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Dont panic – but if you panic, make sure you panic first

7. Januar 2016

Die Handelsregeln in China liefern einen schönes Beispiel für den irrsinnigen Versuch, mit „Regeln“ einen Markt davon abzuhalten, einzubrechen. Sehen wir es als kostenlosen Anschauungsunterricht für den Fall, dass auch die Aufseher hier einmal auf merkwürdige Gedanken kommen

 

Überlassen wir die Analyse der chinesischen Wirtschaft und der Aktienmarktbewertung kurz anderen – was ich spannend finde, ist der Effekt der neuen Handelsregeln, mit denen China die Volatilität beziehungsweise Verluste eindämmen will.

Demnach wird der Handel ausgesetzt, wenn der CSI 300 Index (der 300 größten Festlandaktien) um fünf Prozent fällt – und zwar für 15 Minuten. Fällt er dann weitere zwei Prozentpunkt, wird der Handel für den ganzen Tag ausgesetzt.

Genau das ist nun im neuen Jahr bereits zweimal passiert, heute innerhalb einer halben Stunde. Das heißt, der Markt hat den Handel zweimal mit sieben Prozent Minus beendet, obwohl die Regel die Turbulenzen ja eigentlich eindämmen sollten.

Das ist allerdings nicht merkwürdig, sondern vollkommen rational, und es ist erstaunlich, dass sich die Behörden von den Maßnahmen Verbesserung versprachen. Denn wenn ich weiß, dass bei einem Tagesminus von sieben Prozent der Handel beendet wird für den Tag, will ich selbstverständlich der erste sein, der überhaupt noch verkauft, wenn sich ein Kursverlust anbahnt.

Allerspätestens nehme ich den 15minütigen Handelsstop nach fünf Prozent Tagesverlust als Anlass, die folgende letzte Chance zu ergreifen, ehe der Tag bei minus sieben Prozent enden könnte. Der Handelsstopp fungiert als unübersehbare Warnung, dass schon sehr bald (nach Wiedereröffnung) Schluss für den ganzen Tag sein könnte.

Denn in diesem Fall sitze ich erst einmal garantiert über Nacht auf dem Tagesminus von sieben Prozent und bekomme – wie alle anderen, zunächst vom Handel ja auch ausgeschlossenen – Zeit, mir eine Nacht sorgen zu machen. Zum Beispiel, ob das Fenster für einen möglichen Verkauf auch am nächsten Tag vielleicht wieder rasch geschlossen werden wird?

Ein Klassiker der Börsensprüche heißt schließlich: Dont panic – but if you panic, make sure you panic first

Nun kann man einwenden, dass die Regel nicht nur potenzielle Verkäufer zum Nachdenken bringen sollte – ähnliche „Sicherungen“ gibt es ja auch an westlichen Börsen – sondern vielleicht auch den ein oder anderen Käufer eine Nacht Gelegenheit geben könnte, über einen Kauf nachzudenken, wenn der Markt sieben Prozent gefallen ist.

Leider sind wir aber nicht auf einem Kindergeburtstag, auf dem die Dinge ja auch gelegentlich außer Kontrolle geraten und nach diversen Bruchschäden die Party einfach abgebrochen und die Kinder zum Abkühlen nach Hause geschickt werden. Sondern an der Börse.

Und da weiß ich dummerweise als Käufer bei solchen Regeln nicht, ob das „Einfrieren“ bei sieben Prozent Minus nicht weitere potenzielle Verkäufer vom Verkauf abgehalten hat und der Verkaufsdruck noch größer sein könnte, als die sieben Prozent suggerieren.

Und ich muss berücksichtigen, dass der Ausgang aus meiner Position zeitweise – und das rasch, wie wir heute gesehen haben – verschlossen werden könnte, wenn ich es mir nach meinem Kauf anders überlege. Das Chance-Risiko-Verhältnis wurde gegenüber einem freien Markt „verschoben“. Ich warte also lieber ab, ob der Markt nicht noch weiter nach unten rauscht.

Die „Sieben-Prozent-Marke“ entwickelt aber in einem nervösen Markt eine geradezu magische Anziehungskraft. Je näher sie rückt, desto eher muss ich als Anleger zusehen, noch rasch vor „Ladenschluss“ meine Papiere zu verkaufen. Am Ende löschen die Aufseher also einen Brand mit Benzin, man will geringere Schwankungen und besonnenere Anleger – und erntet noch mehr Schwankungen. (Ich weiß nicht, ob und in welchem Ausmaß man in China noch Festlandsaktien shorten kann, aber leichte Tagesverluste wären eine Steilvorlage, rasch mit Leerverkäufen Panik zu stiften, um den Markt in Richtung sieben Prozent Minus zu treiben und verstärken das ganze nochmals.)

Eigentlich recht einfach und naheliegend. Und ich glaube, das solche Themen auch für uns in Deutschland schon bald interessant werden könnten.

Wie ich hier schon oft ausgeführt habe, müsste die Konsequenz aus den extrem niedrigen Zinsen eigentlich sein, dass die Kursschwankungen deutlich höher sind. Die wesentlichen Gründe: Schon geringe Verluste bei Anleihen „fressen“ die sicheren Zinserträge mehrerer Jahre auf und erfordern rasches Handeln. Auch geringe Verluste mit den Risikobudgets von Aktien können nicht länger mit einem Tausch in Anleihen rasch wieder aufgeholt werden.

Ein Beispiel: Wenn jemand zu 100% in den Dax investiert war am 1.1.2016, hat er bis heute 8,5% Verlust eingefahren. Ein Tausch in Bundesanleihenanleihen senkt sein Risiko, er braucht damit aber 17 Jahre beim aktuellen Zinsniveau, um wieder seinen Einstandskurs vom 1.1.2016 zu sehen. Folglich „schmeißen“ Profis viel schneller Aktien, um Verluste rasch zu begrenzen – sie können sie schließlich, anders als früher, kaum noch mit anderen Anlagen aufholen. Viel stärkere, prozyklische Entwicklungen, nach oben wie nach unten, sind die logische Folge.

Die Volatilität der Kapitalmärkte ist aber historisch gar nicht außergewöhnlich hoch, auch wenn uns das so vorkommt. Sie wird vor allem von den Notenbanken „im Zaum“ gehalten mit Aufkäufen und eine weiter netto extrem großzügigen Geldversorgung, denn außer der US-Notenbank sind die großen Zentralbanken weiter sehr lax unterwegs, netto pumpen sie auch 2016 wieder mehr als 1000 Mrd. US-Dollar in den Geldkreislauf. Das klappt natürlich nicht auf Dauer. Daher kann es nicht schaden, sich auch mal das chinesische Experiment näher anzusehen – wer weiß, auf welche Ideen Aufseher auch in Europa kommen werden, wenn ihnen Marktentwicklungen nicht passen!

 

 

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