglich hier in diesem Capital-Beitrag).

Konkret muss ich jährlich 2.100 Euro einzahlen, um die maximale Förderung zu erhalten. Ich könnte diesen Beitrag (abzüglich der Zulagen) einzahlen, indem ich ihn einfach durch zwölf Monate dividiere und diesen Betrag monatlich zahle. Ich könnte ihn auch auf einen Schlag zahlen jährlich. Das wäre am klügsten und einfachsten.

Entschieden habe ich mich aber dafür, monatlich 100 Euro einzuzahlen, um die Zahlung ein wenig zu strecken und zu glätten (was zwar nicht mehr kostet, aber finanzmathematisch trotzdem Unsinn ist, aber eben auch bequem).

Die  Differenz zum maximal förderfähigen Betrag (2.100 – 1.200 – 154  Zulage  = 746 Euro) – also 746 Euro – nehme ich mir jährlich vor, in einer unterjährigen „Krise“ auf einen Schlag zu kaufen. Hier ist meine Logik dafür: Bei Riester-Fondssparplänen muss der Anbieter eine Beitragsgarantie zum Rentenbeginn bieten. Die stellt er sicher, indem er bei zu großen Verlusten aus Aktien in Anleihen umschichtet. Indem ich in einer Krise am Aktienmarkt zumindest einen kleinen Betrag der gesamten Ansparsumme „nachschieße“, senke ich die Wahrscheinlichkeit ein kleines bisschen, „umgeschichtet“ zu werden. Und bin auch ein kleines bisschen antizyklisch. Schließlich betreibe ich sonst auch ungefördert viel „Buy&Hold“.

Blicke ich nun über meine Abrechnungen, kann ich Ihnen genau sagen, wann ich jeweils die Differenz zum maximal förderfähigen Betrag eingezahlt habe in den letzten Jahren.

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(…)

Wie das sein kann? Ganz einfach: Natürlich hat es öfters mal unterjährig „gerappelt“. Und die Tatsache, dass ich den Vertrag schon lange bespare und dick im Plus bin minimiert die Gefahr, „umgeschichtet“ zu werden, weshalb ich das Thema auch ein wenig nachlässig behandelt habe. (Bei einem Guthaben von rund 25.000 Euro im Vertrag macht der „Nachschuss“ von 746 Euro auch keinen so großen Unterschied mehr).

Aber: Natürlich war bei jedem Dax-Mini-Crash in meinem Kopf, dass ich ja jetzt die knapp 800 Euro in meinen Riester-Vertrag nachschießen könnte für den Jahreshöchstbetrag. Zum Beispiel auf dem Höhepunkt der Euro-Krise 2011. Im Zuge des Einbruchs im Herbst 2014, als der DAX mal eben unter 9.000 Punkte fiel. Im Zuge der China-Turbulenzen im August 2015.

Aber jedes Mal, wenn ich darüber nachdachte, ging mir eine Sekunde später wieder durch den Kopf, dass ich besser noch ein wenig abwarte mit meinem „Mini-Markttiming“ und der Dax bzw. die globalen Aktienmärkte bestimmt noch ein bisschen weiter durchrutschen.

Und jedes Mal, man ahnt es, rauschen die Monate vorbei, erholt sich der DAX, vergesse ich das Thema („Jetzt ist es ja auch egal! Warte ich mal ab, was bis Dezember passiert!“) und fällt mir dann so um den 15. Dezember herum ein, dass ich ja noch die knapp 800 Euro nachschießen muss. Die ich dann seit Jahren verlässlich in der Nähe der Jahreshöchstkurse investiere. Wir sind schließlich in einem Bullenmarkt.

Natürlich war das rückblickend auch meist nett, denn es ging im Jahr drauf ja meist weiter aufwärts, obwohl einem die Intuition sagte: Das ist jetzt aber auch suboptimal, die Summe nahe der Höchstkurse anzulegen. Aber die Chance, einfach mal nach einer Korrektur nachzulegen, die verpasse ich jedes Jahr. Auch, wenn sie renditetechnisch, wie bei allen langfristigen Sparplänen, kaum noch ins Gewicht fällt, denn schon kleinere Marktschwankungen haben größere Vermögenseffekte als die knapp 800 Euro.

Mein Vorsatz also für das neue Jahr: In einer Korrektur lege ich „wirklich“ mal nach, zumindest in meinem Riester-Fondssparplan. Und plane es nicht nur und schiebe es dann auf bis zum Jahresende.

 

 

 

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5 Kommentare
  1. Frank permalink

    Eine „Strategie“, die recht zuverlässig funktioniert, ist die allseits bekannte „Sell in May…and remember to come back in September“-Regel. Auch wieder dieses Jahr.

    Ich fahre dabei meine Aktienquote nicht auf 0% runter, sondern handele nach Graham, der rät mindestens 25% investiert zu bleiben. Aktuell bin ich also wieder stark investiert und plane im Frühjahr auf 25% runter zu fahren.

    Laut BO bringt das sogar mehr als Buy and Hold:

    „Wer seit 1970 Ende April immer alles verkauft hätte und erst Ende September (zum Teil erst Ende Oktober) wieder voll eingestiegen wäre, hätte im Durchschnitt als DAX-Anleger bis heute eine jährliche Rendite von 9,13 Prozent erzielt, der S&P-Anleger 7,32 Prozent.“

    Vergleich dazu „Ein DAX-Daueranleger hätte seit 1970 eine jährliche Rendite von 6,42 Prozent in Euro erzielt, ein S&P-Daueranleger 7,03 Prozent in US-Dollar.“

    Für mich ist der psychologische Trick die Regel des Verkaufs- und Wiedereinstiegszeitpunkts. Bis Ende Oktober ist bei mir die Aktienquote wieder auf „Soll“ egal, wo der Dax steht.

    In einigen Jahren wird es mir nichts bringen, in vielen Jahren heftige Verluste vermeiden. Das reicht mir.

    Viel Glück mit dem Riester-Plan! Ich habe meinen wegen Wechsel in die Freiberuflichkeit vor einigen Jahren beitragsfrei gestellt.

  2. Dazu fällt mir nur eines ein: Unsere Emotionen haben uns eben in Griff!

    Daher ist die Automatisierung der Investment Strategie sehr entscheidend.

    MFG Philipp

  3. Dazu fällt mir nur eines ein: Unsere Emotionen haben uns eben im Griff!

    Daher ist die Automatisierung der Investment Strategie sehr entscheidend.

    MFG Philipp

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