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Das Undenkbare denken

8. Februar 2016

Was steckt hinter den Ideen, den 500-Euro-Schein abzuschaffen und Bargeldbezahlungen auf 5.000 Euro zu limitieren? Ich fürchte: nichts Gutes

Ich bin etwas spät dran mit einem Beitrag zur laufenden „Bargelddebatte“. Und habe eigentlich auch nicht viel beizutragen außer: Die angelaufene Diskussion, ob wir zur „Terrorabwehr“ und Schwarzgeldbekämpfung nicht den 500-Euro-Schein abschaffen und Barzahlungen limitieren wollen – sie sorgt mich.

Erstaunlicherweise habe ich zuletzt viele Kommentare gelesen, die sinngemäß darauf hinaus liefen: man habe ja sowieso so gut wie nie einen 500-Euro-Schein in der Hand. Man habe ohnehin noch nie etwas für 5.000 Euro oder mehr in Cash bezahlt. Da „fehle“ einem doch auch nichts, wenn es demnächst nicht mehr möglich sei.

Oh doch, das tut es. Es geht schließlich nicht darum, ob man jemals etwas für mehr als 5.000 Euro in bar gekauft hat oder ob man schon mal einen 500-Euro-Schein in Händen hielt. Es geht darum, dass ich es es könnte, wenn mir danach wäre. Schließlich ist es Gesetz, dass Bargeld ein zulässiges Zahlungsmittel ist. Und genau das ist es, was mein Vertrauen in das Bargeldsystem stärkt und mir die Entscheidung erleichtert, aus Bequemlichkeitsgründen auf Platikgeld und elektronische Transaktionen zu setzen.

In den letzten Jahren seit der Finanzkrise haben wir viele „Prinzipien“ über Bord geworfen. Negativzinsen bei der EZB für Anlagen, Nullzinsen über Jahre, Negativzinsen für Anleihen, Aufkäufe in Billionenhöhe, „verdeckte“ Staatsfinanzierung. Alle diese Dinge waren häufig noch „am Vorabend“ ihres Eintretens undenkbar. Oder „bei uns“ undenkbar. Es wäre erstaunlich naiv zu glauben, dass es in der Bargelddebatte nur um Kriminalitätsbekämpfung geht.

Nein, ich fürchte, es geht um etwas ganz anderes. Wir schlittern ganz augenscheinlich in eine wirtschaftlich kritischere Phase, sowohl in Europa als auch in den USA. Und das obwohl die Leitzinsen in den wichtigsten Industrieländern nahe oder auf Null sind, obwohl der Ölpreis kollabiert, obwohl die Geldpolitik weltweit extrem lax ist. (Und die Frage ist berechtigt, die man sich etwa beim französischen Fondshaus Carmignac stellt: wo läge wohl das Wachstum der Eurozone ohne den kollabierten Ölpreis, ohne den schwachen Euro die letzten 18 Monate, ohne die Nullzinsen, ohne das „QE“ der EZB, ohne einer brummenden Konjunktur in den USA – wenn es schon MIT all diesen unterstützenden Faktoren bei nur 1,5 Prozent liegt?)

Zurück zum Bargeldthema: ich glaube nicht, dass es einen „Plan“ gibt, Bargeld abzuschaffen oder gar ein Komplott. Ich halte aber auch weder die Politik noch die Notenbanken für so naiv, dass sie sich nicht auch schon jetzt zumindest mal abstrakt Gedanken machen, wie man technisch sicher stellen könnte, dass Geld- und Fiskalpolitikpolitik auch künftig „greift“ angesichts der vielen schon ausgetesteten Maßnahmen. Und wenn man mit den Zinsen schon auf oder unter Null angekommen ist, dann ist bei einer wirtschaftlichen Eintrübung Kreativität gefragt. Genau an diesem Punkt sind wir nun.

Einer der klügsten und erfahrensten Köpfe der „Financial Times“, Martin Wolf, hat vergangene Woche genau dies gefordert: Der Notenbanken müssen jetzt darüber nachdenken, was sie im Falle eines Abgleitens der Weltwirtschaft in eine Rezession zu tun gedenken (er favorisiert im übrigen „Helikoptergeld“, das man auf Konsumenten herabregnen lässt).

Die ganze Debatte ist verhaltensökonomisch (ich gebe zu, ein Steckenpferd von mir) interessant. Denn ufert sie aus, hat sie womöglich das Gegenteil des gewünschten Effekts: Das Vertrauen der Menschen in Banken – Notenbanken wie Geschäftsbanken – könnte sinken, Sparer könnten sich auf die Suche nach alternativen „Geld- und Wertspeichern“ als dem Bargeld machen, das ohnehin nur einen Bruchteil des Vermögens ausmacht.

 

 

 

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