Skip to content

Wie sich die Deutsche Bank am eigenen Haarschopf aus dem Schlamassel zog

9. März 2016

Erinnern Sie sich an den medialen Aufstand vor vier Wochen, als die Deutsche Bank per Pressemitteilungen ihre Zahlungsfähigkeit für Nachranganleihen verkündete (und ihr Chef Mitarbeitern per offenem Brief erklärte, die Bank sei „rock solid“)? Man muss aufpassen mit Kausalität und Korrelation, aber: die Pressemitteilung fällt exakt zusammen mit der „Wende“ im Aktienkurs. Meiner Meinung nach nicht zufällig. 

 

Die Deutsche Bank musste viel einstecken, als sie sich vor vier Wochen zu Wort meldete, es sei genug Geld da, um Zinsen auf Nachranganleihen zu bezahlen. Wo kommen wir denn hin, wenn eine Bank von diesem Format zu einer ad hoc und offenen Briefen greifen muss, um zu demonstrieren, sie sei in Schuss?

Liquidität ist ohnehin nicht das Problem der Bank. Liquiditätsreserven hat sie reichlich, genauer gesagt: rund 220 Milliarden Euro. Das Problem ist, dass das haftbare Eigenkapital – vereinfacht gesprochen: das Geld, was man ihn anvertraut, um darauf Dividenden zu kassieren, mit dem man aber auch im Pleitefall „voll dabei ist“ – womöglich zu knapp werden könnte, wenn die Bank weitere Verluste schreibt und Strafen zahlen muss.

Ich hatte via Twitter und einigen Kommentaren schon einmal versucht darzulegen, dass der scharf ausgefallene Kursverlust der Deutsche-Bank-Aktien gerade seit Jahresbeginn meinen Recherchen zufolge vor allem vom Anleihenmarkt, genauer: vom Markt für Nachranganleihen/Coco-Bonds „kommt“. Dieser Markt fror in Sachen Liquidität ein, es gab aufgrund einer Verkettung von Ereignissen (die wir nächste Woche in CAPITAL nachzeichnen) kaum noch Käufer. Zugleich machte sich Sorge breit, dass die Deutsche Bank die Zinsen auf ihre Nachranganleihen nicht mehr zahlen könne.

Denn interessanterweise wurden europaweit zwar rund 90 Mrd. Euro an so genannten „Cocobonds“ emittiert. Die Umstände, unter denen Zinszahlungen ausgesetzt oder gar von der Aufsicht verboten werden können, sind jedoch eher schwammig formuliert. Vereinfacht gesprochen kann auch die Aufsicht einschreiten und von einer Bank fordern, dass die Auszahlung von Dividenden, Boni oder eben Nachrang-Zinsen unterbleiben kann, weil man sich sorgt um die Bank. Und selbst die „harten“ Regeln genau dafür sind mit Unsicherheiten behaftet: Eine Bank bilanziert womöglich nach IFRS, aber die Zahlungsfähigkeit auf Nachranganleihen hängt von ihrer HGB-Bilanz ab.

 

Schmieren aber die Coco-Bonds ab und streiken die Käufer, wollen ihre Halter ihre Risiken begrenzen oder einen Verkauf „simulieren“. Das geht über Kreditausfallversicherungen, aber die sind wenig liquide. Also verkaufen sie die hochliquide Aktie der Bank „leer“. Das Kalkül: Wenn schon mein Coco-Bond abschmiert und ich ihn nicht verkauft bekomme, setze ich eben auf fallende Aktienkurse, denn wenn mein Coco-Bond ins Bodenlose fällt, wird es ihr die Aktie gleich tun – und ich verdiene wenigstens mit der fallenden Aktie etwas.

Das ist dann keine Spekulation auf fallende Kurse, sondern eine Absicherungsstrategie. Eine Aktie, die nur noch mit 40% ihres Buchwerts gehandelt wird und bereits um 50 Prozent gefallen ist binnen Monaten, ist ohnehin kein beliebtes Ziel für „Leerverkaufsattacken“, da die Gefahr eines starken Anstiegs über Nacht viel zu groß ist aus Sicht des Leerverkäufers. Hier mehr dazu. 

Ich denke jedenfalls, es ist keine Spekulation, dass ein Ausfall von Zinszahlungen auf Nachranganleihen bei der Deutschen Bank eine mittlere Katastrophe gewesen wäre und sein wird, die einen Dominoeffekt haben könnte. Das weiß natürlich auch die Bank, und die kannte auch die wabernden Gerüchte, dass sie womöglich nicht genug Reserven haben könnte, um die Zinsen auf die Nachranganleihen zu zahlen. (Nochmals: Liquidität hat die Bank noch und nöcher. Die Zahlungskapazitäten für diese eigenkapitalergänzenden Coco-Bonds werden allerdings nicht aus der allgemeinen Liquidität bezahlt, sondern gesondert berechnet. Und genau über diese Berechnung herrschte Unsicherheit).

Jedenfalls tat die Bank in dieser Lage das einzig richtige: sie schuf Klarheit, dass die Zahlungskapazität vorhanden ist. Und legte gleich noch mal den Brief des Chefs am nächsten Tag nach. Dafür gab es mächtig „Schelle“ von einigen meiner Kollegen. Die Marktakteure, mit denen ich sprach, erklärten mir indes einstimmig: Das war wichtig, höchste Eisenbahn, und richtig. Und dass Verwirrung herrschte, was auch nicht allein Verantwortung der Deutschen Bank, sondern auch den Regulierern und Käufern geschuldet, die nicht so genau hingesehen haben.

[Nachtrag: Die FAZ schreibt heute heute (14.3.2016) auf Basis ihres Interview mit Cryan/Fitschen folgendes: „Die Verunsicherung an den Märkten führte er auf die gesetzliche Vorgabe zurück, dass die Ausschüttung für die Coco-Anleihen aus den Rücklagen der HGB-Bilanz erfolgt. Die deutsche Rechnungslegung sei aber ausländischen Investoren nicht geläufig. Er räumte ein, dass es der Bank nicht gelungen sei, „die sehr technischen Aspekte klar und deutlich zu kommunizieren“]

Ich habe mir gestern (Anm: 9.3.2016) noch mal den Chart der Deutschen Bank angesehen. Interessanterweise „drehte“ der taumelnde Aktienkurs exakt mit der Mitteilung. Der gesamte Aktienmarkt drehte hingegen erst am 11. Februar, also drei Tage später.

Was das mit privater Geldanlage zu tun: Nicht genau hinzuschauen ist auch unter vielen Großanlegern verbreitet. Zum Beispiel bei Coco-Bonds, die aktienähnliche Renditechancen und -risiken aufweisen, aber von Anleihenexperten aufgekauft wurden. Und auch Regulierer schaffen manchmal mehr Verwirrung denn Klarheit, schaffen Fehlanreize. Die Regulierung der letzten sieben Jahre hat auch einen Preis, welchen, merkt man manchmal erst zu spät.

Die „Hütte“ brannte am Kapitalmarkt jedenfalls Ende Januar, Anfang Februar lichterloh. Mehr dazu in „Capital“ nächsten Donnerstag!

dbk_chart1

 

Chart via comdirect.de

Advertisements

From → Blog, Uncategorized

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: